1. Startseite
  2. Frankfurt

Als Gorbi zu Gast bei dieser Zeitung war

Erstellt:

Kommentare

Der damalige Geschäftsführer Volker W. Grams überreichte bei einem Gala-Abend Michail Gorbatschow das Faksimile einer Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse aus der Wende-Zeit.
Der damalige Geschäftsführer Volker W. Grams überreichte bei einem Gala-Abend Michail Gorbatschow das Faksimile einer Ausgabe der Frankfurter Neuen Presse aus der Wende-Zeit. © Wenho

Im Jahr 1996 besuchte der Weltveränderer auch eine Leberecht-Spendengala in Frankfurt.

Der Hauch der Geschichte wehte am Montag, 16. September 1996, durch das Holiday Inn in Sulzbach: Michail Gorbatschow und seine Frau Raissa verbeugten sich unter tosendem Applaus vor den etwa 200 Gästen eines Benefiz-Diners der Leberecht-Stiftung dieser Zeitung. 50 000 Mark brachte der Abend mit erlesener Live-Musik und feinsten Speisen ein, die Dr. Roland Gerschermann, damaliger Geschäftsführer der Frankfurter Societätsdruckerei, an die Gorbatschows und die Mischka-Kinderhilfe überreichte - für ein Ultraschallgerät im Moskauer Klinikzentrum. „Gorbi“, so vermerkte es der Bericht dieser Zeitung, überließ seiner Raissa das Reden: Mit zarter Stimme erzählte sie von tausenden Kindern, die in ihrer russischen Heimat Not litten und denen ihr Mann helfen wolle.

„Ich bekomme heute noch Gänsehaut“

Am Dienstagabend ist Michail Gorbatschow, der „Mann des Friedens“, gestorben, sein Besuch in Frankfurt fast 26 Jahre her - doch die Erinnerungen sind noch immer lebendig: „Wenn ich daran denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut“, erzählt Gabriele Hellmich. Ihr Mann Klaus, damals stellvertretender Verlagsleiter, hatte die Gala organisiert und sagt: „Die großen Verdienste Gorbatschows, auch um den Fall der Mauer, lagen noch nicht lange zurück. Bei seinem Gala-Auftritt war die Dankbarkeit der Menschen zu spüren - viele weinten sogar.“

„Er war kein bisschen abgehoben“

Der Unterliederbacher erinnert sich an den großen Politiker als einen „bodenständigen Menschen, kein bisschen abgehoben“ - obwohl er vielleicht auf dem Gipfel seiner Popularität hierzulande war. „Jeder wollte mich dazu bringen, ihm einen Platz an Gorbatschows Tisch zu reservieren“, berichtet Hellmich. Die Plätze rechts und links neben dem Präsidentenpaar waren allerdings schon vergeben: Dort saßen die Leibwächter.

Die Erinnerungen an den Besuch hält Hellmich bis heute in Ehren: Sorgsam aufbewahrt hat er Zeitungsausschnitte, Fotos und die Menü-Karte von damals. So wurde Gorbatschow unter anderem Entenborschtsch mit Entenleber und Kalbsmedaillons auf zweierlei Waldpilzen kredenzt, als Aperitif gab’s Krimsekt. Ebenso präsent ist Hellmich noch die „unglaubliche Aufregung um den Abend“ geblieben. Unter anderem klopfte kurzfristig die ARD bei ihm an: Ob Hellmich eine Live-Schaltung für die Tagesschau ermöglichen könne. Hellmich konnte: Aus einem Nebenzimmer des Hotels begrüßte Gorbi um 20.15 Uhr ganz Fernseh-Deutschland. Dass er überhaupt einen ganzen Tag seiner Deutschlandreise für Frankfurt abzwackte, ist nach Hellmichs Worten einer Kette von glücklichen Umständen zu verdanken. „Der Pressesprecher der Nassauischen Sparkasse war gut befreundet mit einer Russin, die Gorbatschow bei einem Deutschlandbesuch begleitet hat“, erzählt Hellmich. „Er fragte mich, ob wir nicht die Stiftung von Raissa Gorbatschowa unterstützen wollten.“ Hellmich, der auch im Leberecht-Beirat war, musste Geschäftsführer Gerschermann nicht lange überreden, kurzerhand wurde der zweimal im Jahr abgehaltene „Kreisblatt-Stammtisch“ zu Ehren Gorbatschows in die Benefiz-Gala umgewandelt, die Karten zu je 200 Mark waren im Nu ausverkauft.

Zuvor nahm „Gorbi“ auch an einer Redaktionssitzung dieser Zeitung teil und nahm sich Zeit für ein langes Interview. Die Frage, ob er sich vorstellen könne, UN-Generalsekretär zu werden, entlockte ihm ein Lachen: „Ich würde dort mit Perestroika anfangen. Aber die sind noch nicht so weit, um das zu akzeptieren.“

Über den Leberecht-Scheck von Eugen Gerschermann freuten sich „Mischka“-Chefin Maria Willmes und die Gorbatschows.
Über den Leberecht-Scheck von Eugen Gerschermann freuten sich „Mischka“-Chefin Maria Willmes und die Gorbatschows. © Wenho
Gut gelaunte Gäste genossen den Gala-Abend im Sulzbacher „Holiday Inn“.
Gut gelaunte Gäste genossen den Gala-Abend im Sulzbacher „Holiday Inn“. © Müller
Organisator Klaus Hellmich zeigt die Menükarte der Benefiz-Gala im Holiday Inn.
Organisator Klaus Hellmich zeigt die Menükarte der Benefiz-Gala im Holiday Inn. © Michael Forst

Auch interessant

Kommentare