Wie viele Häuser hat der Zweite Weltkrieg auch das Wohnhaus in der Max-Hirsch-Straße 15 zerstört. FOTO: Institut für Stadtgeschichte/Stürtz
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Wie viele Häuser hat der Zweite Weltkrieg auch das Wohnhaus in der Max-Hirsch-Straße 15 zerstört.

Frankfurter Stadtteilgeschichte

Als aus Trümmern wieder Baumaterial wurde

  • Friedrich Reinhardt
    VonFriedrich Reinhardt
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Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich seitdem verändert. Wie sah es 1946 in den Stadtteilen aus und wie an selber Stelle 2021? Heute geht's in den Riederwald.

Nur wenige Häuser im Riederwald haben die Bombardements des Zweiten Weltkriegs unbeschadet überstanden. Nur 20 Gebäude von 678 blieben heil, heißt es in der Publikation "100 Jahre Riederwald" vom Vereinsring. Auch das Wohnhaus am Schulze-Delitzsch-Platz zwischen der gleichnamigen Straße und der Tilsiter Straße hatte es schwer getroffen. Tilsiter Straße? So hatten die Nazis die Max-Hirsch-Straße umbenannt, weil der Sozialpolitiker Hirsch Jude war. Und der Schulze-Delitzsch-Platz wurde erst weit nach 1945 nach der SPD-Reichtstagsabgeordneten Tesch benannt, die im März 1945 von den Nazis ermordet wurde.

Wie das Wohnhaus am Schulze-Delitzsch-Platz sahen viele Häuser 1946 noch aus. Frankfurt war eine Trümmerlandschaft aus Millionen Kubikmetern Schutt in der Wohnungen und Baumaterialien knapp waren. Um das Problem zu lösen holte der kommissarischen Oberbürgermeister Wilhelm Hollbach einen Mann namens Kurt Blaum nach Frankfurt. Und der hatte einen Plan: Aus den Trümmern Baumaterial zu gewinnen. Aus dem Plan entstand 1946 die Trümmerverwertungsgesellschaft (TVG) an der Ecke Ratsweg und Riederspießstraße. Der Plan mag heute sehr nahe liegend klingen, war damals aber äußerst kompliziert. Die Trümmer bestanden aus Steinen, Gips, Ton, Eisen, Hausrat und Rohren.

Oft waren die Bestandteile in der Hitze der Explosionen verschmolzen. Man konnte sie nicht einfach mit der Hand trennen. Man brauchte effektive Trümmerverwertungsverfahren und dafür eine eigene Gesellschaft. Aber wie kam diese Gesellschaft an die Trümmer? Die gehörten nicht der Stadt. "Viele frühere Hausbesitzer waren nun Haustrümmerbesitzer. Dass jeder für sich aus den Trümmern seines Hauses in der Not retten wollte, was zu retten war, lag nahe", beschreibt der Historiker Werner Benedix das Problem. Die Trümmer mussten also zunächst einmal ganz offiziell beschlagnahmt werden. Es dauerte aber mehrere Monate bis sich die Stadtregierung dazu durchringen konnte.

Auch psychologisch sei die Trümmerverwertung schwierig gewesen, schreibt Bendix. Trümmer wegzuräumen schafft schnelle sichtbare Erfolge. Erst eine Verwertungsgesellschaft aufzubauen, dauerte Monate, in der sich an der Trümmerlandschaft aber nichts ändert.

Dies führte zu 1945 zu Kritik. Der Trümmerbeseitigung ginge zu langsam voran, manche forderten, dass frühere NSDAP-Mitglieder zum Räumungseinsatz verpflichtet werden sollten, damit die Trümmer endlich verschwinden.

Erst am 21. Februar 1946 nahm die TGV ihre Arbeit auf und begann Frankfurt den Schutt aus der Innenstadt an die Riederspießstraße zu fahren. Erst wurden die Hauptverkehrsstraßen freigeräumt, dann Industrieflächen, dann leicht beschädigte Wohnhäuser. Bis die "Aktienbaugesellschaft für Kleine Wohnungen", die heutige ABG Frankfurt-Holding im Riederwald begann die Wohnungen wieder aufzubauen, dauerte es bis 1949.

Friedrich Reinhardt

Die Nazis hatten die Straßein Nazis in "Tilsiter Straße" umbenannt.

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