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Antiquitäten ziehen sich wie ein roter Faden durch Anja Döbritz-Bertis Leben: "Ich hatte immer Antiquitäten um mich herum, auch zu Hause waren wir von ihnen umgeben. Da habe ich als Mädchen schon mal auf einem Stapel von Perserteppichen geschlafen."

Der Rote Faden, Folge 218

Anja Döbritz-Berti - Die Auktionatorin

Klug und kunstsinnig erzielt sie Rekordergebnisse mit dem Hammer: Anja Döbritz-Berti führt das von ihren Eltern aufgebaute traditionelle Auktionshaus Döbritz an der Braubachstraße. Und auch als arbeitende Mutter engagiert sich die Geschäftsfrau. Ihr widmen wir Folge 218 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Genau diese Momente liebt sie. Wenn sie so wie kürzlich bei der Frühjahrsauktion spürt, „dass ich diese wahnsinnige Verbindung zu den Kunden habe“. Wenn ihr oft schon ein Blickkontakt genügt oder sie sogar an der Körperhaltung des Mannes, der hinten im Saal an einer Säule lehnt, „ganz genau erkennt, ob jemand wirklich bieten will oder nicht“. Anja Döbritz-Berti lächelt, ihre Augen leuchten: „Das ist wirklich schön.“

Vor einer Versteigerung sei sie immer kolossal aufgeregt. „Ich fühle mich da oben am Pult wie eine Dirigentin, bevor das Konzert beginnt“, bekennt sie. „Aber wenn ich mein Mikrofon anhabe und das erste Objekt, also das erste Los, an der Reihe ist, dann ist alle Aufregung weg und ich bin voll drin.“

Nach der Auktion ist vor der Auktion. Im lichtdurchfluteten Erdgeschoss der gediegenen Geschäftsräume, wo kunstvoll verarbeitete, alte Möbel stehen und an allen Wänden gerahmte Bilder hängen, wo in den Vitrinen kostbares Tafelsilber glänzt und an der Decke ein birnenförmiger Lüster funkelt, geht es menschlich alles andere als steif zu. Hier beantwortet einer der zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter engagiert die Fragen eines Kunden zu einer Ikone, da kommt ein anderer Experte aus ihrem Team gar nicht mehr aus dem Telefonieren heraus – und immer wieder richtet sich jemand mit einem Anliegen an die hochgewachsene, schlanke Chefin.

Alle umsurren Anja Döbritz-Berti, die gelassen und kompetent im Zentrum des Geschehens steht. „Gehen wir besser nach oben in die erste Etage, da haben wir mehr Ruhe“, sagt sie schließlich. Sie lacht auf, streicht eine dunkle Haarsträhne zurück. „Gerade ist hier zu viel los.“

Die 45-Jährige führt die Treppe hinauf, geleitet zu einem riesigen, blank polierten, antiken Tisch. Sie breitet die Arme aus. „In diesen Räumen hier bin ich praktisch aufgewachsen“, erzählt sie über ihre Kindheit im Kunst- und Auktionshaus an der Braubachstraße. Täglich sei sie in die Frankfurter Altstadt gekommen. „Ich war ein Einzelkind“, sagt sie. „Ich erinnere mich noch gut, wie ich hier gespielt habe. Sogar meine Geburtstage habe ich in unserem Lagerraum gefeiert.“

Ihr Vater, Wilhelm M. Döbritz, hat die Firma 1966 gegründet, zunächst in den Räumen seiner Altbauwohnung im Westend. Fünf Jahre später bezog das expandierende Auktionshaus das erste Domizil an der Braubachstraße, damals florierende Kunst- und Antiquitätenmeile der Stadt. Heute residiert die Galerie Hanna Bekker vom Rath in ihnen, das Auktionshaus ist eine Tür weiter gezogen. Aber die Auktionen veranstaltet Döbritz jetzt wieder im großen Saal der Galerie nebenan, seit sie zusätzlich auch deren Geschäftsführerin ist.

