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Im Tonstudio: Für Andreas Tomalla alias Talla 2XLC zieht sich Techno-Musik wie ein roter Faden durchs Leben.

Der Rote Faden, Folge 164

Andreas Tomalla - Der Techno-Maschinist

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Eine Kassette veranlasste Andreas Tomalla, sich Talla 2XLC zu nennen. Seit frühester Jugend fasziniert ihn die elektronische Musik. Der Discjockey erfand den Begriff Techno und legt noch heute weltweit auf ? früher auch jahrelang in der Flughafendisco ?Dorian Gray?. Ihm widmen wir die Folge 164 unserer Serie ?Der rote Faden?, in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Uffze, uffze, uffze – so äffen Pop-, Disco- und Classic-Rock-Anhänger gern den Techno-Sound nach. Eintönig und herzlos, weil computergesteuert sei diese Musik, sie werde sich nicht halten hieß es, als der Boom Ende der 70er Jahre begann. Die Traditionalisten lagen falsch – Techno eroberte die Welt, ist längst universal. Andreas Tomalla hat immer daran geglaubt. Er sitzt an diesem Vorfrühlingstag im dunklen T-Shirt im nüchternen Konferenzraum der „Batschkapp“, streicht sich über die Glatze und seufzt: „Ich rede nicht so gern über mich. Lieber über meine Musik“. Und legt seine neue Doppel-CD, Vol. 49, auf den Tisch: „35 Years of DJing“. Er ist der Maschinist des Techno-Motors. Sein Künstleralias: Talla 2XLC.

Der Name leitet sich als Kürzel seines Nachnamens und von einem uralten Kassetten-Mixtape „XS60“ ab. Weil die Frage „Was bedeutet 2XLC?“ zur meistgehörten in seinem Leben gehört, erfand er diese Anekdote: Er lebte in einer WG mit buddhistischen Mönchen zusammen. Da diese im Flur laut beteten, habe er nie die Klingel gehört. Einer der Mönche schnitzte ein Klingelschild mit der Aufschrift „Talla 2xLC“ (zweimal lange klingeln). Der Mönch konnte kein Deutsch, kürzte Klingeln also mit C ab . . .

Andreas Tomalla, Jahrgang 1963, ist ein Großer der Szene: Seit über 35 Jahren arbeitet er als Techno-Discjockey, also DJ, legt weltweit auf, produzierte reihenweise Alben und manche Hits, gründete in Frankfurt diverse Labels, 1984 den „Techno Club“, war elf Jahre lang Resident-DJ in der legendären Flughafen-Disco „Dorian Gray“ und sagt: „Techno war nie tot und wird es nie sein.“ Es gebe zahllose große Raves (Festivals) weltweit, nur die Szenen würden mal größer oder kleiner. „Es ist ein sich ewiges Bewegen. Doch eine solche musikalische und lifestylemäßige Jugendrevolution gab’s seit dem Rock’n’Roll nicht mehr!“

Er liebt Trance, ein Subgenre des Techno. Der hämmernde Grundrhythmus weist Melodien, Harmonien und Akkorde auf, oft unterlegt von sphärischen Klangteppichen und ebensolchen Frauenstimmen. Die Spielart ist schnell. Talla 2XLC mag es flott, mindestens 136 BPM (Beats per Minute) müssen es sein: „Ich liebe es, die Leute zum Tanzen zu bringen.“ Er weiß, dass die vielfältigen Spielarten schier unüberschaubar geworden sind. „Techno ist vieles. Grundsätzlich ist es elektronische Tanzmusik, steht für einen harten, monotonen Sound. Es gibt Tech-House, Minimal-Techno; bei Trance wiederum Vocal Trance, Deep Trance, Uplifting Trance . . . Jeder pickt sich das heraus, was er mag – ganz einfach.“ Tattoos auf den Oberarmen blitzen unter den Ärmeln hervor; er nennt sie eine „Jugendsünde“. Auf seiner Handyhülle steht „Lost in Space“, verschollen im Weltraum. Er mag die „Star Wars“-Filmreihe, seitdem er mit 14 Jahren den Blockbuster erstmals sah: „Meine Klasse war im Kino, und wir schrieben darüber einen Aufsatz. Ich bekam eine Eins.“

Andreas Tomalla wuchs im Stadtteil Griesheim auf, an der Ecke Waldschulstraße/ Lärchenstraße. Er war der jüngste von drei Söhnen. Der Vater arbeitete bei den Adler-Werken, die Mutter in einer Druckerei. Beide leben nicht mehr. Der älteste Bruder starb vor drei Jahren, der zehn Jahre ältere Bruder wohnt in Norddeutschland. „Wir würden ihn gerne öfter besuchen. Aber leider lassen das die weite Strecke, keine Flughafenanbindung und meine vielen DJ-Touren, nicht zu.“ Mit wir meint er seine Frau Wafa, den Sohn (8) und die Tochter (2).

