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Alt werden ist nichts für Feiglinge

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Von: Brigitte Degelmann

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Haben die Bedürfnisse der älteren Frankfurter Bürger im Blick (von links): Nanine Delmas, Amsleiterin beim Jugend- und Sozialamt, und Tatjana Bohnen, Leiterin des Rathauses für Senioren.
Haben die Bedürfnisse der älteren Frankfurter Bürger im Blick (von links): Nanine Delmas, Amsleiterin beim Jugend- und Sozialamt, und Tatjana Bohnen, Leiterin des Rathauses für Senioren. © Rüffer

Experten tauschen sich darüber aus, welche Angebote für betagte Bürger es in Frankfurt braucht

Alt werden - das sei nichts für Feiglinge, soll die Hollywood-Diva Mae West einst formuliert haben. Ob die knapp 100 Teilnehmer des ersten Fachtags, der kürzlich zum Frankfurter Programm „Würde im Alter“ stattfand, diesen Satz wohl unterschreiben würden? Möglicherweise, schließlich ist das steigende Lebensalter mit etlichen Beschwerlichkeiten verbunden, auch wegen des zunehmenden Risikos von Erkrankungen. Bundesweit seien beispielsweise 1,8 Millionen Menschen von Demenz betroffen, sagte Johannes Pantel, Leiter des Arbeitsbereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität.

In seinem Vortrag über psychische Krankheiten im Alter rückte Pantel jedoch ein anderes Thema in den Fokus: Depressionen. Sie seien im Alter die zweithäufigste psychiatrische Krankheit, sagte er. Vor allem ab dem 70. Lebensjahr sei ein steiler Anstieg insbesondere bei Männern zu beobachten. Doch es gebe durchaus Möglichkeiten, dem vorzubeugen, betonte der Professor. Beispielsweise dadurch, dass man soziale Isolation vermeide: Diese sei „ein Gift unserer Zeit“, gerade für Ältere. „Soziale Isolation ist ein großer Risikofaktor für körperliche, kognitive und psychische Erkrankungen“, stellte Pantel heraus. Um hier vorzubeugen, seien unter anderem wohnortnahe Angebote, gut geschulte Hausärzte und Selbsthilfegruppen wichtig.

Pantel verwies auch auf das Projekt „Davos“ zur Behandlung von Depressionen in Altenheimen, das sein Fachbereich Altersmedizin in Kooperation mit zehn Einrichtungen in Frankfurt durchführt. Von den rund 1200 Bewohnern litten 30 Prozent an Depressionen, sagte er. Jeder fünfte Betroffene erhalte dagegen Medikamente, obwohl zunächst laut Leitlinie eine Psychotherapie versucht werden soll. „Dies stellt ein eklatantes Versorgungsdefizit dar“, kritisierte der Altersmediziner. Ziel des Projekts ist es unter anderem, die medizinische, psychotherapeutische und pflegerische Versorgung von Bewohnern mit Depressionen zu verbessern.

Psychoanalytikerin Christiane Schrader wiederum sprach über „Traumen, Retraumatisierungen und Traumareaktivierung im Alter“. Selbst tief verschüttet geglaubte Erinnerungen könnten durch auslösende Trigger als Trauma wieder hervorbrechen, sagte sie. Gerade die Bilder des Ukrainekriegs hätten das bei vielen Menschen aus der Kriegs- und Nachkriegsgeneration verursacht. „Jetzt kommt das alles wieder zurück, die Bilder, die Angst, als ob es gestern war“, schilderte Schrader. Auch im Zuge altersbedingter Veränderungen könnten oft lebenslang eingekapselte und abgewehrte psychische Traumen aufbrechen. Ein Kennzeichen dafür sei, dass sich Betroffene nicht selbst beruhigen könnten. Sie litten unter Weinkrämpfen, Erstarrung, Bluthochdruck und einem unentwegten Rauschen der Gedanken, das sich nicht stoppen lasse. Helfen könne beispielsweise ein Gespräch, eine Berührung oder Umarmung, sagte die Psychoanalytikerin.

Organisiert wurde der Fachtag von der Leitstelle Älterwerden in Kooperation mit dem Seniorendezernat und dem Jugend- und Sozialamt. Nach diesen Vorträgen hätten die Teilnehmer reichlich Stoff gehabt für ein neues Format zum Austausch und der Entwicklung von Ideen, berichten Nanine Delmas, Leiterin des Jugend- und Sozialamts, und Tatjana Bohnen, Leiterin des Rathauses für Senioren. Bei einem „Open Space“ machte man sich in rund 20 Arbeitsgruppen Gedanken über die künftige Altenarbeit in Frankfurt. Angeregt wurden dabei unter anderem die Schaffung offener Treffs für Senioren in den Stadtteilen sowie die Gründung einer neuen „Frankfurter Schule“, um die Lust auf das Älterwerden zu fördern. Beraten wurde auch über Lebensformen für betagtere Menschen. Hier brauche es Modelle jenseits des betreuten Wohnens, so Delmas. Möglich seien Wohngemeinschaften, in denen verschiedene Generationen miteinander leben könnten. Für all diese Themen seien nun Verantwortliche benannt, die daran arbeiten sollen, mit Unterstützung der Leitstelle Älterwerden, erklärt die Jugend- und Sozialamtsleiterin. Um das Leben für Senioren so zu verbessern, dass Mae Wests Satz vielleicht doch irgendwann zu einer fernen Erinnerung verblasst.

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