Anita Djafaris Herz schlägt für die Literatur. Den roten Faden wickelt sie entsprechend um Bücher.
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Anita Djafaris Herz schlägt für die Literatur. Den roten Faden wickelt sie entsprechend um Bücher.

Der Rote Faden, Folge 193

Anita Djafari - Die Literaturvermittlerin

Anita Djafari leitet seit 2007 den Verein Litprom, der sich die Vermittlung von Autoren verschrieben hat. Auf der Buchmesse wird sie zur Bücherfrau des Jahres gekürt. Ihr ist die Folge 193 unserer Serie der "Rote Faden" gewidmet. Jeden Samstag stellen wir Menschen vor, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Vielleicht war das schon immer das Entscheidende im Leben von Anita Djafari: Das Gefühl, Grenzen überwinden zu wollen, ganz gleich, wie diese Grenzen sich darstellen. „Ich komme“, so sagt sie, „aus dem so genannten bildungsfernen Milieu.“ Das mag man kaum glauben, doch verfolgt man Djafaris Biografie zurück, landet man tatsächlich an einem Ort, an dem sich heute noch Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen. Und in den 50er- und 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts dürfte das gleich dreimal so gewesen sein: Tann in der Rhön, eine kleine hessische Ausbuchtung an der damaligen so genannten Zonengrenze. Im Osten Thüringen, im Norden Thüringen, im Süden Thüringen. Grenze, Eiserner Vorhang. Und im Westen die alte Bundesrepublik in ihrer ländlichsten Ausprägung.

Anita Djafaris Eltern führten eine Landwirtschaft in Tann. „Bücher zu lesen“, so erinnert Djafari sich, „war gleichbedeutend mit faul im Zimmer herumliegen. Das war nichts Produktives, also zählte es nicht.“ Da war es schon etwas störend, dass Anita Djafari schon seit ihrer frühen Kindheit unglaublich gerne gelesen hat. „Ich kann mir das sogar erklären“, sagt sie heute. „Zum einen hatte ich eine großartige Deutschlehrerin, die meine Neigungen gefördert hat. Zum anderen war mein Vater ein hoch begabter Geschichtenerzähler.“ Der Vater war in der Milchwirtschaft tätig, fuhr von Hof zu Hof, hörte sich die neuesten Nachrichten und Erzählungen der Bauern an, gab sie zu Hause zum Besten. „Wir hatten einen riesigen Kreis von Verwandtschaft“, so Djafari, „auf Hochzeiten und Geburtstagen war mein Vater der Entertainer.“

Die Bücher, das Erzählen – zwei elementare Lebensgrundlagen, die Anita Djafaris Werdegang geprägt haben. Und so ist es also kein Zufall, dass sie heute ihren Arbeitsplatz im Haus des Buches in der Braubachstraße hat, in dem auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels residiert. Und dass sie auf der diesjährigen Buchmesse wird ihr vom Verein BücherFrauen e.V. die Auszeichnung der BücherFrau des Jahres 2016 verliehen. Eine Anerkennung für langjährigen Einsatz im Dienst der Literatur. Anita Djafari ist seit 2007 Geschäftsleiterin des 1980 gegründeten Vereins Litprom. Dahinter verbirgt sich das so notwendig komplizierte wie verwirrende Konstrukt „Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V.“ Wir belassen es zukünftig bei Litprom, obwohl der Vereinsname die Aufgabe exakt beschreibt: Literatur aus vermeintlich randständigen Regionen ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Da sind wir fast wieder in Tann an der Rhön, an der Zonengrenze. Doch so ganz stimme das nicht mit der Randständigkeit, sagt Anita Djafari. Der Begriff der Dritten Welt verbiete sich heute ohnehin von selbst. Aber auch sonst seien die Autorinnen und Autoren aus dem Afrika oder auch aus der Arabischen Welt „längst keine Exoten mehr. Die sind, wie alle anderen auch, in der Weltliteratur angekommen.“ Diese Perspektive war von Beginn an ein zentraler Bestandteil der literarischen wie politischen Arbeit von Anita Djafari. Und es war ein weiter Weg bis dorthin, der auf den ersten Blick nicht immer bruchlos vor sich ging. Doch die 63-Jährige gehört einer Generation an, in der sich die Windungen, Brüche, Kehrtwendungen und Rückschläge im Nachhinein zu einem vollkommen schlüssigen Ganzen verbinden. Es ist, könnte man sagen, die Generation der Fast-68er-Frauen, die unabhängig genug waren, sich auszuprobieren, Rollenbilder in Frage zu stellen und auf diese Weise über Umwege genau dort landeten, wo sie auch hinwollten.

