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Albina Nazarenus-Vetter: „Die Ukraine verteidigt auch unsere Werte“

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Albina Nazarenus-Vetter
Albina Nazarenus-Vetter © christoph boeckheler*

Albina Nazarenus-Vetter spricht über Russlanddeutsche, den Krieg und ihre Aufgabe im neu gegründeten CDU-Netzwerk für Aussiedler.

Frankfurt -Seit vielen Jahren ist Albina Nazarenus-Vetter in Selbsthilfeorganisationen für Russlanddeutsche engagiert. Kürzlich wurde sie zur Vorsitzenden des neu gegründeten CDU-Netzwerkes „Deutsche aus Russland und Aussiedler“ gewählt. Mit der CDU-Politikerin sprach Redakteur Thomas Remlein.

Warum hat sich das CDU-Netzwerk „Deutsche aus Russland und Aussiedler“ gegründet?

Sich um die größte Zuwanderungsgruppe in Deutschland zu kümmern, war von Beginn an das große Anliegen der CDU. Man muss wissen, dass die Rückkehr der Deutschen aus Russland in die Heimat der Vorfahren überhaupt erst möglich wurde dank des Einsatzes der CDU. Nicht erst seit Helmut Kohl, sondern eigentlich schon unter Konrad Adenauer. Er hat das Thema der ethnischen Deutschen bei seinem Besuch im Jahre 1955 Moskau angesprochen. Aber Ende der 50er Jahre war die Rückkehr der Deutschen aus Russland politisch nicht möglich. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde es möglich, dass diese Menschen, die nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges durch Stalins Erlass nach Sibirien, Kasachstan und Zentralasien deportiert wurden, wieder in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren. Die Bindung an die CDU hat aber nachgelassen. Nun will sich die CDU wieder mehr den Belangen dieses Personenkreises anzunehmen.

Wo will das Netzwerk ansetzen?

Das Netzwerk soll die vielfältigen Anliegen der Deutschen aus Russland und Aussiedler programmatisch bündeln, Empfehlungen für die konkrete politische Arbeit wie Kampagnen, Veranstaltungen, Wahlkämpfe erarbeiten und wiederum parteipolitischen Erwägungen in die Zielgruppe zurückspiegeln. Deutsche aus Russland und Aussiedler sollen zukünftig besser in die aktive politische Arbeit - auch als Mandatsträger - eingebunden werden. Es gibt bei der CDU beispielsweise nur eine Russlanddeutsche in der Bundestagsfraktion: Ottilie Klein. Das soll sich ändern.

In Deutschland leben mehr als drei Millionen Deutsche aus Russland. Was sind die spezifischen Probleme dieses Personenkreises?

Ein großes Problem ist die herrschende Altersarmut. Die ist zurückzuführen auf die Änderungen im Fremdrentengesetz der 1990er Jahre. Dadurch erhalten die Leute eine Rente, die an der Grenze zur Grundsicherung liegt. Das betrachten die Russlanddeutschen als große Ungerechtigkeit. Es lässt sich weder politisch noch moralisch rechtfertigen, dass Deutsche aus Russland im Alter mit einer erheblich reduzierten Rente rechnen müssen, obwohl ihre Kinder laut Statistiken weitaus mehr in die deutschen Rentenkassen einbezahlen, als deren Eltern aus diesen Kassen zufließt.

Kommen immer noch Deutsche aus Russland in die Bundesrepublik?

Ja, jährlich um die 8000 aus dem gesamten Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Es leben zurzeit noch rund 500 000 Deutschstämmige in der Russischen Föderation, über 100 000 in Kasachstan, etwa 20 000 Deutschstämmige in der Ukraine, um die 10 000 in Usbekistan. Das politische Ziel muss es sein, dass auch in der Zukunft alle Deutschstämmigen, die noch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion leben und unter dem Kriegsfolgeschicksal leiden, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückkehren können, sobald sie die formalen Voraussetzungen erfüllen.

Haben sich gegen Russlanddeutsche wegen des Ukrainekriege hierzulande die Vorbehalte verstärkt?

Teilweise. Wir haben nach Ausbruch des Krieges festgestellt, dass es Vorbehalte gab gegenüber russisch sprechenden Menschen, nicht unbedingt nur gegen Russlanddeutsche. Es leben hier in Deutschland auch über 120 000 jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion, die Russisch sprechend sind, aber auch die Menschen, die aus der Ukraine flüchten, sind teilweise Russisch sprechend. Die Selbstorganisationen appellierten, dass man nicht alle Russischsprechenden als Putin-Versteher abstempelt. Die überwiegende Mehrheit der hier lebenden Russlanddeutschen verurteilt den von Putin gegen die souveräne Ukraine geführten Krieg aufs Schärfste und zeigt sich klar solidarisch mit dem ukrainischen Volk. Wichtig für sie ist es, dass sie im Fall der Ausgrenzung aufgrund der Herkunft oder Sprache vom hiesigen Staat Schutz erhalten.

