Hat was vom gemeinsamen Sitzen vor der steinzeitlichen Höhle: Auf dem Höchster Schlossplatz stellte der Wirt der Gaststätte „Zum Schwan“ eine Feuerschale auf, um die es sich seine Gäste gemütlich machen konnten.
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Hat was vom gemeinsamen Sitzen vor der steinzeitlichen Höhle: Auf dem Höchster Schlossplatz stellte der Wirt der Gaststätte „Zum Schwan“ eine Feuerschale auf, um die es sich seine Gäste gemütlich machen konnten.

Großer Stromausfall

Blackout in Frankfurt: „Sind noch nicht übern Berg“

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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  • Holger Vonhof
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In dieser Woche traf bereits der zweite großflächige Stromausfall binnen eines Jahres den Frankfurter Westen. Die Süwag ist besorgt: „Sind noch nicht übern Berg“.

Frankfurt ‒ Der Strom fließt zwar wieder. Doch der flächendeckende Ausfall am Dienstagabend (26.10.2021) hält den Krisenstab des Energieversorgers Süwag weiter in Atem. „Wir sind noch nicht über den Berg“, sagte Andreas Berg, Geschäftsführer der Netztochter und Leiter des Krisenstabs gestern in einer Video-Pressekonferenz. Bislang sei die Stromversorgung über das Umspannwerk in Höchst nur durch „eine provisorische Lösung“ sichergestellt, bis eine „tragbare“ geschaffen sei, sei die Gefahr größer, dass sich ein ähnlicher Vorfall wiederhole, erklärte Berg auf Nachfrage. Bis zum Wochenende hoffe der Krisenstab, wieder Normalität hergestellt zu haben.

Die zunächst offiziell angegebenen 16.000 Haushalte haben die Verantwortlichen „nach genauer Prüfung“ mittlerweile auf 11.000 reduziert. Manchen Betroffenen mag die Zahl als zu gering angesetzt erscheinen - vergleichbar etwa mit den Ausmaßen des Stromausfalls vom November 2020, wo nach einem Brand in demselben Umspannwerk bis zu 114.000 Menschen betroffen waren.

Stromausfall in Frankfurt: Problem liegt in der Enge der Umschaltanlage in Höchst

Der Strom war zeitweise in sechs Stadtteilen von Frankfurt flächendeckend oder in Teilbereichen weg. In Teilen Unterliederbachs zog sich der Blackout bis nach 23 Uhr hin, gut sechs Stunden. Nach Süwag-Auskunft habe es sogar bis 1 Uhr nachts gedauert, bis die letzten Straßen wieder ans Netz gebracht waren. Da sich der Ausfall aber im Gegensatz zum Vorjahr abends bei Dunkelheit ereignet habe und über viele Stunden ging, seien die Auswirkungen viel größer gewesen, erklärte Süwag-Vorstand Markus Kuhn.

Sei 2020 eine Fehlschaltung im Umspannwerk mit einem anschließenden Brand die Ursache gewesen, war am Dienstagabend wohl der Materialschaden in einem Wandler verantwortlich - „die Kunststoffummantelungen in der Anlage sind regelrecht verglüht“, erklärte Andreas Berg. Als fatal in beiden Fällen habe sich jedoch die Enge in der Umschaltanlage erwiesen, in der etwa schmorende Kabel sofort auf andere Teile der Anlage übergriffen.

Seit eineinhalb Jahren werde das Umspannwerk nun schon erneuert und modernisiert. Bis ins nächste Jahr werde der Umbau dauern. Die Kosten werden mit 8,5 Millionen Euro für die Anlage angegeben, dazu kämen 2 Millionen Euro, die in Kabel investiert würden. Bürger hatten Kritik an den offiziellen Meldungen geübt, dass die Notsysteme gut funktioniert hätten, und an der Informationspolitik.

Im Umspannwerk des Netzbetreibers Syna hatte es ein Feuer gegeben.

