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Anke Sevenich schneidet öfter mal alte Zöpfe, hier den roten Faden, ab: Die Schauspielerin macht sich gern auf zu neuen Ufern.

Der Rote Faden, Folge 176

Anke Sevenich - Die Abgründige

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Sie wollte Bäuerin werden, studierte Humanmedizin. Nun zählt Anke Sevenich zu den meistbeschäftigten Schauspielerinnen in Film und Fernsehen. Ihr widmen wir Folge 176 unserer Serie ?Der rote Faden?, die Menschen vorstellt, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Beim Öffnen der Tür blickt Anke Sevenich misstrauisch. Als ob sie es bereue, einem Gespräch bei sich zuhause in Eschersheim zugestimmt zu haben. Sie könne Homestories nicht leiden, sagt sie fast mürrisch. Die 1,60 Meter kleine Schauspielerin mit den mädchenhaften Zügen ist dezent geschminkt, trägt Schwarz und wirkt jünger als in Filmen. Das Kompliment nimmt sie hin, Äußerlichkeiten sind ihr nur dann wichtig, wenn es um gute Filmkostüme, Fotos oder Aufnahmen geht. „Schauspieler müssen aufs Äußere achten“, sagt sie, schiebt den Laptop auf dem Esstisch zur Seite und fixiert ihr Gegenüber. Vor dem großen Wohnzimmerfenster blüht der Rhododendron.

Anke Sevenich, geboren am 30. Januar 1959 in Frankfurt, gehöre zu den besten, wenn auch unauffälligen Schauspielerinnen Deutschlands, wurde einmal geschrieben und wird seitdem gern wiederholt. Sie empfindet das nicht als Malus: „Ich will kein Promi sein und lege keinen Wert auf rote Teppiche. Wenn die Leute mein Spiel kennen, aber meinen Namen nicht, ist das in Ordnung. So kann ich mich unbehelligt in der Öffentlichkeit bewegen.“ Sie spielte in so vielen Kriminalfilmen und -serien mit, dass ihr die ARD den Titel „Tatort-Königin“ verpasste. Das findet sie nur im Ergebnis blöd, „weil ich prompt nicht mehr im ,Tatort’ besetzt wurde“. Dabei schätzt sie Krimiformate wegen ihrer Struktur und Stringenz. Geschichten ohne Tiefe langweilen sie. Sie will menschliche Abgründe darstellen. Ihr beruflicher Kosmos darf ruhig düster sein.

Die Filmographie der Charakterdarstellerin ist vielfältig. Von 1992 an finden sich viele Nominierungen und Auszeichnungen für Werke, in denen sie mitgespielt hat, darunter der Adolf-Grimme-Preis und der Spezialpreis „Goldener Löwe“ in Venedig für „Die zweite Heimat – Chronik einer Jugend“ von Edgar Reitz. Hier spielte sie das „Schnüsschen“, die Rolle katapultierte sie in die erste Liga der deutschen Schauspieler-Riege.

Ihre ersten drei Lebensjahre verbringt sie in Niederrad im Haus der Großeltern, einem Bau von Ernst May. Das prägt – auch ihr Haus in Eschersheim ist im Stil des Neuen Frankfurt erbaut. Der Vater, ein Ingenieur, ist oft unterwegs, die Mutter arbeitet halbtags, versorgt sie und die knapp drei Jahre jüngere Schwester. 1962 zieht die Familie nach Langen. Die Schulzeit ist „bewegt“, sie schließt sie mit einem sehr guten Abitur ab, dann will sie Bäuerin werden. „Ich wuchs in einer Zeit des Aufbruchs und der Unerschrockenheit auf und hatte Sendungsbewusstsein.“ Sie zieht in die Wetterau, wird Teil einer Land-Kommune. Auch der Liebe wegen. „Klar, in dem Alter ist man hormongesteuert. Wir wollten neue Lebensformen entwickeln, die Welt verändern, es besser machen als die Bauern. Wir waren idealistisch.“ Sie war ein Kind der „Nach-68er-Generation“: „Es ging uns nicht ums Geld. Mir hat es nichts ausgemacht, wochenlang Kartoffeln zu essen. War nur nicht so gut für die Figur.“

