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Volker Schork und Alexander Klein vom ACE zählten gestern, wie viele Auto- und Fahrradfahrer sich an einer Kreuzung richtig verhalten.

Verkehrssicherheitsaktion

Aktion "Fahr mit Herz!" zeigt: Viele Frankfurter fahren rücksichtsvoll

518 Fahrradunfälle gab es von Januar bis Juni in Frankfurt, vier Radler starben seit Jahresbeginn. Und die Zahlen steigen. Um dem entgegenzuwirken, hat der Auto Club Europa (ACE) seine diesjährige Verkehrssicherheitsaktion dem Thema Abbiegen gewidmet. Was drei ACE-Mitglieder gestern an einer Bockenheimer Kreuzung beobachteten, lässt Luft nach oben – ist aber besser als in anderen hessischen Städten.

Der Radfahrer könnte ein Musterbeispiel sein: Statt Kopfhörern hat er einen Helm auf dem Kopf, sein Handy bleibt auch an der Ampel in der Tasche. Und auch die Frau im weißen VW, die von der Senckenberganlage rechts in die Bockenheimer Landstraße abbiegen will, verhält sich ordnungsgemäß und blinkt. Allein: Weil der Radfahrer nicht bis zur nach vorne versetzen Haltelinie gefahren ist, sieht die Frau ihn nicht. Und weil sie beim Anfahren den Schulterblick vergisst, stoßen die beiden nur ganz knapp nicht zusammen.

Der Fast-Zusammenstoß ist die brenzligste Situation, die Alexander Klein, Dieter Harms und Volker Schork an diesem Mittag beobachten. Knapp eine Stunde lang hat Klein die Fehler der Autos beim Abbiegen erfasst, Harms gezählt, wie viele Radler ohne Helm unterwegs sind, und Schork darauf geachtet, was Fahrradfahrer an der Kreuzung falsch machen.

Die Ergebnisse könnten besser sein: Von 182 Radfahrern trugen 80 Prozent keinen Helm, 20 Prozent machten einen anderen Fehler, benutzten an der Ampel zum Beispiel ihr Handy oder fuhren über die Fußgängerampel statt zu schieben. „Ich bin Lehrerin und habe zwischen den Hausbesuchen wenig Zeit“, begründete eine blonde Dame ihr Fehlverhalten. „Ich habe nicht gewusst, dass man in Frankfurt nicht über Fußgängerampeln fahren darf“, sagte ein junger Mann. Teilweise überquerten vier Fahrradfahrer parallel die Straße – aber nur einer von ihnen korrekt auf dem Fahrradweg.

Gefährlicher als Fahrradfahrer auf dem Fußgängerüberweg seien aber Autofahrer oder Lastwagen, die beim Abbiegen unachtsam seien, sagt Harms. Auch hier ist in Frankfurt Luft nach oben: 44 Prozent der beobachteten Rechtsabbieger machten einen Fehler, die meisten von ihnen sparten sich den Schulterblick, fünf vergaßen zu blinken. „Je größer das Auto desto kleiner die Neigung, den Blinker einzuschalten“, sagt Klein.

Immerhin: Vergleicht man die Ergebnisse mit denen aus anderen hessischen Städten, steht Frankfurt ziemlich gut da: In Kassel zum Beispiel machten 63 Prozent der beobachteten Autofahrer Fehler beim Abbiegen, in Hanau gar 72 Prozent. Bei den dreisten Radlern belegt Kassel mit 41 Prozent Fehlerquote den Spitzenplatz, gefolgt von 34 Prozent in Marburg. Dafür trugen in Marburg nicht 20 sondern 41 Prozent der Radler einen Helm. Insgesamt hat der ACE bisher sechs hessische Städte getestet, heute folgt als letztes Offenbach.

Dass die Bockenheimer Rad- und Autofahrer vergleichsweise wenig falsch gemacht haben, ist aus einem weiteren Grund bemerkenswert: Die drei ACE-Mitglieder haben vier Tage gebraucht, um überhaupt eine Kreuzung zu finden, an der Gefahrensituationen wahrscheinlich sind. „In Frankfurt sind die Probleme an Kreuzungen oft gut gelöst“, sagt Schork: Die Spur für Radfahrer ende weiter vorne als die für Autofahrer, so dass Radler gut sichtbar seien. Zudem gebe es an vielen Kreuzungen spezielle Radfahrer-Ampeln, die früher grün werden.

Einem älteren Herrn sind die allerdings völlig egal. Er fährt mit seinem Fahrrad an den wartenden Autos vorbei bei rot über die Ampel, kreuzt auf die Gegenspur, wo die Autos mittlerweile grün haben, und schlängelt sich kurzerhand zwischen den anfahrenden Autos durch auf den Gehweg. Alexander Klein schüttelt den Kopf. „Jetzt müssten sich die Leute nur noch an die Regeln halten.“ Weil solche Dummheiten im Zweifel das Leben kosten, appelliert der ACE an alle Verkehrsteilnehmer, aufeinander zu achten und Rücksicht zu nehmen. Zudem sollten Totwinkelwarner für Lkws verpflichtend werden. Mitte August hatte ein Lastwagenfahrer einen Zwölfjährigen beim Abbiegen übersehen und überrollt. „Und auch für Autos wäre ein Abstandsmesser, der auch Menschen erkennt, möglich“, sagt Klein. Oder Kameras statt Spiegeln, so dass es gar keinen toten Winkel mehr gäbe.

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