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Anna Beyer war eine der Wiedergründerinnen der Awo.

Jubiläum

Am Anfang standen die engagierten Frauen: Vor hundert 100 Jahren wurde die Arbeiterwohlfahrt gegründet

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) Frankfurt feiert in diesem Jahr ihren hundertsten Geburtstag. Am Anfang der Organisation standen vor allem engagierte Frauen.

Frankfurt - Seit hundert Jahren setzt sich die Arbeiterwohlfahrt für Solidarität in der Gesellschaft ein. Doch nicht nur der Bundesverband kann sich das Jubiläum auf die Fahne schreiben, auch die Awo Frankfurt hat Grund zum Feiern. Sie wurde ebenfalls im Jahr 1919 gegründet.

Marie Bittorf baute die Awo nach dem Krieg wieder mit auf.

Ohne den Krieg und die auf ihn folgende Armut hätte es die Arbeiterwohlfahrt vielleicht nie gegeben: Der Erste Weltkrieg hatte die Wirtschaft erschüttert und ließ viele Witwen und Waisen zurück; 1919 ist die existenzielle Not im Deutschen Reich so groß, dass die öffentlichen Stellen der frisch gegründeten Weimarer Republik die Lage nicht bewältigen können. Behörden des Reiches beraten sich mit Trägern der Wohlfahrtsverbände und Stiftungen; auch Sozialdemokraten sind eingeladen, haben es ohne Verband oder Organisation jedoch schwer, als Vertreter der freien Wohlfahrt anerkannt zu werden. So schlägt Marie Juchacz, die als SPD-Abgeordnete zu den ersten Frauen in der Nationalversammlung gehört, dem Parteivorstand am 13. Dezember 1919 vor, eine eigenständige sozialdemokratische Wohlfahrtspflege einzurichten.

Die Arbeiterwohlfahrt wird noch im gleichen Jahr ins Leben gerufen, mit Marie Juchacz als Vorsitzender. Direkt darauf gründet sich auch in Frankfurt ein Ortsausschuss. SPD-Frauen wie Lina Ege, Henriette Fürth, Johanna Kirchner, Meta Quarck-Hammerschlag, Marie Bittorf und Johanna Tesch heben ihn aus der Taufe.

„Anfangs wurde das ganze Wohlfahrtsunternehmen noch als Frauensache betrachtet. Erst, als es Posten zu vergeben gab, folgten die Männer“, sagt Jürgen Richter, heutiger Geschäftsführer der Awo Frankfurt. Die Organisation verfügt über kein eigenes Vermögen; alle Mittel stammen aus Sammlungen und Spenden. „Die Arbeiterwohlfahrt war von Anfang an eine Organisation zur Selbsthilfe der Arbeiterschaft; die Armen halfen den noch Ärmeren. Viele, die die Speisen ausgaben, waren selbst auf das Essen aus den Suppenküchen angewiesen“, so Jürgen Richter.

Erste Beratungen

In den 20er Jahren beteiligt sich die Arbeiterwohlfahrt beim Aufbau der sozialen Gerichtshilfe und der Jugendgerichtshilfe in Frankfurt. Im alten Gewerkschaftshaus Ecke Stolzenstraße und Allerheiligenstraße richtet die „AW“, wie sie damals noch abgekürzt wird, ein kleines Büro ein; Johanna Kirchner arbeitet dort als Bürokraft und hält Beratungssprechstunden ab. 1931 zieht die AW dann mit in das neue Gewerkschaftshaus in der Wilhelm-Leuschner-Straße, das nur zwei Jahre später von den Nazis besetzt wird. Nach einem erfolglosen Versuch der Nazis, die Arbeiterwohlfahrt gleichzuschalten, werden viele Funktionäre des Verbandes verfolgt; die AW löst sich auf und wird enteignet. „Darauf sind wir besonders stolz: Wir müssen keinen Teil unserer Geschichte schwärzen“, so Jürgen Richter. „Wir standen von Anfang an auf der richtigen Seite.“

Johanna Kirchner, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde, gründete die Awo in Frankfurt mit.

Wie Marie Juchacz flieht auch Johanna Kirchner ins Saarland und nach dessen Angliederung weiter bis nach Paris. 1942 wird Johanna Kirchner von der Vichy-Regierung verhaftet und an die Gestapo ausgeliefert. Am 9. Juni 1944 wird sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Nach Kriegsende gründete sich die AW in Windeseile neu, auch in Frankfurt. Am 27. Juli 1945 reicht AW-Urgestein Marie Bittorf bei der amerikanischen Militärregierung den Antrag auf Lizensierung der Arbeiterwohlfahrt Frankfurt ein; drei Monate später wird ihm stattgegeben. Die Organisation ist nun kein Teil der SPD mehr; in ihr arbeiten Sozialdemokraten und KPD-Mitglieder zusammen, was Einigkeit signalisieren soll, aber auch zu Spannungen füh