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Seine Frau lernte er 1997 – wie sollte es anders sein – im „Dorian Gray“ kennen. Er legte ausnahmsweise mal nicht auf, sie wusste nicht, wer er war. Das fand er gut. Fünf Jahre später heirateten sie. Tomalla sagt, ohne sie und ihre großartige Unterstützung wäre sein Leben ein ärmeres. Denn reich machte ihn Techno nicht, trotz der früher rund 200 recht gut bezahlten Gigs pro Jahr im In- und Ausland. Doch im Jahr 2000 ging seine Plattenfirma „Research“ pleite. Heute hat er sein Auskommen, absolviert pro Jahr noch etwa 80 bis 100 Auftritte weltweit, reist nach Tokio, Estland, Argentinien, in die USA, war gerade erst in Thailand und sagt „Indien ist im Kommen“. Das Nachtleben gehört noch heute zu seinem Bio-Rhythmus, auch wenn er nicht mehr ständig unterwegs ist so wie früher. Drogen lehnte er immer ab; er sah Abstürze genug. Er schläft lieber viel in seinem Zuhause in Zeilsheim.

Tomalla nimmt für sich in Anspruch, den Begriff Techno erfunden zu haben, auch wenn einige Veteranen in den USA, vor allem Detroit und Chicago, behaupten, sie seien es gewesen. Gegen Ende seiner dreijährigen Lehrzeit zum Industriekaufmann jobbte er im Plattenladen „City Music“ am Hauptbahnhof. Dort war er der Mann für elektronische Musik, musste sich um den kompletten Dance-Bereich kümmern. Der Sortier-Aufwand nervte ihn, er wollte elektronisch klingende Musik (damals waren Synthesizer im Kommen) besser erfassen: „Technologie-Musik hörte sich blöd an, also nannte ich es Techno.“ Das war 1982.

Die hämmernden Takte wurden sein Ding. Sein Schulkamerad Thomas Bäppler, heute bekannt als Travestiestar „Bäppi LaBelle“, schleppte ihn zur Tanzschule Kiel-Blell. Sonntagnachmittags strömten zahllose Schüler zum „Teenie-Dance“. Kunterbunt war die Musik, es gab DJ-Wettbewerbe. Tomalla machte mit, gewann bald. Als der Chef ihn fragte, ob er regelmäßig auflegen wolle, sagte er sofort zu. Den ersten „richtigen“, weil nächtlichen DJ-Job vergisst er nie: im „Nouvelle“. Die Musik gefiel, trotzdem war nach drei Abenden Schluss: Er war noch keine 18.

Er verschlang Musikzeitschriften, forschte nach elektronischer Musik. Sie faszinierte ihn wie nichts sonst. Er liebte die Düsseldorfer Band „Kraftwerk“ oder das „Yellow Magic Orchestra“ aus Japan, das nur mit Synthesizern arbeitete. „Ich wohnte damals bei meinen Eltern, habe mein ganzes Geld in Platten investiert. Ich bin in jeden Laden, ob in Frankfurt, Wiesbaden oder sonstwo, und habe gewühlt, gehört und gekauft. Da habe ich mir meinen Wissens-Background angeeignet und eine riesige Plattensammlung.“ Nach etwa 20 Jahren besaß er rund 150 000 Platten, heute sind es noch etwa 40 000. „Die horte ich in einem Lager. Ich kann sie einfach noch nicht hergeben“.