„Meine Eltern haben bis auf zwei Wochen im Jahr keinen Urlaub gemacht“, sagt Anja Döbritz-Berti. „Der Motor lief immer, sie haben immer im Geschäft gestanden.“ Das habe sie geprägt. „Gut, ich war mal im Ferienlager, aber als ich 18 war, wollte ich unbedingt reisen, weg von Frankfurt und in die Welt hinaus.“ Stewardess sei ihr erster Berufswunsch gewesen. „Ich wollte schlichtweg nicht so unabdingbar sein wie meine Eltern.“

Es kam dann doch anders. Dass sie seit 1994 Auktionatorin ist und seit 15 Jahren Inhaberin der Firma mit jährlich drei bis vier großen Auktionen, die sie am Pult leitet, sei auch einer cleveren Idee ihres Vaters zu verdanken: „Als es nach dem Abitur ernst mit der Berufswahl wurde, hat er mir vorgeschlagen, dass er mir quasi zum Schnuppern einen Job in einem befreundeten Auktionshaus in München besorgen könne, bei Neumeister.“ Sie nippt am Kaffee. „Dort habe ich die Faszination für meinen Beruf entdeckt.“ Plötzlich habe sie die Unterschiedlichkeit der Dinge mit neuen Augen gesehen, ganz genau hingehört und sich für alles zu interessieren begonnen.

„Ich hatte immer Antiquitäten um mich herum, auch zu Hause waren wir von ihnen umgeben. Da habe ich als Mädchen schon mal auf einem Stapel von Perserteppichen geschlafen“, sagt sie. „Antiquitäten waren einfach selbstverständlich für mich. Aber in München, bei Neumeister, einem großen Haus mit vielen tollen Mitarbeitern und spannenden Kunden, habe ich alles ganz anders zu betrachten gelernt.“

Nach Ausbildung und Studium von Betriebswirtschaftslehre und Kunstgeschichte gehörte auch ein Praktikum im weltberühmten Londoner Auktionshaus Christie’s zu den Lehr- und Wanderjahren der engagierten Auktionatorin. „Da habe ich einmal eine erfolgreiche Whisky-Auktion organisiert“, sagt Anja Döbritz-Berti.

Die Fachfrau muss Dinge bewerten, taxieren, katalogisieren und meistbietend unter den Hammer bringen. Ihr Haus sei auf Kunst, Kunsthandwerk, Möbel, Porzellan, Fayencen, Uhren und Schmuck des 17. bis 20. Jahrhunderts spezialisiert. Sie verwaltet Nachlässe, Rechtsanwälte schalten sie bei Erbstreitigkeiten ein, um den Wert von Stücken einzuschätzen. Ob das alte Service oder Sofa tatsächlich für eine Auktion geeignet sei, bedürfe großer Erfahrung. Auch der Mindestpreis brauche viel Fingerspitzengefühl. „Er darf nicht zu hoch und nicht zu niedrig sein.“

Bei allem Umgang mit schönen und alten Dingen bleibt für die Auktionatorin aber nach wie vor am wichtigsten bei ihrem „spannenden und vielfältigen Beruf, so intensiven Umgang mit Menschen zu haben“, sagt sie. „Sammler zum Beispiel sind unglaublich. Sie sind ja oftmals ganz anders als wir, die wir breit aufgestellt sein und uns mit allem auskennen müssen, überaus spezialisiert. Von ihnen gibt es viel zu lernen.“ Oft seien sie gar nicht so sehr am Besitz, am Haben interessiert.

Sie schlägt die Beine übereinander, beugt sich vor. „Sammler motiviert das Haben-Wollen.“ Wenn da im Katalog oder in der Ausstellung das so lange gesuchte Stück auftauche, das die Sammlung komplettieren könnte, „kann es sein, dass Geld plötzlich keine Rolle mehr spielt“. Zum Nachteil ihres Metiers sei das nicht. „Von solcher Leidenschaft lebt die Auktion.“

