Weltkulturen-Museum

Was das Altern mit uns macht – und wir mit ihm

Ein Jugendlicher empfindet 30-Jährige als alt. Andererseits ist mancher Großvater agiler als seine Enkelkinder. Der eine fürchtet die Rentenzeit, der andere freut sich darauf. Das Weltkulturen-Museum bereitet eine Ausstellung vor, die sich mit Alter und dem Prozess des Alterns beschäftigt. Daran beteiligen kann und soll sich jeder von uns – denn letztlich ist fast alles eine Frage des persönlichen Erlebens und Empfindens. Kuratorin Alice Pawlik (37) erzählt hier, was sie bewegt.

Das Weltkulturen-Museum wendet sich in einem Aufruf an die Bürger Frankfurts. Das ist nur konsequent, denn die Grundsteine des Museums (damals noch Völkermuseum) legten Anfang des 20. Jahrhunderts Bürger, die die ethnographischen Zeugnisse der Stadt in einem Museum vereinen wollten. Da wir uns heute im multimedialen 21. Jahrhundert befinden, heißt das Völkermuseum Weltkulturen-Museum und der Aufruf nicht mehr Aufruf, sondern „Call for Content“. Unter dem Motto: „Wir wollen Dein Bild vom Alter(n)!“, suchen die Museums-Mitarbeiter Beiträge aller Art: Fotos aus dem Familienalbum, Handyfilme, zeichnerische Studien von Falten und Altersflecken nennt die Ausschreibung als Beispiele.

Gespannt auf die Beiträge aus der Bürgerschaft ist Alice Pawlik. Die studierte Ethnologin leitet die Abteilung Bild, Film und Medien des Weltkulturen-Museums. In dieser Rolle ist sie jetzt verantwortlich für die Ausstellung rund um das Thema Altern, die mit den Beiträgen der Bürger im Oktober 2018 eröffnet werden und dann ein Jahr lang gezeigt werden soll. Der Arbeitstitel der Ausstellung lautet „Grey is the new Pink“.

Warum interessiert sich Pawlik für das Thema Alter so sehr, dass sie eine Ausstellung dazu kuratiert? „Das geht schon los bei der Definition“, erzählt Pawlik im FNP-Gespräch. „Es gibt so viele verschiedene Nuancen. Die UN hat das sogenannte ,Alter’ auf 60 festgesetzt, um statistische Vergleiche zu ermöglichen. Aber sonst wird Alter sehr individuell wahrgenommen, sehr subjektiv. Wenn man einen 15-Jährigen fragt, wird er schon behaupten, 30 sei ein fortgeschrittenes Alter.“ Deshalb auch der Aufruf an die Bürger: Pawlik will ein möglichst breites Spektrum abbilden, wie Alter wahrgenommen wird.

Kann das funktionieren? „Ich hoffe auf sehr viele Beiträge und glaube auch daran. Wir haben jetzt in der ersten Woche schon viele Einsendungen bekommen von Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen: Von Interessierten, die schnell was mit dem Handy versenden bis hin zu Fotografen, Künstlern und anderen Experten, die sich schon über eine längere Zeit hinweg mit dem Alter beschäftigen und bei uns ihre Perspektive präsentieren können“, sagt Pawlik.

Sie selbst ist mit 37 Jahren in einer „mittleren Lebensphase“, beschreibt sie: „Da hat man gewöhnlich die Anforderung, dieses oder jenes erreicht zu haben, mit dem entsprechenden Druck dahinter, den Erwartungen. Man hat aber auch den Moment, individuell sein zu dürfen in diesem guten Lebensalter. Das ist es, was wir in der Ausstellung abbilden möchten: Ideen, Lebensentwürfe, Momentaufnahmen – wir wollen den Besuchern die Möglichkeit lassen, all das einfach zu erfassen und zu begreifen.“

Der Fokus der Ausstellung liegt auf Film, Fotografie und den Neuen Medien. Einige Exponate stehen schon jetzt fest und lassen erahnen, wie groß die Bandbreite der Ausstellung sein wird: Der 38-jährige philippinische Fotograf Jake Verzosa hat eine 100-jährige Tätowiererin in den Bergen begleitet. Der in Frankfurt tätige Fotograf Karsten Thormaehlen beschäftigt sich seit über zehn Jahren mit Menschen im hohen Alter; hat für seine Portrait-Reihe „Jahrhundertmensch“ Auszeichnungen bekommen. Und auch Günther Krabbenhöft, der sich in den Medien als „cooler Hipster-Opa“ inszeniert, wird eine Rolle in der Ausstellung spielen. Alice Pawlik: „Mein Zugang zum Thema ist ein sehr persönlicher: In letzter Zeit fällt mir auf, wie oft man Sprüche hört wie ,Age is just a number’ oder die deutsche Version ,Man ist nur so alt wie man sich fühlt’. Es wird in den Medien so viel über das Alter geschrieben, das Thema taucht immer wieder auf. Ich begegne dieser Aufgabe, die Ausstellung zu konzipieren, voller Respekt, weil es ein so unglaublich wichtiges Thema ist.“

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