Andreas Tomalla war und ist Kino-Fan, er mag Hollywood-Blockbuster. Genau wie sein Freund Bäppi. Dieser gründete während der Schulzeit den ersten deutschen James-Bond-Fanclub. „Wir drehten mit der Klasse einen Bond-Film, auf Super 8. Ich war einer der Schurken, Bäppi der Bond, klar.“ „Irgendwann hatten wir einen Termin im Flughafen. Im ,Dorian Gray’ trafen wir Roger Moore. Wir durften ein Foto mit ihm machen, es war irre. Damals dachte ich nicht, dass ich dort später jahrelang auflegen würde“. Das Treffen war 1979, im November 1978 hatte das „Dorian Gray“ eröffnet. Tomalla ging fortan jedes Wochenende hin. Er war 16. „Von 21 bis 5 Uhr war das Klientel schick. Ab 5 Uhr kamen die Nachtarbeiter aus anderen Clubs der Stadt, denn im ,Gray’ gab es keine Sperrstunde.“ Die „zweite Schicht“ gefiel ihm besser, alle tanzten sich die Seele aus dem Leib und kannten kein Morgen.

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Längst lag er mit dem Tanzschul-Besitzer über Kreuz: „Ich ließ mir nichts sagen, die elektronische Musik war mein Konzept“. Einer der Tanzlehrer, Matthias Haibach, riet ihm, er solle ins „No Name“ gehen, gegenüber vom Kino „Metro im Schwan“ (heute Hugendubel). Da sei was geplant. „Ich bin hin, es war ein Kellerloch. Das hat mir gefallen“. Er schrieb ein Konzept und nannte das Ganze „Techno Club“. Seine erste Techno-Party am 2. Dezember 1984 lockte 350 Leute an. Der Pächter war begeistert. Talla 2XLC legte von nun an immer sonntags von 15 bis 21 Uhr auf, das „No Name“ wurde zum ersten Afterhour-Club für die Besucher des „Dorian Gray“. Später wechselte die Veranstaltung ins „Roxanne“, ins „Omen“ und schließlich ins „Dorian Gray“. Im „Omen“ veranstaltete der Techno-Club als einer der ersten Acid-House- und New-Beat-Partys in Deutschland.

1989 veröffentlichte Tomalla mit dem Technoclub-Team die erste Ausgabe des Fanmagazins „Frontpage“, das sich zu einem der bekanntesten deutschen Magazine für E-Musik entwickelte. Eine clubeigene Compilation-Reihe mit Künstlern aus dem Elektro-, Trance- und Techno-Umfeld erschien ab 1990 auf dem Label „New Zone“. Im „Dorian Gray“ legte er elf Jahre auf, veranstaltete das Event mit seinem Freund Alex Azary. „Freitags konnte ich meinen Techno-Club machen und samstags die Frühschicht von 5 bis 8 Uhr. Es war super. Schade, dass das ,Gray’ 2000 schließen musste.“ Das sei ein herber Schlag fürs Nachtleben gewesen: „Ich war so bedient, dass ich zwei Jahre keinen Technoclub mehr in Frankfurt machte“.

2004 hatte er den Verlust verdaut, startete den Technoclub wieder monatlich, zunächst im Club „Café Royal“, später im Börsenkeller „Stocks“ und im „Paramount Park“ in Rödermark. Von Oktober 2006 bis April 2011 organisierte der Technoclub Partys in der Underground-Disco „U 60311“, danach wechselte man ins „Monza“. Zwei Jahre später erfolgte der Wechsel in den MTW Club im Offenbacher Nordring nahe am Kaiserleikreisel. Noch heute legt Talla 2XLC dort jeden zweiten Samstag im Monat Trance auf, alle zwei Monate in der Reihe „Dreamscape“ Goa-Trance. Und er gastiert ab und an im „Moon 13“, dem ehemaligen „Cocoon“-Club von Sven Väth, etwa jetzt am Ostersonntag.

Mit dem Komponieren und Produzieren begann Andreas Tomalla bereits während seiner Lehrzeit, als ihm ein Plattenvertreter einen Synthesizer anbot. Er schraubte herum, die Töne gefielen ihm, Maschinisten-Glück. Als sein Freund und Lehrlingskollege, Ralf Henrich, sagte, er habe auch ein solches Gerät, legten sie los, „völlig autodidaktisch“. Das erste Projekt nannten sie „Axodry“; es war Italo-Electronic. Dann kam der Zufall ins Spiel: „Ich kannte Typen, die bei Bellaphon arbeiteten. Sie sagten, wir bringen das raus.“ Ab ging’s ins Profi-Studio. Die erste Nummer hieß „Feel it Right“ und wurde tatsächlich ein kleiner Hit. Tomalla fand „Axodry“ zu kommerziell, gründete „Two of China“ („zu undergroundig“), dann „Moskwa TV“. „Tekno Talk“, das erste Lied, wurde 40 000 Mal verkauft. „Das war mein erstes erfolgreiches Projekt.“ Die zweite Nummer hieß „Generator 7/8“, sie fiel düsterer aus. Der Song wurde über 100 000 Mal weltweit verkauft.