Als ihr Vater vor zehn Jahren gestorben ist, „habe ich mich dazu verpflichtet gefühlt, sein Lebenswerk weiterzuführen“. Gleichzeitig sah sie es aber auch als ihre Aufgabe an, das Haus umsichtig ins 21. Jahrhundert und in die Moderne zu führen. „Ein Spagat, sicher, aber das ist ein Generationswechsel doch immer.“ Alles sei sehr auf den Gründer zugeschnitten gewesen, die Menschen seien sehr auf ihn fixiert gewesen und hätten ihm vertraut. „Und dann komme ich: Erstens eine Frau, zweitens superjung – und das in einer Branche, in der Kunden vielfach älter als 50 Jahre, wohlhabend und Männer sind. Ich war ja für viele immer noch die kleine Anja.“ Sie seufzt. „Das erste Jahr als Inhaberin war alles andere als leicht für mich.“

Dass es in ihrem Fall so gut funktioniert habe, sei erneut einem weisen Zug ihres Vaters zu verdanken gewesen. „Er hat einen ganz klaren Übergang gemacht und sich vom ersten Tag an, als ich übernommen habe, aus allem Geschäftlichen herausgehalten.“ Sie blickt ernst. „Natürlich ist mein Vater nach 35 Jahren nicht plötzlich zu Hause geblieben, aber er hat mich jede Entscheidung treffen lassen und unterstützt. Er hat gesagt: ,Du kannst mich in allem fragen, aber Du entscheidest.’ Und nur deshalb ging es so gut.“

Ihre Mutter Ingrid Döbritz kommt immer noch täglich ins Geschäft. „Trotz ihres Alters hat sie sich vor zehn Jahren noch einmal gründlich des Computers angenommen und hilft im Büro. Großartig.“ Die Familie lebt nach wie vor im Westend, aber ihre elf Jahre alte Tochter und ihr acht Jahre alter Sohn sind anders als Anja Döbritz-Berti früher nur sporadisch in der Braubachstraße. „Ich wollte partout verhindern, dass meine Kinder tagtäglich hier sind.“

Das Internet und da vor allem Ebay, aber auch erfolgreiche Fernsehsendungen über Trödel-Versteigerungen hätten dem Markt gedient. „Ohne das Internet hätten wir womöglich Ende der 1990er Jahre schließen müssen, es hat wirklich alles verändert und ist für uns ein Segen“, befindet die Geschäftsfrau.

Während die Nachfrage nach Möbeln und Porzellan nachlasse, seien Gemälde ein neuer Schwerpunkt bei Döbritz. „Das ist ja auch eine Wertanlage. Aber bei Kunst sind viele Kunden besonders auf die Hilfen unserer Experten angewiesen, wenn sie sich selbst nicht so gut auskennen. Unwissenheit erzeugt Verunsicherungen, und es sind viele Fälschungen auf dem Markt.“ Bei der letzten Versteigerung im März konnte sich die Frau am Pult über ein Rekordergebnis freuen: „Ein Liegender Akt des Künstlers Karl Tratt in Öl, Schätzpreis 4500 Euro, wurde für 67 000 Euro ersteigert.“ Karl Tratt (1900– 1937) war ein Beckmann-Schüler aus Sindlingen.

Auch ein Gemälde von E. L. Kirchner erzielte im vergangenen Jahr einen Spitzenpreis: „Der Zuschlag von 480 000 Euro konnte sich wirklich sehen lassen, auch im internationalen Vergleich.“ In ihrer Stimme schwingt Stolz mit. „Eine unserer erfolgreichsten Auktionen war mit einer Zuschlagsquote von 95 Prozent die Inventarversteigerung des Nachlasses von Konsul Bruno H. Schubert. Alle Welt wollte Devotionalien des berühmten Frankfurters.“

Bei aller Freude über solche Höhepunkte bemühe sie sich aber auch darum, preislich nicht verantwortungslos ins Bodenlose zu gehen. „Ich habe da eine Verpflichtung gegenüber dem Eigentümer, aber auch gegenüber dem potenziellen Käufer.“ Und sie nehme auch nicht jede Ware an. „Dinge aus dem Nationalsozialismus zum Beispiel lehne ich kategorisch ab.“

Versteigerungswochen bedeuten Großeinsatz. „Zwei Wochen zuvor ist der Katalog zu haben. Wir verschicken 9000 Exemplare, aber es gibt ihn auch im Internet. Der Katalog ist wichtig, er wird wirklich sehr genützt.“ Und drei Tage vor der Auktion in den früheren Geschäftsräumen nebenan lädt das Haus gezielt Gäste zur Vorbesichtigung der Objekte ein. Bis dann von morgens an am großen Tag sämtliche Bilder, Bronzen, Möbel, Uhren und der Antiquitäten mehr aufgerufen seien, kürzlich waren es immerhin 1053 Lose, ist es Abend. Wer nicht selbst kommen konnte, „kann auch am Telefon bieten, dafür engagiere ich eigens Praktikanten, oder live von zu Hause mitsteigern“.

