1946 konnten Frankfurter den Blick von erhöhten Standorten über die Stadt schweifen lassen (links), heute reicht die freie Sicht nur bis zum nächsten Hochhausfassade.
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1946 konnten Frankfurter den Blick von erhöhten Standorten über die Stadt schweifen lassen (links), heute reicht die freie Sicht nur bis zum nächsten Hochhausfassade.

FNP-Serie vor 75 Jahren

Als Frankfurt noch überschaubar war: Das Bahnhofsviertel vor 75 Jahren

  • Matthias Bittner
    VonMatthias Bittner
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Der Hauptbahnhof Frankfurt stand bei seiner Entstehung noch auf freiem Feld. Heute ist das Bahnhofsviertel ein Ort der Hochhaustürme.

Frankfurt – Als Fred Kochmann im September 1946 auf das Dach des Hauptbahnhof Frankfurt stieg, um ein Panoramabild von der Stadt aufzunehmen, hatte er noch absolut freie Sicht. Das höchste Gebäude war damals der Kaiserdom in der Altstadt, dessen Turm bis zur Spitze exakt 95 Meter misst (im historischen Bild rechts am Horizont zu erkennen). 75 Jahre später endet der Fernblick schon beim wenige hundert Meter entfernten Silberturm (166 Meter) am Jürgen-Ponto-Platz, dem Taunusturm (170 Meter) am Taunustor, dem Galileo-Hochhaus (136 Meter) an der Gallusanlage und dem Eurotower (148 Meter) am Willy-Brandt-Platz (im aktuellen Bild von rechts nach links). Die Skyline lässt mittlerweile kaum noch Lücken für freie Sichtachsen. Wer die Silhouette des Doms sucht, muss deshalb schon ganz genau hinschauen und benötigt ein geschultes Auge, um doch fündig zu werden.

Weil der Platz in Frankfurt begrenzt ist und die Grundstückspreise exorbitant teuer sind, wird eben in die Höhe gebaut. In den nächsten Jahren kommen deshalb auch weitere Türme hinzu – derzeit wachsen auf dem ehemaligen Areal der Deutschen Bank gegenüber vom Roßmarkt die Gebäude in die Höhe. In Anspielung auf den New Yorker Stadtteil Manhattan mit seinen Hochhäusern hat Frankfurt vor Jahren schon den Spitznamen Mainhattan bekommen. 1946 war von Hochhäusern mit glitzernden Glasfassaden noch nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: Die Stadt lag nach rund 70 Luftangriffen alliierter Bomber in Schutt und Asche. Auch die Kaiserstraße, der Prachtboulevard mit seinen beeindruckenden Gründerzeitgebäuden, hatte stark darunter gelitten. Es sollte Jahre dauern, bis die Trümmer beseitigt und die Häuser wieder aufgebaut waren.

6,5 Meter hoch und 4,5 Tonnen schwer ist die Figurengruppe in Frankfurt mit dem Namen „Atlas, die Erdkugel tragend“.

Hauptbahnhof Frankfurt steht bei Gründung noch auf freiem Feld

Entstanden ist die obere Kaiserstraße zwischen Roßmarkt und Taunusanlage 1874. Sie war die Hauptachse zu den Westbahnhöfen, dem damals bedeutendsten Eisenbahnknoten Frankfurts, der 1888 durch den westlich gelegenen Hauptbahnhof ersetzt wurde. Der neue "Centralbahnhof Frankfurt" stand zu der Zeit noch auf freiem Feld. Das sollte sich aber schnell ändern: Auf dem überflüssigen Gleisvorfeld der Westbahnhöfe entstand das Bahnhofsviertel mit der Kaiserstraße als zentrale Achse. Die prächtigen Gründerzeitbauten entlang des Boulevards wurden Ende des 19. Jahrhunderts errichtet.

Nahezu unbeschadet überstand das Empfangsgebäude des Hauptbahnhofs den Zweiten Weltkrieg. Und mit diesem auch die Atlas-Skulptur, die über dem Haupteingang thront. Die 6,5 Meter hohe und 4,5 Tonnen schwere Figurengruppe mit dem Namen "Atlas, die Erdkugel tragend, unterstützt von Dampf und Elektrizität" hat Gustav Herold geschaffen. Die Weltkugel, die die Gruppe trägt, hat nur ein paar "Kratzer" abbekommen. 2014 ließ die Deutsche Bahn das Kunstwerk für 200 000 Euro restaurieren - quasi als letzten Schliff der 2,4 Millionen Euro teuren Erneuerung des Hauptportals. (Matthias Bittner)

Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich seitdem verändert. Wie sah es 1946 in den Stadtteilen aus und wie an selber Stelle 2021? Alle bisher erschienen Folgen finden Sie zudem gebündelt auf unserer Themenseite.

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