Haben Menschen mit deutschen Wurzeln in Russland derzeit wegen der Unterstützung der Bundesregierung für die Ukraine größere Schwierigkeiten?

Ja, sehr große Schwierigkeiten. Das melden uns auch Personen, die wir betreuen. Menschen deutscher Herkunft werden bedrängt, weil man weiß, dass Deutschland auf der Seite der Ukraine steht. Putin führt ja nicht nur Krieg gegen die Ukraine. Es ist ein Krieg gegen den Westen und seine demokratischen Werte. Die Diskriminierung der ethnischen Minderheiten hat ja nicht aufgehört nach dem Zerfall der Sowjetunion. Es sind auch nicht nur die Deutschen, die diskriminiert werden. Auch bei der Teilmobilmachung wurden zuerst bzw. vorzugsweise ethnische Minderheiten in den Krieg eingezogen.

Haben Sie noch Kontakte nach Russland?

Kontakte ja, aber keine Verwandten mehr. Die Kontakte sind ehemalige Kommilitonen und Schulfreunde.

Und was erfahren Sie von denen über die Lage in Russland?

Die Lage hat sich nach der Teilmobilmachung dramatisch verschlechtert. Der Krieg ist in den Alltag der Menschen eingekehrt. Man hat Sorgen um junge Menschen, die eingezogen werden. Diejenigen, die Verwandte zum Beispiel in Kasachstan haben, flüchten. Viele sind aber der Propaganda in den Medien ausgesetzt. Teilweise wurde dieser Krieg schon begrüßt, weil man der Propaganda auf den Leim gegangen ist. Wir schütteln hier nur den Kopf über die dort herrschende Unwissenheit.

Im Westen hofft man, dass der Widerstand der Bevölkerung in Russland gegen den Ukrainekrieg zunehmen könnte. Ist damit zu rechnen?

Also, man hat ja zu Beginn der Teilmobilisierung immer wieder vernommen, dass es Proteste gab. Aber die wurden teilweise gleich wieder niedergeknüppelt. Die freie Meinungsäußerung, wie wir sie im demokratischen Westen kennen, gibt es ja nicht im Russland. Es gibt keine aktive Opposition, es gibt keine aufgeklärte Bürgerschaft, die bereit ist, für ihre Rechte zu demonstrieren wie jetzt im Iran. Viele sind nach Ausbruch des Krieges in den Westen geflohen. Eine große Community geflohener oppositioneller Journalisten befindet sich in Berlin. So wie wir es uns wünschen, dass Menschen Putin stürzen würden und seinen Machtapparat, ist leider nicht zu erwarten.

Haben Sie persönlich Hoffnung auf Frieden?

Man darf die Hoffnung auf Frieden nie verlieren. Von heute auf morgen wird es, befürchte ich, nicht geschehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mit der jetzigen Regierung in Russland irgendwelche Verhandlungen möglich sind. Die Gespräche sind erst dann möglich, wenn die Ukraine mit Putin auf Augenhöhe verhandeln kann. Momentan sehe ich jedoch keine Hoffnung, dass das bald passiert.

Haben sie einen Zeithorizont, wie lange das dauern könnte?

Hoffentlich schon im kommenden Jahr. Ich vernehme mit großer Freude die Erfolge der ukrainischen Armee. Aber die Ukraine braucht mehr Unterstützung seitens des Westens - auch mit schweren Waffen. Je erfolgreicher die Ukraine im Kampf gegen den russischen Imperialismus ist, desto schneller kehrt der Frieden ein. Ich bin eine große Befürworterin der Unterstützung der Ukraine - militärischer und humanitärer. Denn die Ukraine verteidigt auch unsere Werte, unsere Freiheit, unsere Demokratie. Das muss uns hier im Westen immer bewusst sein.

Zur Person

Die Vorsitzende des Netzwerkes „Aussiedler in der CDU Hessen“, Albina Nazarenus-Vetter, ist zusammen mit Norbert Strohmaier zur Vorsitzenden des neu gegründeten CDU-Netzwerkes „Deutsche aus Russland und Aussiedler“ gewählt worden. Die 48-Jährige wurde in Podsosnowo im Süden Westsibiriens geboren. 1994 wanderte sie nach Deutschland aus. Von 1995 bis 1999 absolvierte sie an der Humboldt Universität in Berlin ein Magisterstudium für Germanistik und Slawistik. Seit 2007 ist sie Mitglied der CDU, war von 2011 bis 2016 Stadtverordnete, danach bis 2021 Mitglied des ehrenamtlichen Magistrats. Seit Oktober 2019 ist sie stellvertretende Bundesvorsitzende der Union der Vertriebenen, heute Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung (OMV). Seit 2020 fungiert sie als Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft der Deutschen aus Russland in Hessen GmbH. Nazarenus-Vetter ist verheiratet und Mutter zweier Söhne. tre / FOTO:christoph boeckheler

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