Die Fronleichnamsprozession führte vor 75 Jahren schon vom Dalles in die Huthmacherstraße und zur Kirche St. Dionysius - daran hat sich nicht viel geändert.
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Die Fronleichnamsprozession führte vor 75 Jahren schon vom Dalles in die Huthmacherstraße und zur Kirche St. Dionysius - daran hat sich nicht viel geändert.

FNP-Serie vor 75 Jahren

Als das Kreuz keine Haken mehr hatte

  • Holger Vonhof
    VonHolger Vonhof
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Heute blicken wir nach Sindlingen.Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich seitdem verändert. Deshalb drehen wir die Uhren zurück und werfen einen Blick in die Vergangenheit. Wie sah es 1946 in den Stadtteilen aus und wie an selber Stelle 2021?

Nirgendwo ist man weiter vom Herzschlag der Großstadt entfernt als in Sindlingen. Der kleine Stadtteil - knapp über 9000 Einwohner - liegt im äußersten Südwesten; dort, wo der Main Frankfurt verlässt. Mit knapp 88 Metern über Normalnull ist das zugleich die tiefstgelegene Stelle.

In Sindlingen gab es noch in den letzten Kriegstagen Schusswechsel mit den auf die Stadt vorrückenden US-amerikanischen Truppen: Als die GIs im gegenüberliegenden Kelsterbach - die Stadt liegt im Kreis Groß-Gerau - auftauchten und von Sindlingen aus zu sehen waren, schoss eine mit alten Männern und Kindern verstärkte Flakbesatzung über den Main; es gab Tote unter der Kelsterbacher Zivilbevölkerung.

Dann war der Krieg zu Ende. In der Nachkriegszeit profitierte Sindlingen von seiner Randlage - und vom größten Schwarzmarkt dieser Zeit, der im benachbarten Zeilsheim im dortigen Lager für jüdische Vertriebene ("Displaced Persons") entstanden war und dessen Reichtümer - vorwiegend aus den Versorgungsbeständen der US-Armee - tauschwillige Deutsche von weither anlockten, die ihre letzten Wertgegenstände zu Brot oder Milchpulver machten. In Sindlingen selbst war das Leben 1946 zwar auch von Not und Elend geprägt, doch war die Versorgungslage besser. Es wurden auch wieder kirchliche Feste gefeiert, so zog etwa wieder eine Fronleichnamsprozession durch den Ort. In der evangelischen Gemeinde des Stadtteils wurde 1946 wieder Konfirmation gefeiert. Lieselotte Heim, geborene Merz, gehörte zu den Konfirmationskindern dieses Jahrgangs, und ein Brief, den sie als Vierzehnjährige an ihre Patentante in Kaub am Rhein schrieb, ist vor einigen Jahren zu ihr zurückgekehrt: Das feinsäuberlich nach allen Regeln des Schönschreib-Unterrichts auf einem Blatt aus einem Schulheft verfasste Schreiben fand sich 1990 im Nachlass der Patentante. "Ich will Dir mal gerade aufzählen, was ich alles bekommen habe", schrieb Lilo Heim damals der Patentante Elschen, die aus dem französisch besetzten Kaub keine Reiseerlaubnis in die US-Zone nach Sindlingen bekommen hatte. Unter den Geschenken, über die sich die Vierzehnjährige anno 1946 freute, waren eine Schüssel Eier, Waschpulver und ein Stück Kernseife, aber auch ein Goethe-Bild, ein Theater-Täschchen oder eine silberne Kette mit Schaumperlen. Fast alle Sindlinger Konfirmationskinder erhielten damals auch ein Sindlingen-typisches Geschenk: Der lokale Uhrmacher Perlick fertigte aus silbernen Fünfmarkstücken Kreuze, die an einer Kette getragen wurden. hv

Die Fronleichnamsprozession führte vor 75 Jahren schon vom Dalles in die Huthmacherstraße und zur Kirche St. Dionysius - daran hat sich nicht viel geändert.

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