Kultur

Wie das alte Schauspielhaus eine Chance hat

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Die Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus Frankfurt startete ihre „Schauspielhaus-Gespräche“ im Frankfurter Hof mit Wilhelm von Boddien. Der Initiator der Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses ermunterte die Aktionsgemeinschaft, die Sehnsucht der Frankfurter zu wecken.

Seinen Vortrag hatte Wilhelm von Boddien erst während der Zugfahrt geschrieben. Doch dann beeinflussten die Eindrücke während der Taxifahrt zum Frankfurter Hof seinen Vortrag: „Die Taunusanlage und das alte Westend, da hat man Tabula rasa gemacht“, stellte er fest. „In diesem Umfeld werden Sie eine Mehrheit von Skeptikern für das Projekt überzeugen müssen.“ Denn neben sozialen Einrichtungen wie Kindertagesstätten oder Suppenküchen bräuchte eine Stadt auch kulturelle Leuchttürme.

In Berlin wie in Frankfurt sieht von Boddien den entscheidenden Aspekt, durch historische Gebäude die Identität der Stadt zu fördern. „In Berlin funktioniert das durch das Stadtschloss als zentralen Blick- und Bezugspunkt im Bezirk Mitte, in Frankfurt durch das alte Schauspielhaus als Gegenpol zur Alten Oper, die längst eine Visitenkarte der Stadt ist.“ Damit die Stadt eine zweite Visitenkarte passend zum nahen gründerzeitlichen Frankfurter Hof bekomme, gelte es, die Sehnsucht und Leidenschaft der Frankfurter zu wecken.

Einen Durchbruch für seinen seit Jahrzehnten gehegten Traum einer Berliner Schlossrekonstruktion schaffte von Boddien 1993/94 durch ein von französischen Künstlern gemaltes Fassadenabbild – ein wichtiger Schachzug, um Argumente der Berliner Stadtpolitik zu entkräften, das Schloss werde im Ausland als imperialistisches und antidemokratisches Gebäude wahrgenommen.

„Ein Fassadenabbild ist am Willy-Brandt-Platz technisch schwer umzusetzen, aber auch großflächige Plakate erzielen eine wichtige Werbewirkung“, so von Boddien. Constantin Graf von Plettenberg vom Vorstand der Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus präsentierte die Zahlen, die sein Verein für den historischen Bau von Heinrich Seeling ansetzt: 420 Millionen Euro für den Wiederaufbau, wovon 46 Millionen Euro durch Spenden finanziert werden sollen. Derweil beruft das Kulturdezernat eine dezernatsübergreifende Expertengruppe zur Überprüfung ein, ob und wie eine Sanierung im Bestand mit Reduzierung der rund doppelt so hohen Kosten möglich ist.

Der Vorsitzende der Aktionsgemeinschaft Tobias Rüger betonte die Schutzwürdigkeit der noch vorhandenen historischen Bauteile unter dem modernen Bau, die jedoch bislang nicht vom Denkmalschutz erfasst wurden. Von Boddien beurteilte Fotos besagter Bauteile als gut und riet, die Finanzierung für das alte Schauspielhaus in Ruhe durchzurechnen: So wurden in Berlin beim Fräsen der Fassadenteile kostensparende Industrieroboter eingesetzt. Die nötige Zeit wird sich aber auch das Kulturdezernat nehmen, so lange der Spielbetrieb der jetzigen Anlage nicht durch Sicherheitsmängel gefährdet ist.

„Wie können wir für das alte Schauspielhaus werben, wenn technische Argumente wie eine der größten Hebebühnen für das jetzige sprechen und ein Neubau der Oper auf dem Kulturcampus Bockenheim schwer vermittelbar ist?“, wollte die CDU-Stadtverordnete Verena David wissen. Rüger plädierte dafür, sich von der Vorstellung der Doppelanlage zu lösen und getrennte Standorte zu befürworten.

Abschließend empfahl von Boddien, auch bei der Werbung von Spendengeldern mit Herz und Verstand vorzugehen. “ 20 Prozent private Unternehmer können 80 Prozent der Summe spenden, aber genauso wichtig sind die 80 Prozent, die insgesamt 20 Prozent geben.“ Und ab einer gewissen Summe sollte jeder Spender durch Nennung in digitalen Medien oder der Widmung eines Fassadenteils geehrt werden: Denn die meisten sehnen sich auch danach, der Nachwelt etwas zu hinterlassen.

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