Nach Stromausfall in Frankfurt: Beatmungsgerät mit Autobatterien geladen

Nach offiziellen Angaben sind neun Patienten mit Beatmungsgeräten in Krankenhäuser gebracht worden. Andere, so berichten uns Leser, mussten sich allerdings selbst helfen: So habe eine in Unterliederbach lebende Ärztin vergeblich versucht, über das Höchster Krankenhaus Hilfe für einen Beatmungs-Patienten in ihrer Nachbarschaft zu bekommen: Das Gespräch übers Mobilnetz mit dem Oberarzt sei immer wieder abgebrochen; das Festnetz war tot.

Also rief sie in ihrer Uniklinik an. „Dort sagte man ihr, es sei der Teufel los, alle Betten seien belegt, und wenn der Notarzt meinen Schwiegervater hole, könne man ihn nur auf einen Stuhl setzen und dort künstlich beatmen“, berichtet uns der Leser, um dessen Schwiegervater es ging. Schließlich habe ein Nachbar, von Beruf Maschinenbauer, aus zwei Autos die Batterien ausgebaut, um das Beatmungsgerät zu laden.

Blackout im Frankfurter Westen: Stromausfall legt zahlreiche Stadtteile lahm

An den meisten Kreuzungen sind zu der Zeit die Ampeln ausgefallen; die Straßenbeleuchtung funktioniert nur sporadisch; Passanten leuchten sich mit dem Handy den Weg aus. Im Höchster Bahnhof das gleiche Bild: Helfer mit Taschenlampen sichern den Weg über die Treppen; zeitweise wird der Bahnhof geschlossen.

Im Höchster Bahnhofstunnel leuchteten Helfer mit Taschenlampen, damit niemand stürzte.

Am Bolongaropalast gibt es Probleme: Der Kran steht still, aber es hängt noch eine Last am Arm. Auf dem Höchster Schlossplatz sitzen die Gäste eines Lokals um eine Feuerschale - wie zu Zeiten, als noch Mammuts über die Steppe streiften. In der „Casa Italia“ im Clubhaus des Höchster Tennis- und Hockey-Clubs wurde auf dem offenen Kaminfeuer weiter gekocht.

Stromausfall im Neuen Theater Frankfurt-Höchst: Vorstellung in letzter Minute gerettet

Im Neuen Theater Höchst, wo die Berliner Musikkabarettisten Pigor & Eichhorn auftreten sollen, bleibt die Bühne dunkel. Das Team vom Neuen Theater, von Monaten des Corona-Lockdowns gebeutelt, bietet den Gästen Erstattung der Eintrittskarten an - oder lädt dazu ein, in der Theaterbar noch etwas zu trinken. Dann die Ansage: „Wenn bis 21 Uhr der Strom wieder angeht, spielen Pigor und Eichhorn noch ihr Programm“. Kurz vor 21 Uhr kommt Pigor mit seiner Akustik-Gitarre, in Jeans und Pulli, begleitet von Eichhorn, ins Foyer. Pigor singt „zum Trost“ seinen Song „Kabarett“.

Sein Kommentar: „Das wäre der Opener gewesen“. Er stimmte ein zweites Stück an, Eichhorn trommelt dazu auf dem Bauch. Um 20.58 Uhr wird es plötzlich hell, sämtliche Lampen gehen an - ungläubige Gesichter, Applaus, Gelächter: Der Strom ist wieder da, Vorstellung gerettet! Soundcheck in Windeseile, die Kasse fährt wieder hoch, die Damen hinter der Theke legen die Stirnlampen ab, mit denen sie bis dahin die Getränke ausgeschenkt haben.

Eine energiegeladene Show, sprachverliebt, bissig, liebevoll, kritisch und wunderbar analog - bis auf etwas Licht und Sound-Verstärkung - schweißt die Künstler und Publikum an diesem Abend besonders zusammen. (Holger Vonhof / Michael Forst)

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