Ja, sagt Anita Djafari, sie sei Feministin. Und fügt an: „Ich bin wieder bekennende Feministin. Weil ich glaube, dass das heute wieder nötig ist.“ Und fügt gleich hinzu: „Mit einem Feminismus, wie Alice Schwarzer ihn heute vertritt, hat das allerdings nichts zu tun. Was die macht, ist unter aller Kanone.“ Wenn Anita Djafari sich äußert, tut sie das klar, bestimmt und sicher, und doch umgibt sie etwas Freundliches, Offenes, Weltzugeneigtes. Wir sitzen in ihrem Büro im zweiten Stock des Haus des Buches. Aus dem Fenster blickt man auf die Großbaustelle der neuen Altstadt, die langsam Form annimmt. Hier ist Anita Djafari angekommen, nach langen Reisen.

1971 kam sie aus Tann in der Rhön nach Frankfurt, die mittlere Reife in der Tasche mehr nicht. Mehr verbot sich damals von selbst. „Für das Abitur“, sagt sie, „hätte ich nach Fulda auf das Gymnasium gehen müssen; das kam seinerzeit für meine Eltern gar nicht in Frage.“ Stattdessen begann sie eine kaufmännische Lehre, die sie nach kurzer Zeit wieder abbrach, als sie merkte, das sich hinter dem Begriff „nichts anderes verbarg als die Ausbildung zur Tippse.“ Das reichte ihr nicht. Sie fuhr nach Frankfurt, ging an den Basler Platz zu Neckermann Reisen, fragte (ohne Vorkenntnisse“) nach einem Arbeitsplatz – und bekam ihn. Das ging damals noch. Anita Djafari landete, ein weiterer Baustein, in der Fernreiseabteilung. Bis zu diesem Zeitpunkt war sie noch niemals im Ausland gewesen, nicht in Österreich, nicht in Italien. Noch nicht einmal in der DDR. Doch dieser erste Job befeuerte ihre Neugier an Grenzüberschreitungen: „Ich hatte das Glück, nach Asien reisen zu können, nach Afrika.“

Ein Ausgangs-, aber noch kein Zielpunkt, wie Anita Djafari schnell bemerkte. Sie wollte mehr und weiter, also ging sie an das Frankfurter Abendgymnasium, um ihr Abitur nachzuholen. Das legendäre Abendgymnasium. Dort führten Menschen traf sie Menschen wie den späteren Kabarettisten Dieter Thomas oder Monica Weber-Nau, die später als Journalistin von sich reden machen sollte. „Das war“, sagt Anita Djafari, „eine ungemein ermutigende Atmosphäre dort. Es war Aufbruchsstimmung und natürlich war das alles auch ungemein politisiert.“ Wobei sie nicht verschweigt, dass der Eindruck einer Zwangspolitiserung ihr schon damals nicht fern war: „Wer lieber lernen wollte, anstatt zur Demo zu gehen, wurde schief angeguckt. Da war es eigentlich ziemlich egal, wofür oder wogegen demonstriert wurde. Einen Grund gab es immer.“ Mit 23 Jahren hatte Anita Djafari ihr Abitur in der Tasche und begann, an der Goethe-Universität Germanistik und Anglistik zu studieren. Auf Lehramt, „aus Sicherheitsgründen.“

Während der Studienzeit passierte ihr zweierlei: Zum einen arbeitete sie im Qumran Verlag des Ethnologen und Schriftstellers Hans-Jürgen Heinrichs und lernte dort die professionelle Beschäftigung mit dem Buch, vom Lektorat und Korrektorat bis hin zu Pressearbeit und Vertrieb. Zum anderen kam sie im Anglistik-Studium mit Büchern afrikanischer Autorinnen und Autoren in Berührung. Verantwortlich dafür waren unter anderem jene Professoren und Dozenten, die im Jahr 1980, gemeinsam mit Übersetzern, Journalisten und Verlegern und mit Unterstützung der Frankfurter Buchmesse und des Evangelischen Entwicklungsdienstes den Verein Litprom gründeten . Von Anfang an war Anita Djafari Mitglied und Unterstützerin. Ihr Lebensweg führte sie allerdings zunächst nach München, zum Verlag Antje Kunstmann. Dem hatte sie einen Roman aus Afrika zur Übersetzung angeboten. Die Übersetzung stieß nicht auf Interesse, aber Anita Djafari wurde im Vertrieb angestellt. Glücklich wurde sie dort nicht, „das war nicht meine Stadt.“