Im Nachkriegs-Frankfurt ist die Not groß: Die Stadt liegt in Trümmern, die Einwohnerzahl ist stark dezimiert, Obdachlosigkeit und Hunger bestimmen den Alltag der Meisten. Genau hier setzt die Wohlfahrtsarbeit an: Die AW-Mitglieder helfen in Suppenküchen, verteilen Care-Pakete, flicken zerschlissene Kleidung in Nähstuben wieder zusammen und eröffnen sogar den ersten AW-Kindergarten noch im Jahr des Kriegsendes. „Im Winter 45/46 war die Modefarbe rot, weil endlich aus den Nazi-Flaggen etwas Vernünftiges gemacht wurde: Kleidung“, sagt Jürgen Richter. Es folgen Wärmestuben, weitere Einrichtungen für Kinder, Schulkindspeisungen und eine Hilfestelle für Kriegsversehrte und Hinterbliebene. Ende 1945 zählt die Arbeiterwohlfahrt Frankfurt ganze 11 000 Mitglieder; ein Jahr später steigt die Zahl sogar auf 16 000 an.

Die Quellen rund um die Entstehung und den Wiederaufbau der Arbeiterwohlfahrt zwischen 1919 und 1950 sind zahlreich, danach werden die Informationen dünner. Der wohl bewegteste Teil der Awo-Geschichte endet in den frühen 50er Jahren: „Mit dem Wirtschaftswunder stieg der Wohlstand und die Mitgliedszahlen gingen stark zurück“, so Jürgen Richter. Zahlen, die das belegen, gibt es heute leider nicht mehr.

Die Awo Frankfurt konzentriert sich in den 50ern vor allem auf die Altenpflege, denn Senioren profitieren lange nicht vom Aufschwung: Die Renten sind niedrig und es fehlen Plätze in Altenheimen. So gründet die Awo schon 1951 das Johanna-Kirchner-Heim, obgleich sich der Bundesverband dagegen ausspricht, da der Frankfurter Ortsverband sich dafür verschuldet. Weitere Heime folgen, wie das August-Stunz-Zentrum im Jahr 1956. Zudem gründet die Awo 1950 sieben weitere Kindergärten. In den 60ern wird die Altenbetreuung weiter ausgebaut, während die Kindergärten 1966 an die Stadt zurückgegeben werden, da die Kosten für die Awo als Träger zu hoch sind. Außerdem kommen mit der Einreise der Gastarbeiter neue Aufgaben auf die Gesellschaft zu: 1962 wird eine Beratungsstelle für türkische Gastarbeiter eingerichtet, die zu Themen rund um Arbeitserlaubnis, Wohnung, Aufenthalt, Sprache und Familie berät.

Mit der 68er-Bewegung entbrennt eine Debatte rund um das Selbstverständnis von sozialer Arbeit, auch innerhalb der Awo: Die Frage nach der Sozialisation von Individuen und nach Entstehung von Randgruppen gewinnt an Bedeutung. Wohl infolgedessen baut die Awo in den 70ern und 80ern ihre Schulsozialarbeit aus. Ende der 80er wird auch die Anlaufstelle für straffällig gewordene Frauen gegründet, die Straftäterinnen zurück in die Gesellschaft helfen soll und sie sowohl im Gefängnis als auch danach begleitet. Jürgen Richter kommt 1992 zur Awo; ein Jahr später wird er Geschäftsführer des Kreisverbands. „Damals war die Awo noch eine ziemliche Monokultur, Hauptstandbein waren Altenpflegeeinrichtungen“, sagt Richter. „In meinen 25 Jahren bei der Awo hat sich das sehr verändert. Wir sind heute wieder stark im Kitabereich, haben sogar eine deutsch-türkische Kita und planen eine deutsch-türkische Grundschule.“

Neue Aufgaben

Seit 2009 betreibt die Awo Frankfurt außerdem eine Ehrenamtsagentur, die freiwillige Helfer in soziale Einrichtungen und an gemeinnützige Projekte vermittelt. Etwa genauso lange engagiert sie sich auch im Quartiersmanagement einiger Stadtteile. „In Zukunft wollen wir den Bereich für junge Menschen mit Behinderung weiter ausbauen, etwa mit Wohnmöglichkeiten, die ein großes Maß an Selbstständigkeit ermöglichen“, so Jürgen Richter, dessen Verband heute 3252 Mitglieder zählt. Als Kernthemen der Zukunft sieht er Integration von Geflüchteten, Schaffen von bezahlbarem Wohnraum, Verringerung von Armut und Ausbau der Ganztagsschulen. Richter: „Eine Stadt wie Frankfurt muss solidarisch sein, um auch in Zukunft wirtschaftlich erfolgreich zu sein.“

von Henriette Nebling

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