Tomallas Leben verlief längst im musikalischen Fluss: auflegen, komponieren, produzieren, experimentieren. Die ersten Trance-Labels stiegen von Vinyl auf MP 3 um. Er bedauerte das: „Platten haben einen besseren, unkomprimierten Sound.“ Mit seinem letzten Label „Tetsuo“ versuchte er noch eine Weile Platten zu pressen, gab dies aber angesichts immer schwächer werdender Verkaufszahlen auf. „Als Vinyl angesagt war, musste man als DJ wirklich auflegen können. Heute muss man das nicht mehr.“ Ein guter DJ müsse das Publikum verstehen, es lesen, um reagieren zu können. Er legte bei der HR-Clubnight auf und hat seit 2004 seine eigene Sendung beim Radiosender „Sunshine live“ in Mannheim.

Tomalla war auch ein Kind der Loveparade in Berlin. „1991 sind wir mit zwei Bussen hingedüst, in einem war Sven Väth mit seinen Jüngern, im anderen Mark Spoon und ich. Ab da waren wir immer dabei, auch auf den Musikwagen. Aber dann wurde das Ganze kommerziell, es tauchten RTL II, Gotthilf Fischer und Porno-Produzenten auf.“ Er klinkte sich für drei Jahre aus, vermisste aber die grandiose Mischung aus wummernden Techno-Beats und Massenparty. Und so schrecklich die letzte Loveparade 2010 in Duisburg verlief mit vielen Toten und Verletzten – er findet, man hätte sie „in veränderter Form und an einem anderen Ort weiter organisieren sollen“.

Wie geht er mit Frankfurt, wie die Stadt mit ihm um? 2010 erhielt er die Ehrenplakette der Kommune. Er engagierte sich für die PR-Aktion „Ja zu FRA“, war auf einem Flugzeug abgebildet. Er wolle zwar jenen, die unter Fluglärm litten, nicht auf den Schlips treten, sagt er, aber der Airport sei wirtschaftlich superwichtig für Frankfurt.

Auch sein neuestes Projekt ist ehrgeizig: Das „Museum of Modern Electronic Music“, kurz MOMEM, soll ins ehemalige Kindermuseum an der Hauptwache. „Es ist kein Techno-Museum, wie teilweise fälschlich geschrieben wurde, sondern wir wollen alle Facetten der elektronischen Musik zeigen, das ganze Spektrum.“ Die Idee kam ihm, als er 2011 vom Goethe-Institut eingeladen wurde, in Usbekistan über die Geschichte des Techno zu sprechen. „Ich wollte erst gar nicht dorthin, aber meine Frau fand das toll und schrieb mit mir die Präsentation.“ Die Begeisterung der Zuhörer machte ihn nachdenklich. Er recherchierte und fand zum Thema Techno „nur Bruchstücke, keine umfassenden Betrachtungen“. Mit seinem Freund Azary und dem Designer Stefan Weil erarbeitete er ein Konzept für ein MOMEM. Die Stadt stellt die Räume auf 20 Jahre mietfrei zur Verfügung.

Der Förderverein ist gegründet, Tomalla ist der Ehrenvorsitzende. An Resonanz – weltweit – mangelt es wahrlich nicht, dafür bis dato noch an ein paar mehr Sponsoren. Die für 2017 angedachte Eröffnung dürfte sich verschieben. Doch Tomalla glaubt fest ans Projekt: „Wir wollen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Techno darstellen. Dafür brauchen wir Unterstützung, vor allem von den Frankfurtern, denn ein hochwertiges Erlebnis-Museum kostet rund 5 Millionen Euro.“ Tomalla glaubt fest an die Bedeutung des MOMEN. Kein Wunder. Er ist der Maschinist.

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