Nach zwei Jahren kehrte sie zurück nach Frankfurt und eröffnete in der Brückenstraße, wo sich heute die Krimibuchhandlung „Die Wendeltreppe“ befindet, ihre Buchhandlung „Neue Horizonte“. Dafür legte sie an der Buchhändlerschule zuvor eigens eine Buchhändlerprüfung ab. Doch so recht lief der Laden nicht. Und dann lernte Djafari ihren heutigen Ehemann kennen, einen gebürtigen Iraner, in Deutschland aufgewachsen, der für die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) arbeitete. Mit ihm ging sie 1989 nach Peru, nach Cusco, einer 350 000-Einwohner Stadt auf knapp 3500 Meter Höhe, Universitätsstadt, Bischofssitz und Ausgangspunkt für Ausflüge in die berühmte Inkastadt Machu Picchu. „Ich hatte dort“, erinnert sich Anita Djafari, „ziemlich viel Zeit. Und immer wieder kamen Menschen zu mir und fragten, ob ich ihnen nicht privaten Deutschunterricht erteilen wolle.“ Anita Djafari wäre nicht sie gewesen, wenn daraus nicht sofort eine größere Idee entstanden wäre: Sie gründete die Sprachschule ACUPARI, machte ein wenig Werbung in der Stadt – und hatte kurz darauf mehr als 100 Sprachschüler. ACUPARI existiert bis heute und ist eine der renommiertesten Sprachschulen Perus. Im vergangenen Jahr feierte das Institut seinen 25. Geburtstag. Und selbstverständlich war Djafari vor Ort, um mitzufeiern. „Das war schon ein sehr schönes und berührendes Erlebnis“, erzählt sie.

Drei Jahre lang, bis 1992, blieb das Paar in Peru, erlebte die politisch unruhigen Zeiten, die gescheiterte Präsidentschaftswahl des späteren Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa, die terroristischen Aktivitäten des Leuchtenden Pfades. Als die Djafaris zurückkehrten, taten sie etwas urdeutsches: Sie kauften sich ein Reihenhaus. In Wehrheim im Taunus. Dort leben sie bis heute und fühlen sich sehr wohl. Anita Djafari hat frei gearbeitet, übersetzt, lektoriert, im Auftrag der Buchmesse die Gastlandauftritte von Indien und Südkorea organisiert. Bis Buchmessendirektor Jürgen Boos, der 1. Vorsitzende des Vereins Litprom, ihr im Jahr die Geschäftsleitung anbot. Mittlerweile hat Litprom vier feste Angestellte und einen Ring von freien Mitarbeitern für Einzelprojekte. „Das Herzstück“, erklärt Anita Djafari, „ist und bleibt die Übersetzungsförderung.“ Die wird vom Auswärtigen Amt unterstützt. Doch von großer Bedeutung ist für Djafari auch die Arbeit an der Bestenliste „Weltempfänger“ oder die Organisation von Veranstaltungen wie beispielsweise der regelmäßig im Januar stattfindenden Literaturtage („da sitzen am Samstag um 11 Uhr Vormittags 150 Leute im Literaturhaus, um sich ein Werkstattgespräch anzuhören“).

Und: Der LiBeraturpreis. Den hat die Initiative LiBeraturpreis e.V. 25 Jahre lang in intensiver eigenständiger Arbeit verliehen, bevor Litprom im Jahr 2013 eingestiegen ist, „weil“, so Djafari, „ich nicht hätte ertragen können, dass der Preis stirbt.“ Eine Auszeichnung, die ausschließlich an Frauen geht, die sich als Autorinnen in ihrer Heimat für Freiheit- und Menschenrechte engagieren. Da sind wir wieder beim Thema Feminismus. Doch ganz grundsätzlich ist Djafari überzeugt: „Litprom macht politische Arbeit. Das ist unser genuiner Auftrag.“ Und auch wenn die Tätigkeitsfelder sich möglicherweise verändert haben, hat Anita Djafari mit Litprom noch eine Menge zu tun.

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