Natalie Papanikolaou arbeitet ehrenamtlich als Begleiterin für Schwerstkranke.
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Natalie Papanikolaou arbeitet ehrenamtlich als Begleiterin für Schwerstkranke.

Praunheim: Ehrenamtliches Engagement

Die Angst vor dem Sterben nehmen

Natalie Papanikolaou begleitet Schwerstkranke und ihre Angehörigen.

Der unscheinbare Aushang hing weit unten auf dem Whiteboard, inmitten zahlreicher anderer Zettel ging er fast unter. Warum ihn Natalie Papanikolaou damals, vor acht Jahren, trotzdem erspähte, als sie nach der Mittagspause auf dem Weg zu ihrem Büro war? Sie wisse es nicht, sagt sie heute. Aber sie weiß noch, dass sie der Text des Blatts elektrisierte: "Suchen ehrenamtliche Palliativbegleiter", hieß es darauf. Die junge Frau riss das Papier ab und nahm es mit, um gleich unter der angegebenen Nummer anzurufen. Am anderen Ende meldete sich Heide-Marie Jungbluth, die Koordinatorin der Patienten-Kontakt-Gruppe im Krankenhaus Nordwest, in der Ehrenamtliche Schwerstkranke und Sterbende sowie deren Angehörige begleiten. Schon am nächsten Tag trafen sich beide Frauen - "und von Sekunde eins war mir klar, dass ich das machen möchte", erinnert sich Natalie Papanikolaou. Für ihr Engagement wurde sie kürzlich mit dem Bürgerpreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet, den die Stadt jedes Jahr gemeinsam mit der Stiftung der Frankfurter Sparkasse vergibt.

Was sie dazu bewogen hat, sich in ihrer Freizeit mit dem Thema Sterben und Tod auseinanderzusetzen, um das viele Menschen am liebsten einen großen Bogen machen? Um das zu erklären, holt die 38-Jährige, die als Personalmanagerin in einem IT-Unternehmen arbeitet, weiter aus. Erzählt davon, dass ein Jahr, bevor sie auf den Zettel stieß, ihr Großvater gestorben war, an dem sie sehr gehangen habe - "an Demenz". Dass ihre Familie mit seinem nahenden Sterben nicht gut umgehen konnte - "ich war eigentlich die Einzige, die das konnte". Und sie schildert, wie der Tod in ihrem Umfeld ein zweites Mal zuschlug: Die Mutter ihrer besten Freundin starb an Darmkrebs, sechs Wochen nach der Diagnose.

Mit ihrer zutiefst erschütterten Freundin besuchte sie auf deren Wunsch hin einen Vortrag über "Kontakt ins Jenseits". "So ein Schmarrn", dachte sie zunächst. Doch dann erlebte sie, wie die Referentin davon sprach, dass sie die Anwesenheit eines Verstorbenen spüre - eines Mannes, der stark nuschle und schwarze Hände habe. Außerdem rieche sie Wein. Und Natalie Papanikolaou sank immer mehr auf ihrem Sitz zusammen: All das traf auf ihren Großvater zu, der Automechaniker gewesen war und einen Weinberg gehabt hatte. Schließlich wandte sich die Referentin - eine Frau, die sie nie zuvor gesehen hatte - ihr direkt zu: "Ist das Ihr Großvater?"

Einschneidendes Erlebnis

Dieses Erlebnis, sagt die 38-Jährige, habe ihr die Angst vor dem Sterben genommen. Zugleich hatte sie den Wunsch, anderen Menschen zu helfen; zu versuchen, dem Tabu-Thema Tod den Schrecken zu nehmen. Nicht dass sie Menschen missionieren will, an ein Leben nach dem Tod zu glauben. "Wir drängen uns nicht auf", betont sie. Aber sie will Betroffene und Angehörige begleiten durch die Krisen, die durch die Konfrontation mit einer unheilbaren Erkrankung ausgelöst werden. Und ihnen zeigen, dass sie zumindest noch die Chance haben, eventuelle Streitigkeiten mit ihren Angehörigen zu klären, so dass ihnen das auch das Sterben erleichtern kann: "Es ist ein Geschenk, wenn das möglich ist. Denn wenn ein Mensch stirbt, dann ist der Konflikt eingefroren."

Was nicht heißt, dass sich die Begegnungen immer nur um das Thema Tod drehen. Im Gegenteil. "Wir lachen auch ganz viel", sagt sie. Oft liest sie vor oder erzählt von ihrem Alltag, manchmal kommt sogar ihr fünfjähriger Sohn mit. Häufig erlebt sie, wie sich ganz schnell ein tiefes, inniges Verhältnis aufbaut. Wie ihr Menschen, die sie erst wenige Tage kennt, ihr ganzes Leben erzählen. Und dankbar dafür sind, dass sie einfach da ist und zuhört. Nicht sofort mit Tipps und Ratschlägen zur Stelle ist. Sondern Gefühle wie Trauer und auch Wut annimmt, sie nicht totredet nach dem Motto, "ist doch nicht so schlimm, wird schon wieder werden". Stattdessen fragt sie lieber nach: "Was gibt es denn, was dir jetzt gut tun würde?"

Manchmal aber kommt auch sie an ihre Grenzen. Etwa bei einer 42-jährigen Patientin, schwer krebskrank, die eine fünfjährige Tochter hatte - und einen Mann, der das Sterben seiner Frau hilflos mit ansah. "Seit ich selbst Mutter bin, ist das noch schwieriger", räumt sie ein. Zum Glück gebe es die monatliche Supervision, in der sie über ihre eigenen Gefühle sprechen und sich Rat holen kann: "Das ist ganz wichtig." Damit sie auch weiterhin Menschen auf ihrem letzten Lebensweg begleiten kann. Das, sagt sie, "ist meine Herzensarbeit. Wenn man das macht, dann wird vieles andere nichtig".

Die Patienten-Kontakt-Gruppe im Palliativ- und Hospizdienst der Stiftung Hospital zum Heiligen Geist gibt es seit 19 Jahren. 47 Ehrenamtliche unterstützen hier Schwerstkranke und deren Angehörige, die mit den Folgen einer unheilbaren Erkrankung konfrontiert sind. Sie setzen sich mit den schmerzenden Situationen einer schweren Erkrankung, des Todes und der Trauer auseinander, nehmen sich Zeit für die Gefühle und Nöte der Patienten sowie der Angehörigen. Eine monatliche Supervision hilft bei der Aufarbeitung des Erlebten. Auf ihre Aufgabe werden die Ehrenamtlichen mit einem rund 160 Stunden umfassenden Lehrgang vorbereitet. Interessenten müssen mindestens 25 Jahre alt und physisch wie psychisch gesund sein. Außerdem darf es in ihrem familiären und privaten Umfeld keine akuten Sterbe- oder Trauerfälle geben. Weitere Informationen bei Koordinatorin Heide-Marie Jungbluth, Telefon (0 69) 76 01 32 25, E-Mail: jungbluth.heide.marie@sthhg.de. Brigitte Degelmann

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