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In der Werkstatt von Anja Otto hängen auch Bilderrahmen. Die Buchbindermeisterin rahmt auch Bilder. Denn allein vom Binden und Restaurieren von Büchern könnte sie nicht mehr überleben.

Uraltes Handwerk

Alte Bücher werden hier wieder wie neu

Anja Otto ist eine der letzten ihres Fachs in Frankfurt. Seit 35 Jahren übt sie das Buchbinderhandwerk mit viel Begeisterung aus, betreibt eine Werkstatt in Sachsenhausen in zweiter Generation.

Es riecht nach Papier und Leder, ein bisschen so wie in einer Bibliothek. An einer Wand hängen Muster verschiedener Bilderrahmen, an den anderen hängen Bilder. In der Mitte des Raums steht ein großer Holztisch, darauf aufgeklappt ein altes Buch, dessen Einband stark beschädigt ist. Es ist der Arbeitsplatz von Anja Otto, einer der letzten Buchbindermeisterinnen, die es in Frankfurt noch gibt.

Das Handwerk ist rund tausend Jahre alt und damit einer der ältesten Berufe, der immer noch ausgeübt wird. Otto betreibt eine der letzten noch gebliebenen Buchbindereien in Frankfurt. Den Betrieb in der Schwanthaler Straße hat sie von ihrem Vater Manfred Otto übernommen. „In Frankfurt gibt es nur noch sechs oder sieben Buchbindereien“, sagt sie. Als sie vor etwa 35 Jahren in den Beruf eingestiegen sei, seien es noch dreimal so viele gewesen.

Schätze in der Hand

Vom Binden studentischer Diplomarbeiten und Vertragswerke von Anwaltskanzleien bis hin zu Bildern und das Anfertigen von Stempeln mit Firmenlogos – das Angebot von Otto ist breit. Denn: „Vom Buchbinden allein könnte man heute nicht mehr leben“, sagt sie. Doch macht ihr gerade diese Arbeit besonders viel Spaß. „Wir haben immer mal wieder mit besonderen Dingen zu tun, und fast immer mit sehr schönen“, sagt die 50-Jährige. Einmal hat sie etwa eine Bibel aus dem Jahr 1730 restauriert, ein anderes Mal ein Buch von der Frankfurter Naturforscherin und Künstlerin Sybilla von Merian. „Das war das wertvollste Buch, an dem ich jemals gearbeitet habe“, sagt sie. Auch die Werke bekannter Maler hat sie schon gerahmt. „Zum Beispiel von Picasso, Miro und Warhol“, sagt Otto.

Seit Otto 1985 mit ihrer Ausbildung begonnen hat, hat sich nicht viel in dem Handwerk verändert. „Wir arbeiten immer noch mit denselben Maschinen und denselben Materialien wie Leim, Papier und Leder.“ Und etwa für Einbände oder Stempel benutzt sie immer noch Bleibuchstaben. „So wie Johannes Gutenberg zu Beginn des modernen Buchdrucks“, sagt Otto. Vor allem den Kontakt mit den Kunden schätz Otto an ihrem Beruf. „Es ist schön, das Lächeln eines Menschen zu sehen, nachdem ich ein altes Familienstück wiederhergestellt habe“, sagt sie.

„Als Buchbinder stellen wir die Funktionalität des Buches wieder her“, erklärt sie. Behoben würden ganz normale Gebrauchsspuren, Wasserschäden oder aber komplett zerschlissene Einbände. „Aber wir versuchen, alle Bücher wieder herzustellen. Geht nicht gibt es bei uns eigentlich nicht“, sagt Otto mit selbstbewusster Stimme. Nur einmal habe sie einen Kunden wieder wegschicken müssen. „Der hatte einen Bücherwurmschaden und da bin ich dann vorsichtig. Nachher hätte sich der Wurm noch auf die anderen Bücher hier ausgeweitet.“

Einen ganz besonderen Auftrag hatte Otto während der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Damals bekam sie von einer Werbeagentur im Auftrag des Deutschen Fußballbundes (DFB) den Auftrag, ein Buch mit den Unterschriften sämtlicher Teilnehmer-Mannschaften zu binden. „Das war schon aufregend und eine spannende Arbeit“, erinnert sich Otto.

Meisterbrief an der Wand

Dass sie einmal Buchbindermeisterin werden will, stand für die Frankfurterin schon relativ früh fest. Schließlich ist sie im Betrieb ihres Vaters großgeworden. An einer Wand in dem Werkstattraum hängt ihr Meisterbrief von 1993 direkt neben dem ihres Vaters aus dem Jahr 1964. Nach der dreijährigen Ausbildung, die Otto im Betrieb ihres Vaters absolviert hat, folgte die fünfjährige Gesellenzeit. Ihren Meister hat sie dann schließlich berufsbegleitend absolviert.

Rund zwei Drittel ihrer Aufträge bekommt Otto von Stammkunden. „Oft sind das zum Beispiel alte Familienrezepte von der Großmutter, die jemand gern schön gebunden haben möchte. Oder ein Familienalbum mit Fotos oder ein Hochzeitsbuch.“ An ihren Aufträgen arbeitet Otto nicht alleine: Ihre letzte Auszubildende, Rosemarie App, hat sie übernommen. „Es wird in dem Bereich kaum noch ausgebildet“, bedauert die 50-Jährige.

von CAROLIN-CHRISTIN CZICHOWSKI

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