Ein Knäuel Angelschnüre hat eine Anwohnerin an der Griesheimer Staustufe gesammelt und Martina Chane vom Wasservogelschutzverein "Projekt Oase" übergeben. In die Kamera hält sie hier nur einen kleinen Teil der Beute.
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Ein Knäuel Angelschnüre hat eine Anwohnerin an der Griesheimer Staustufe gesammelt und Martina Chane vom Wasservogelschutzverein "Projekt Oase" übergeben. In die Kamera hält sie hier nur einen kleinen Teil der Beute.

Tierquälerei

Angler-Müll gefährdet Vögel an der Staustufe

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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Schwäne und Enten verenden an der Griesheimer Schleuse an den Hinterlassenschaften verantwortungsloser Hobbyfischer.

Griesheim. Auf der Staustufe der Griesheimer Schleuse liegt seit Tagen ein toter Schwan. Nach Worten Martina Chanes vom Wasservogel-Schutzverein "Projekt Oase" war das Jungtier ein paar hundert Meter stromaufwärts an der Uferböschung den Bisswunden eines nicht angeleinten Hundes erlegen, in den Fluss gefallen und auf das Mauerwerk gespült worden.

Wie die Tierschützerin weiter berichtet, ist der Schwanen-Kadaver ein trauriges Sinnbild für das Elend vieler Tiere in größerem Ausmaß an dieser Stelle des Flusses. Der Grund dafür sind laut Chane nicht nur verantwortungslose Hundebesitzer, sondern einige der vielen Angler, die jedes Wochenende zum Fischen an die Griesheimer Schleuse kommen.

"Darunter sind schwarze Schafe, die ihren Müll und Teile ihrer Ausrüstung einfach liegenlassen - etwa Angelleinen, die sich beim Auswerfen in Bäume oder Büsche verfangen haben", berichtet Martina Chane. Die wiederum würden dann oft Wasser-, aber auch Singvögeln zum Verhängnis, "Sie verfangen sich in den Schnüren, die sich etwa um ihre Schnäbel wickeln oder ihnen in die Füße schneiden", berichtet sie. Einige verletzte Tiere konnten sie und Helfer einfangen und medizinisch versorgen.

Köder, Gewichte und Angelschnüre

Von dem Tierleid und dem Müllproblem hatte ihr als Erste eine ältere Frau berichtet, die in der Nähe der Schleuse lebt und täglich die Hinterlassenschaften der Angler einsammelt. Beim Ortstermin mit dieser Zeitung hat Chane einen Teil davon mitgebracht: Es sind mehrere große Tüten voller Köder, Bleigewichte und vor allem Angelschnüre, deren Gesamtlänge mutmaßlich ausreicht, um sie von einem zum anderen Mainufer und wieder zurück spannen zu können.

Statt Anerkennung ernte die ältere Dame nach Chanes Worten immer wieder Anfeindungen von Anglern und Passanten, "weil sie Angler und Hundebesitzer auf ihr Fehlverhalten hinweist und die Wasservögel mit Brot füttert".

Selbstbedienung aus dem Fluss

Chane möchte mit in ihrer Kritik an den Anglern nicht missverstanden werden: "Es gibt viele verantwortungsvolle Naturfreunde unter ihnen, die sich vorbildlich verhalten", stellt sie klar. Doch wünsche sie sich Kontrollen seitens der Stadt, um den Umweltfrevlern Einhalt zu gebieten.

Dem schließt sich auch der Naturschützer, Angler und Gewässerökologe Gottfried Lehr an. Eine "unheimliche Sauerei" nennt er auf Anfrage dieser Zeitung das Gestehen an der Schleuse. Er sieht das Problem vor allem darin, dass zumindest ein Teil der Angler nicht organisiert seien, sondern aus anderen Ländern stammten, in denen die Beachtung von Umweltstandards oder Schonzeiten beim Angeln überhaupt keine Rolle spiele. "Die nutzen häufig die Natur wie einen Selbstbedienungsladen, missachten auch Schonzeiten", empört sich Lehr, der von ähnlichem Klientel an der Wörthspitze berichtet, wo die Nidda in den Main mündet. Diese Angler benähmen sich "wie offene Hosen", findet Gottfried Lehr starke Worte. Er ist sich sicher: "Kein ausgebildeter Angler mit Fischer- oder Sportfischerprüfung würde sich jemals so verhalten." Verschärfend hinzu komme, "dass man für kleines Geld eine Jahreskarte bekommen kann, um am Main zu fischen".

Lehr sieht nur einen Weg, des Problems Herr zu werden: "Es müsste mehr aufgeklärt und mehr kontrolliert werden." Doch wer genau ist dafür zuständig? Das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) mit Hauptsitz in Aschaffenburg ist zwar Eigentümer der Uferflächen, auf der die Angler stehen, wie Sprecherin Marisa Schneider gegenüber dieser Zeitung bestätigt. "Eine Entsorgungspflicht für die Abfälle haben wir jedoch nicht - die liegt bei der Stadt."

Sie spricht von einem verbreitetem Missverständnis: So würden Beschwerden von Bürger über den Mängelmelder der Stadt an das WSA weitergeleitet. Auch in diesen Fällen verweise das WSA jedoch immer wieder darauf, dass die Entsorgungspflicht bei der Stadt liege. "Das machen natürlich wir", bestätigt denn auch Sandra Rosenkranz vom Grünflächenamt die Zuständigkeit. Dann spielt sie den Ball allerdings wieder zurück nach Aschaffenburg: Denn auf die schwarzen Schafe unter den Anglern einzuwirken, "damit sie keine Sachen hinterlassen, an denen Tiere verenden, dafür ist das WSA zuständig", so Rosenkranz.

Marisa Schneider vom WSA bestätigt, dass das im Prinzip richtig sei. Doch werde in solchen Fällen ihr Amt in der Regel nicht selber aktiv. "Es gibt eine Vereinbarung mit den Ländern, dass die Wasserschutzpolizei für uns den gesetzlichen Vollzug ausübt", erklärt sie. Das gelte für die Einhaltung der Regeln auf dem Wasser, aber auch die Kontrollen von Anglern fielen darunter.

Zumindest theoretisch. Denn die Kräfte der Wasserschutzpolizei, erklärt Marisa Schneider, seien gerade im vergangenen Sommer dadurch gebunden worden, Heerscharen von Stand-Up-Paddlern und anderen Wassersportlern im Zaum zu halten.

Und was wird nun konkret getan, um den Missstand an der Staustufe Griesheim oder an der Wörthspitze zu bekämpfen? Marisa Schneider sagt, sie werde den Hinweis dieser Zeitung weitergeben . . . Michael Forst

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