In einem Kontorhaus am Frankfurter Osthafen gibt es ebenfalls mehrmals im Jahr Versteigerungen, die Auktionen am Hafen. „Wir haben da eine 400 Quadratmeter große Halle. In dieser Filiale präsentieren wir vor allem besonders große Schränke, Teppiche und eher dekorative als extrem wertvolle Gemälde, die viel Platz brauchen.“

Montags bis samstags geöffnet zu haben, das binde. Weil sich die Hälfte der Kunden an ihr Haus wende, wenn jemand gestorben ist, „erfordert die Nachlassarbeit natürlich auch viele Außentermine“. Zwar versuche sie immer, abends möglichst pünktlich aus dem Geschäft zu kommen, „aber wenn ich spontan in eine Villa nach Königstein muss, weil sich die Erbengemeinschaft trifft, dann muss ich da hin“.

Extrem fällt Anja Döbritz-Berti auf, „wie anders der Geschmack der jetzigen Generation gegenüber der älteren ist“. Früher seien bleibende Werte und Nachhaltigkeit wichtig gewesen, „zum jetzigen Lebensstil gehört das nicht immer“. Allein die Tischkultur habe sich gravierend gewandelt. „Wenn früher Gäste kamen, wurde aufwendig mit dem schönsten Porzellan gedeckt, heute hingegen bestellt sich, wer es sich leisten kann, am besten einen Caterer, der im Zweifelsfall auch noch das Geschirr mitbringt. Oder man geht gleich ins Restaurant. Früher ging man nicht so viel aus, da gab’s die Partykeller-Kultur daheim.“

Wenn bei Anja Döbritz-Berti der berufliche Hammer fällt, geht sie regelmäßig ins Fitnessstudio. Vor allem bemüht sich die Mutter mit Sechs-Tage-Woche darum, nach Feierabend intensiv Zeit mit den Kindern zu verbringen. Geschadet, da ist sich die vielbeschäftigte Unternehmerin sicher, habe ihren Kindern ihre Karriere nicht. Und weil sie junge Frauen ermutigen will, Vollzeit zu arbeiten, obwohl sie eine Familie gründen wollen, ist sie zusammen mit anderen berufstätigen Müttern Mitglied in dem vor zehn Jahren gegründeten Verein „Working moms“. „Wir gehen an Unis, machen Mentoring, Podiumsdiskussionen und Workshops und wollen ihnen Rollen-Vorbilder sein.“

Und wenn Anja Döbritz-Berti, die sich zudem noch in der Polytechnischen Gesellschaft Frankfurt und zum Beispiel im Verein für Künstlerhilfe engagiert, wirklich einmal gar nichts zu tun hat? „Dann vertelefoniere ich auch gerne mal meine Abende mit meinen besten Freundinnen“, erklärt sie. „Freundschaften sind mir sehr wichtig.“

Genug erzählt. Unten wartet schon wieder Kundschaft. „Da ist eine Dame“, sagt Mitarbeiter Philip Augustin. Er ist schon seit einem Vierteljahrhundert im Haus und wie sein Kollege Michael Stöwsand, der es sogar schon auf vier Jahrzehnte bringt, einer der Experten bei Döbritz. „Das Team ist mir ungeheuer wichtig“, bekundet die Auktionatorin.

Was hält denn der Mitarbeiter von der Chefin? „Sie ist ehrlich, sehr höflich, humorvoll und hat ein sehr schnelles Auffassungsvermögen“, urteilt Augustin. Es klingt aufrichtig. „Sie hat ein großes Talent im Umgang mit Menschen.“ Da kriege sie eindeutig den Zuschlag.

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