In dieser Zeit rät ihr ein Bekannter, sich vom Acker zu machen und es mit der Schauspielerei zu versuchen. Sie bewirbt sich in Hannover und Stuttgart, besteht an beiden Schulen die Aufnahmeprüfungen. „Die habe ich relativ unbeleckt gemacht, fast dreist.“ Sie entscheidet sich für Hannover und erhält während des zweiten Semesters eine kleine Rolle am dortigen Staatstheater; das „Ännchen“ in Goethes „Stella“. „Ich hatte genau 37 Sätze.“ Ihr Spiel gefällt, es folgt ein festes Engagement. 1987 kündigt sie, um in einem Kinofilm zu spielen. Sie arbeitet fortan frei für Film, Fernsehen und Bühne mit Regisseuren wie Edgar Reitz, Christoph Waltz, Dominik Graf und anderen.

Doch bevor sie sich entscheidet, ausschließlich Schauspielerin zu werden, will sie etwas „Fassbareres“ ausprobieren. „Mich hat damals bei diesem ganzen Kunstbetrieb gestört, dass bei der Beurteilung vieles im Subjektiven bleibt. Wenn man aber eine physikalische Gleichung hat, ist sie entweder richtig oder falsch. Die Medizin war ein Gegenstück zum Schauspiel.“ Sie studiert Humanmedizin bis zum Physikum an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. Sie suchte ihre Identität. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass ihr Stiefvater Mediziner war. Der leibliche Vater war mit 56 Jahren an einem plötzlichen Herztod gestorben. Da war sie Anfang 20. „Das hat mich geprägt.“

Die Arbeit vor der Kamera fasziniert sie zunehmend. Sie dreht „viele Sachen, manche nur unter wirtschaftlichen Aspekten“, finanziert damit ihr Studium. Bald kann sie sich Aufträge aussuchen, so wird die Berufung doch zum Beruf. „Das ist ein Superjob“, sagt sie. Er bringe zwar finanzielle und soziale Unsicherheiten mit sich, „aber wenn man so gestrickt ist wie ich, dass man die Abwechslung liebt und sich gerne aufmacht zu neuen Ufern, ist er toll“. Sie sagt das mit einem sanften Timbre. „Das Thema Stimme ist ein wunderbares“, findet sie. „Wenn man nicht bewusst drauf achtet, nimmt man es gar nicht wahr.“ Sie hat im Laufe der Jahre ein sehr feines Ohr entwickelt, etwa wie authentisch jemand spricht. „Manchmal entstehen Sympathien und Antipathien allein aufgrund des Klangs der Stimme, weil wir dafür ein unglaubliches Sensorium haben.“ Die Stimme müsse nicht immer schön sein, „es muss nicht immer alles gehaucht und mit viel Klang gemacht werden“ sagt sie und haucht und gurrt.

Eitel findet sich Anke Sevenich nicht, aber „natürlich beschäftigt sich ein Schauspieler mit seinem optischen Erscheinen, vielmehr seiner Wirkung.“ Und ja, Erfolg könne durchaus korrumpieren. „Man muss sich in Acht nehmen, und ich sage nicht, dass ich davor vollkommen gefeit wäre.“ Aber guten Schauspielern gehe es um die Sache, nicht um Status. Sie lehnt sich vor und sagt: „Wissen Sie, ich brauche keinen roten Teppich. Ich brauche einen guten Inhalt!“

Über was denkt sie, die sehr an Politik interessiert ist, oft nach? „Wie man aus gesellschaftsrelevanten Themen Filmstoffe machen kann. Mich interessiert die Welt, in der ich lebe, wie sie sich verändert und was passiert. Ich will das aber nicht 1:1 übersetzen, sondern transferieren, nach Art einer Parabel. Ich will Geschichten erzählen, die etwas vermitteln über uns.“ Dass sie das mit dem Geschichtenerzählen voll drauf hat, beweist ihr jüngster Erfolg: Sie gewinnt zusammen mit dem Drehbuchautor Stephan Falk die „Goldene Lola“ 2016 und damit 10 000 Euro für das beste deutsche Drehbuch: „Sayonara Rüdesheim“.

