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Aleida (71) und Jan Assmann (80) in der Frankfurter Paulskirche. Hans Ulrich Gumbrecht hielt die Laudatio auf die Friedenspreisträger.

Friedenspreis

Aleida und Jan Assmann verteidigen Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Solidarität

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Zum Abschluss der Buchmesse spricht das Gelehrten-Ehepaar der deutschen Gesellschaft ins Gewissen: Ihre Rede ist ein Bekenntnis – und ein Weckruf.

Die Sonntagsrede ließ sich in der Vergangenheit recht einfach charakterisieren: Eine Sonntagsrede enthält so viele wahre und zustimmungsfähige Sätze, dass sie niemand mehr hören will. Sie sind durch häufige Wiederholung zu verschiedensten Feierstunden aus erhabenem oder nichtigem Anlass derart zerschlissen und bis zur leeren Phrase vernutzt, dass sie gänzlich folgenlos bleiben und allenfalls noch als Narkotikum für die geladenen Gäste taugen. Die Sonntagsrede galt eigentlich als erledigt. Bis vor wenigen Jahren.

Denn die Sonntagsrede konnte ihre betäubende Wirkung nur deshalb entfalten, weil der Redner sich stets blind darauf verlassen konnte, dass die übergroße Mehrheit sowohl der geladenen, wie auch ungeladenen Zuhörer auf demselben Fundament von Überzeugungen steht wie er selbst. Seit aber das über Jahre und Jahrzehnte hinweg Vertraute, selbstverständlich und verbindlich Gewordene in Zweifel steht, bedroht und sogar tätlich angegriffen wird, klingt das, was das Zeug zur Sonntagsrede hätte, plötzlich wie eine Offenbarung.

Die Dankesrede, die die Literaturwissenschaftlerin Aleida und der Ägyptologe und Religionsforscher Jan Assmann am Sonntag in der Frankfurter Paulskirche vor rund 700 geladenen Gästen hielten, nachdem sie zuvor aus den Händen von Vorsteher Heinrich Riethmüller den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels empfangen hatten, war eine Wiederbelebung der Sonntagsrede großen, ja allergrößten Stils: In ihrer Klarheit und Präzision, in der Entschiedenheit und Unmissverständlichkeit war sie brillant – eine intellektuelle und moralische Wohltat, eine Erfrischung der Seele, geboren aus der vornehmen Würde und dem unbestechlich-humanen Geist bedeutender, international geschätzter Gelehrter. Eine Sonntagsrede, wie man sie seit Jahren schmerzlich in einem deutschen Parlament vermisst.

Hören wir zu, aufmerksam und mit wachem Verstand: „In der Demokratie kann man das

Denken nicht delegieren

und den Experten, Performern oder Demagogen überlassen. Es stimmt, dass Demokratien durch Streit und Debatten gestärkt werden, aber auch in ihnen steht nicht alles zur Disposition. Es muss unstrittige Überzeugungen und einen Grundkonsens geben wie die Verfassung, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit des Rechts und die Menschenrechte.

Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt. Sie verliert diesen Respekt, wenn sie darauf zielt, die Grundlagen für Meinungsvielfalt zu untergraben. Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument. Pöbeleien oder gar eine Eskalation polarisierender Symbole wie in Chemnitz führen in einen Zustand allgemeiner Verwirrung, legen die Demokratie lahm und machen sie betriebsunfähig für wichtige Aufgaben.“ Oder: „Die Gesellschaft braucht ein Gedächtnis, wie der Einzelne eins braucht: um zu wissen, wer wir sind und was wir erwarten können, um uns zu orientieren und zu entwickeln.“ Und: „Wir können nicht mehr nahtlos an alte Fantasien von Stolz und Größe der Nation anknüpfen. Das nationale Gedächtnis, das lange Zeit ein Sockel für Ehre, Stolz und Heldentum war, ist inzwischen komplexer, inklusiver und selbstkritischer geworden. Es ist eben nicht nur ein Sockel, der die Nation größer und mächtiger macht, sondern auch ein Spiegel der Selbsterkenntnis, der Reue und Veränderung.

Die Nation ist kein heiliger Gral, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort ,Vogelschiss‘ – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden. (...) Beschämend ist allein diese Geschichte, nicht aber die befreiende Erinnerung an sie, die wir mit den Opfern teilen.“

Abwechselnd tragen Aleida und Jan Assmann die Passagen dieser beeindruckenden Rede vor, in der sich wie in ihrer wissenschaftlichen Arbeit ihre Temperamente verbinden. In der Paulskirche anwesend sind die fünf Kinder des Gelehrten-Paars. Und auch das spürt man in dieser Rede: Sie atmet nicht die kalte Luft der Abstraktion, sie kommt aus warmen Herzen und lebendigem menschlichem Empfinden.

Die Stoßrichtung der Friedenspreisrede ist eindeutig: gegen das Ressentiment, gegen Populismus, gegen den Irrationalismus, gegen die Verächter der zivilen Kultur. Sie steht auf der Seite von Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Verbindlichkeit Verantwortlichkeit. Ihre Kronzeugen sind Karl Jaspers und Hannah Arendt. An drei Beispielen zeigen die Assmanns, wie sich diese Werte, wie sich menschliche Solidarität in der konkreten Wirklichkeit ausprägt. Sie stellen Akteure vor, die sich engagieren für andere, für Flüchtlingskinder in einer deutschen Schule, für die Ausbildung von Kindern in Afrika. Und am Beispiel der alten Stadt Hebron im von Israel besetzten Westjordanland illustrieren sie, wie ein recht verstandenes kulturelles Gedächtnis dazu beitragen könnte, Parteien, Völker, Religionen zu versöhnen.

„Wahr ist, was uns verbindet“, zitieren sie den Philosophen Karl Jaspers zum Abschluss. Das Preisgeld in Höhe von 25 000 Euro stiften die Geehrten den drei Initiativen. Wahrheit, Glaubwürdigkeit, Verantwortlichkeit – man wünscht dieser großartigen Sonntagsrede vor allem eines: dass sie Folgen habe.

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