Grundschülerinnen sind in einem Kinderhort mit Bastelarbeiten beschäftigt. An die Kinderbetreuung in der Kita soll sich nahtlos eine ganztägige Betreuung in der Grundschule anschließen. Dafür soll ein bundesweiter Rechtsanspruch für Grundschüler ab 2026 kommen.
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Grundschülerinnen sind in einem Kinderhort mit Bastelarbeiten beschäftigt. An die Kinderbetreuung in der Kita soll sich nahtlos eine ganztägige Betreuung in der Grundschule anschließen. Dafür soll ein bundesweiter Rechtsanspruch für Grundschüler ab 2026 kommen. (Symbolfoto)

Grundschüler

Heftige Kritik an Nachmittagsbetreuung in Frankfurt: Eltern schlagen Alarm

  • Julia Lorenz
    VonJulia Lorenz
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Betreuungsplätze für Grundschüler am Nachmittag sind in Frankfurt rar. Für Eltern sorgt das für eine enorme Belastung.

Frankfurt – Fiona und Marc Sauer* sind erschöpft. Müde. Ausgelaugt. Angespannt. Die Eltern haben für ihren Sohn Maximilian*, sieben Jahre alt, keinen Betreuungsplatz am Nachmittag gefunden. Das heißt: Der Erstklässler kommt seit September - an den meisten Tagen - um 11.30 Uhr von der Schule nach Hause. Fiona und Marc Sauer sind aber beide berufstätig.

"Wir zerreiben uns gerade zwischen Job und Kinderbetreuung. Das ist einfach nur anstrengend", sagt Fiona Sauer. "Wir sind mit unseren Kräften am Limit." Die Organisation des Alltags verlangt dem Ehepaar mit den drei Kindern - Maximilian hat noch zwei Schwestern, ein und vier Jahre alt - einiges ab.

Nachmittagsbetreuung für Grundschüler in Frankfurt: Platzvergabe startet in Kürze

In Frankfurt beginnt die Platzvergabe für die Nachmittagsbetreuung der Grundschüler für das kommende Schuljahr bald wieder. Am 1. Februar jeden Jahres beginnt der Prozess. Deshalb sollten interessierte Familien spätestens bis zum 31. Dezember ihre Kinder in ihren favorisierten Einrichtungen über die Internetplattform kindernetfrankfurt.de anmelden.

Familie Sauer hatte ihren Sohn für die Nachmittagsbetreuung bereits im März 2020 angemeldet. In sechs Einrichtungen in Nied, dort, wo die Familie lebt. Doch bei der Vergabe der Plätze im Februar dieses Jahres sind sie leer ausgegangen. "Wir sind einfach durchs Raster gefallen", sagt Marc Sauer. Das Problem war, dass Fiona Sauer bei der Anmeldung noch in Elternzeit und dementsprechend nicht berufstätig war. Das hat die Familie auch so auf der Homepage bei kindernetfrankfurt.de angegeben. "Jetzt haben sich unsere Lebensumstände verändert. Das wurde aber nicht mehr berücksichtigt." Denn die Plätze sind alle vergeben. Es gibt keinen Puffer.

Und so klingelt für Ingenieur Marc Sauer derzeit jeden Morgen sehr früh der Wecker, damit er um sechs Uhr im Büro im Gallus sein kann. Fiona Sauer weckt die Kinder, bringt sie in Schule, Kindergarten und Krippe, um dann selbst nach Sachsenhausen zur Arbeit zu fahren. Marc Sauer fährt gegen Mittag wieder nach Hause, kocht für den Sohn, isst zusammen mit ihm zu Mittag. "Wenn Maximilian dann Hausaufgaben macht, kann ich noch ein bisschen arbeiten", sagt er. "Das funktioniert aber auch nur, weil ich einen flexiblen Job und Arbeitgeber habe." Seine Frau kommt erst am Nachmittag nach Hause; zwei Mal in der Woche sogar erst gegen Abend.

