Lieselotte Bollbach 1946 oder 1947 mit ihrer Mutter und Hühnern. FOTOs: Bollbach
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Lieselotte Bollbach 1946 oder 1947 mit ihrer Mutter und Hühnern.

Stadtteilgeschichte

Frankfurt vor 75 Jahren: Als in Westhausen noch Hühner und Hasen lebten

  • Judith Dietermann
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Seit 75 Jahren gibt es die FNP - viel hat sich seitdem in Frankfurt verändert. Wie sah es 1946 in den Stadtteilen aus und wie an selber Stelle 2021? Heute blicken wir nach Praunheim in die Siedlung Westhausen.

Frankfurt-Westhausen - Es ist 1946 oder 1947, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Stolz steht die sieben- oder achtjährige Lieselotte im Garten des Hauses der heutigen Geschwister-Scholl-Straße neben ihrer Mutter, die zwei Hühner auf dem Arm hält. Denn in dieser Zeit sind, wie in ganz Frankfurt, auch in Westhausen die Nöte der Menschen groß. Viele leiden unter Hunger. Die Westhausener wurden in dieser Zeit kreativ, sie nutzten jedes freie Fleckchen, um Tiere halten zu können - vor allem Hasen und Hühner. Aber auch Schafe gab es in der Siedlung.

Da gab es den Kerschelbauer, erinnert sich Lieselotte Bollbach (82) 75 Jahre später. Wieder steht sie im Garten in der Geschwister-Scholl-Straße. Aber allein, ihre Mutter ist bereits vor vielen Jahren gestorben und Hühner gibt es auch keine mehr. Sie hat nur noch eine Perserkatze, die lieber nicht auf den Arm möchte.

Der Kerschelbauer, sagt Lieselotte Bollbach, die seit über 20 Jahren ehrenamtlich als Sozialbezirksvorsteherin tätig und eine der ältesten Bewohner von Westhausen ist, habe in der Egestraße gewohnt. Zwanzig Hasen soll er in seinem Wohnzimmer gehalten haben, aus den Mülltonnen fischte er das Essen für die Tiere.

Lieselotte Bollbach 2021 im Garten des Hauses in der heutigen Geschwister-Scholl-Straße.

Frankfurt im Wandel der Zeit: Siedlung in Westhausen war ein Paradies für Kinder

Nach dem Krieg, erinnern sich derweil andere Bewohner, sei die Siedlung noch ein Paradies für Kinder gewesen. Vier oder fünf Autos habe es nur gegeben, kein Vergleich zu den vollen Straßen 2021. Auf der Straße konnte man gefahrlos Völkerball spielen. Und: Es gab sogar einst einen Supermarkt.

Den Konsum. Heute müssen die Westhausener zum Einkaufen auf die andere Seite der Ludwig-Landmann-Straße. Und: Die Straßen trugen noch andere Namen, benannt nach deutschen Kolonien. Die Westhausener setzten sich 1947 für die Umbenennung ein - unter anderem wurde so aus dem Neu-Guinea-Weg die Geschwister-Scholl-Straße. Dem Zuhause von Lieselotte Bollbach, die sich nirgends so wohl fühlt wie dort. (Judith Dietermann)

Die Serie

Auch im Oeder Weg in Frankfurt hat sich einiges geändert. Alle bisher erschienen Folgen finden Sie gebündelt auf www.fnp.de/stadtteilgeschichte

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