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Auch das ?Terminus? in der Moselstraße ist verrammelt.

Gastronomie in Frankfurt

Die alten Kneipen im Bahnhofsviertel sterben weg

Die Pilsstube Pfiff in der Kaiserstraße ist zu. Nach dem Futterstadl, dem Kronprinzeneck, der Bier Brezen und der Terminus Klause fällt auch die Fußballkneipe dem Wandel im Bahnhofsviertel zum Opfer.

Die Türen und Schaufenster des Eckhauses Kaiser- und Elbestraße sind mit Spanplatten verrammelt. Dort, wo bis vor Kurzem die Traditionskneipe Pfiff und die Bäckerei Eifler ihre Gäste bewirteten, ist nur Leere geblieben. 13 Jahre lang war das Pfiff ein Treffpunkt für Eintracht-Fans und waschechte Frankfurter. Jetzt muss die Kneipe einer japanischen Nudelbar weichen und die Betreiber des Pfiff suchen eine neue Bleibe im Viertel.

Noch im März war die Pilsstube in die Schlagzeilen geraten. Das Landgericht verurteilte einen Deutsch-Kosovaren zu drei Jahren und neun Monaten Haft wegen versuchten Totschlags. Er hatte nach 15 Bier und Schnäpsen mit einem Teleskop-Schlagstock auf einen anderen Gast 18 Mal eingeprügelt und ihn schwer verletzt.

Seit mehr als zehn Jahren verschwinden nach und nach die alt eingesessenen Lokale aus dem Bahnhofsviertel. Die Mieten steigen, und viele Hausbesitzer nutzen den Immobilienboom, um zu sanieren und das Viertel aufzuwerten. Es gibt aber auch das Gegenteil: Einige Hausbesitzer lassen ihre leeren Lokale verwaisen. Das Futterstadl ist weg, das Kronprinzeneck, die Bier Brezen und die Terminus Klause.

Nur der Keller ist noch da

Auch die Pik Dame in der Elbestraße ist verschwunden. Aber immerhin: Sie wird wieder auferstehen. Eigentlich sollte sie schon wieder offen sein, während das Gebäude noch aufgestockt wird. Es kam anders, wie ein Szenekenner erklärt: „Das Haus wurde doch abgerissen, nur der Keller existiert noch. Zurzeit wird geprüft, ob die verbliebenen Stahlträger des Erdgeschosses stabil sind für den Neubau.“ Bis vor kurzem hieß es noch, im April oder Mai 2019 öffne das Pik Dame wieder. „Vor Juli wird das nichts“, meint der Mann. Bis dahin entstehe das Lokal Eins zu Eins wieder. Möbel und Einrichtungsgegenstände sind gerettet und werden restauriert.

Die frühere Terminus Klause in der Moselstraße ist seit Mai dicht – wegen einer Mieterhöhung. Schräg gegenüber behauptet sich seit 1936 das Moseleck. Seit 1995 betreibt es Harald Statt (71). „Das Kneipensterben kann man nicht verhindern“, sagt er, während er auf dem Bürgersteig Leergut zusammenklaubt und in sein Auto packt. In der hinteren Ecke des urigen Lokals wird Darts gespielt, ein Mann ist an einem kleinen Tisch über seinem Bier eingeschlafen. Nur zwei Stunden am Tag ist das Moseleck zu, das Publikum ist kunterbunt: Männer in Kaschmirmänteln, Fußballfans in Bomberjacken und feiernde Touristen wechseln zwischen sechs Uhr morgens und vier Uhr früh ständig durch. „Hier sind die wahren Leute“, sagt Statt. „Der Laden ist mit dem Viertel verwachsen, mit all jenen, die hierher kommen.“

Wie einst in Miami

Die Probleme des Viertels liegen für Statt auf der Hand. „Wer hier ein Bier trinken möchte, zahlt 23 Euro – drei Euro fürs Bier und 20 Euro für den Strafzettel, weil es kaum Parkplätze gibt. Mich erinnert das heutige Bahnhofsviertel an die Collins Avenue in Miami von 1969.“ Die heute hippe Ausgehmeile sei damals total heruntergekommen gewesen, mit Schnapsleichen und Drogenabhängigen an jeder Ecke. „Schon damals habe ich prophezeit, dass es hier einmal genauso wird.“

Als er zu jener Zeit als Kellner im Bahnhofsviertel anfing, „waren hier 90 Prozent Deutsche in den Betrieben, heute gibt es kaum noch deutsche Wirte. Nur drei Cafés lassen keine Betrunkenen rein: das Coco Loco, das My Way und das Moseleck. Die Aggression ist gestiegen. Das Drogenproblem wird größer. Da fehlt es einfach an Schutzmännern, die zu Fuß dauerhaft Streife laufen.“ Er berichtet von Lokalen, in denen Küchenmitarbeiter mit Messern auf ihre Chefs losgehen. „Darüber wird kaum gesprochen, aber es passiert häufig. Jedes Mal muss dann die Polizei anrücken.“Im Moseleck stehen kleine Drehstühle vor den Tischen. „Die habe ich 1995 machen lassen“, so Harald Statt. „Damals schon haben wir alles festgeschraubt, damit es nicht geworfen werden kann.“ Der Mietvertrag für das Moseleck läuft noch zwei Jahre. „Mit der Option auf Verlängerung. Mal schauen, ob ich das mache.“

Sabine Schramek

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