Was vor 75 Jahren noch Tradition hatte, ist heute undenkbar: Einmal im Jahr, zur Fronleinachams-Prozession wurde auf der Kalbacher Hauptstraße frisch gemähtes Gras verstreut. FOTOs: Schneider
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Was vor 75 Jahren noch Tradition hatte, ist heute undenkbar: Einmal im Jahr, zur Fronleinachams-Prozession wurde auf der Kalbacher Hauptstraße frisch gemähtes Gras verstreut.

Frankfurter Stadtteilgeschichte

Als in Kalbach noch Gras auf der Straße lag

  • Judith Dietermann
    VonJudith Dietermann
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Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich seitdem verändert. Wie sah es 1946 in den Stadtteilen aus und wie an selber Stelle 2021? Heute Kalbach.

In Kalbach, da ist die Welt noch in Ordnung. Das mag sich der ein oder andere Frankfurter denken, den es von der hektischen Innenstadt in den beschaulichen Stadtteil im Nordwesten verschlägt. Und das liegt sicher nicht nur daran, dass in ganz Kalbach seit einigen Jahren Tempo 30 gilt. Nein, das liegt vor allem daran, dass das am 1. August 1972 eingemeindete Kalbach, trotz baulicher Veränderungen nie seinen dörflichen Charakter verloren hat.

Wobei dies nicht bedeuten soll, das dort die Zeit stehen geblieben ist. So wird die Kalbacher Hauptstraße längst nicht mehr für die kirchlichen Prozessionen mit Gras bedeckt, wie auf unserem Foto. Das übrigens Bau- und Immobiliendezernent Jan Schneider (CDU) im Archiv seiner Familie entdeckt hat. Eine Ur-Kalbächer-Familie. Seine Urgroßeltern und Großeltern bewirtschafteten den Hof an der Kalbacher Hauptstraße, der mittlerweile einem Neubau gewichen ist. Erhalten geblieben ist als Relikt aber der Türsturz - Anton Schneider, eingerahmt von den Jahreszahlen 1909 erinnert an den Bau des Hofes. Wann das von ihm gefundene Bild genau entstanden ist, konnte er nicht genau sagen. Um den Zweiten Weltkrieg herum, wohl kurz danach, muss die Kalbacher Hauptstraße, mit Blick von der Hausnummer 1, abgelichtet worden sein.

Als sich das Dorf vorbereitete auf die alljährliche Fronleichnams-Prozession. Liebevoll wurden die Häuser damals dekoriert, mit Girlanden und roten Tüchern, weiß-gelben Fahnen hingen an den Häuserfronten. "Die Bauern legten schließlich frisch gemähtes Gras auf die bereits gepflasterte Straße, um der Prozession den Weg zu ebnen. Wie in der Bibel", sagt Jan Schneider. Bei dem Legen dieses Grasteppichs handelt es sich um eine alte Tradition als eine Ehrerbietung an den Herrn Jesus Christus.

Ob mit oder ohne frisch gemähtem Gras auf dem Asphalt, vieles sieht in der Kalbacher Hauptstraße noch so aus wie damals. Denn zahlreiche Häuser entlang der geschwungenen Straße haben den Zweiten Weltkrieg sowie die vergangenen 75 Jahre mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Sogar die kleine Wiese rechts am Rand des Bildes und die Hofeinfahrt direkt gegenüber gibt es nach wie vor.

Urkundlich erwähnt wurde Kalbach übrigens im Jahr 772, als ein Herr Walprath seinen Acker , an dem 754 der Leichenzug des Heiligen Bonifatius auf seinem Weg von Mainz nach Fulda gerastet haben soll, an das Kloster Fulda verschenkte. judith dietermann

Die Serie

Am Montag sehen sie auf der Innenstadt-Seite das Gallus.

Alle bisher erschienen Folgen finden Sie gebündelt auf www.fnp.de/stadtteilgeschichte

Heute präsentiert sich die Hauptstraße eher sachlich, wenn auch mit schönem Fachwerk.

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