Frankfurt: Betreuungsplätze für Grundschüler sind schon lange rar

Wie viele Kinder zum Start des neuen Schuljahres im vergangenen Sommer keinen Platz in einem Hort oder der Erweiterten Schulischen Betreuung (ESB) bekommen hat, kann die Stadt nicht beantworten. "Diese Statistik wird nicht erhoben", teilt Jan Pasternack, Sprecher von Bildungsdezernentin Sylvia Weber (SPD) auf Anfrage dieser Zeitung mit.

Dabei ist das Problem mit den fehlenden Betreuungsplätzen am Nachmittag für Grundschüler nicht neu. Jahr für Jahr schlagen besorgte Eltern Alarm, schließen sich zu Initiativen zusammen, sammeln Unterschriften und machen sich selbst auf die Suche nach passenden Immobilien. Doch die Stadt kommt mit dem Platzausbau nicht nach. Das liegt an der wachsenden Zahl an Kindern, den fehlenden Grundstücken und Liegenschaften sowie an der Politik selbst. Denn viele Jahre hatte es in Frankfurt keinen Ausbau der Horte mehr gegeben. Die Stadt hatte auf Ganztagsschulen gesetzt - doch auch deren Ausbau dauert. Erst seit dem Amtsantritt von Sylvia Weber (SPD) wurden Plätze in der Nachmittagsbetreuung wieder ausgebaut.

Seit 2016 wurden nach Angaben des Bildungsdezernats 395 neue Hortplätze geschaffen. Zudem wurden 2061 zusätzliche Plätze in der Erweiterten Schulischen Betreuung direkt in den Schulen eingerichtet. Darüber hinaus konnten 19 Grundschulen für das Angebot "Pakt für den Nachmittag" gewonnen werden. Das Programm umfasst eine Betreuungsgarantie mit Angeboten von 7.30 bis 17 Uhr. Insgesamt gibt es in Frankfurt für die mehr als 25 000 Grundschüler 16 807 Plätze in der Nachmittagsbetreuung (Stichtag: 1. November 2020, aktuellere Zahlen gibt es nicht); davon sind 9468 Hortplätze und 7227 Plätze in der Übermittag-Betreuung in der Schule. 133 Grundschüler werden von einer Tagesmutter oder -vater betreut.

Frankfurt will Nachmittagsbetreuung für Grundschüler weiter ausbauen

"Wir bauen weiter Horte aus", teilt Pasternack mit. Es sollen sowohl bestehende Einrichtungen erweitert als auch neue geschaffen werden. Gleiches gelte für die Erweiterte Schulische Betreuung. "Im Haushalt stehen Mittel für jährlich 400 neue Hortplätze und 850 neue ESB-Plätze zur Verfügung", so Pasternack. Zudem sollen die Förderprogramme "Pakt für den Nachmittag" sowie die Ganztagsschulen mit Profil 3 ausgebaut werden. Kein Wunder: Ab 2026 gilt der Rechtsanspruch auf eine Nachmittagsbetreuung für Grundschulkinder. "Aktuell wird zur Vorbereitung des Rechtsanspruchs ein Gesamtkonzept für ganztägig arbeitende Grundschulen pilotiert, in dem verschiedene kommunale Programme zusammengeführt werden", so Pasternack. "Die Stadt Frankfurt schafft für dieses Gesamtkonzept bei Bedarf die baulich-räumlichen Voraussetzungen für die Ganztagsschulentwicklung einer Schule."

Familie Sauer aus Nied hilft all das aber erst einmal nicht weiter. Sie muss weite durchhalten - und hofft, dass sie im Frühjahr, wenn die Plätze für die Nachmittagsbetreuung wieder vergeben werden, mehr Glück haben wird und ihr Sohn spätestens nach den Sommerferien einen Hort besuchen kann. (Julia Lorenz)

*Name von der Redaktion geändert

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