Zwei Jahre lang arbeiteten sie daran. Es ist der verstaubte 50er-Jahre-Charme des einstigen Sehnsuchtsortes der Romantik, wo „deutsche Gemütlichkeit heute von osteuropäischen Migrantinnen in Dirndln an japanische Touristen vermittelt wird“, der es ihr angetan hat. Eine Welt von eigenartigem Reiz, dem auch die Hauptfigur Agnes auf einer Reise erliegt: In komischen und doch existenziellen Verwicklungen lernt sie fremde Menschen kennen und lieben, entdeckt Heimat und schließlich einen Platz für sich selbst. Die Hessische Filmförderung unterstützte das Drehbuch. „Das wird ein emanzipierter Heimatfilm, ein bisschen derb und rau“, verspricht Sevenich. Will sie irgendwann selbst einmal Regie führen? „Könnte schon sein.“

Seit einigen Jahren ist sie auch Gastprofessorin an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Zwei Mal pro Jahr gibt sie Kompaktseminare, ihr Spezialgebiet ist „Arbeit vor der Kamera“. Die Kamera sei zwar nicht gnadenlos, aber sehr genau, „sie zeigt jede verlogene Behauptung“. Wenn ein Schauspieler etwas prätentiös darstelle, sehe man das. „Alles, was größer gemacht wird, ohne groß zu sein, erlaubt die Kamera nicht. Das finde ich klasse“, sagt sie. Das Medium verlange eine „gewisse Planlosigkeit, ein ,Sichhingeben’, was spannend sei. „Wenn ich vor der Kamera stehe und mich traue, mich gehen zu lassen, mir kein Sicherheitsnetz einbaue, damit ich durch die Szene komme, dann kann das großartig werden, spannend, nahbar. Dann ist es das, was jeden Zuschauer interessiert. Coolness oder Fassade interessiert niemanden.“

Sie sieht „viele Schauspieler, denen man atemlos folgt, weil sie sind und nicht behaupten.“ Daran denkt sie oft, wenn gut ausgebildete Schauspielschüler ausgesiebt werden oder eine große berufliche Unsicherheit sie erwartet: „Das finde ich schrecklich.“ Die Situation für Schauspieler werde immer prekärer, kulturelle Förderungen würden zunehmend beschnitten. „Das ist nicht haltbar, wenn es in einer Gesellschaft nichts mehr gibt, was sich nicht in Geld oder Quote rechnet, was aber dem Zusammenhalt dient.“

Sie besucht gerne freie Theater, schätzt Kleinkunst, Oper, Kino. Und treibt Sport, weil es ihr gut tut. Reiten gehört schon länger dazu, derzeit schwimmt sie leidenschaftlich gerne. Und was macht ihr Sohn Trevor (19)? „Ach, der ist flügge geworden“, sagt sie in einem verspielten Singsang und lächelt. Er studiert internationale Politik und Sozialwissenschaften in Frankreich. „Er ist ein toller, politisch engagierter junger Mann, ein kleiner Revoluzzer, also gar nicht so weit weg von mir damals in dem Alter.“ Sie ist zweimal geschieden, hat einen Freund. Mehr sagt sie dazu nicht. Vom letzten Ehemann, dem Frankfurter Fotografen Walter Vorjohann, stammen einige Bilder in ihrem Haus, darunter Aufnahmen der Serie „Orte der Abwesenheit“ von der geräumten Großmarkthalle vor ihrem Umbau zur EZB-Kathedrale. Ein Foto im flachen Panaromaformat füllt fast eine ganze Wand ihres großzügigen Wohnzimmers, das passend zum Baustil der Neuen Sachlichkeit sparsam-modern möbliert ist. Der schwarze Linoleumboden schimmert.

Sie „erläuft“ sich gern ihre Rollen in den Niddawiesen, lernt Texte beim Gehen. Sie setzt Schuhe in einen Bezug zu ihrem Spiel, überlegt, wie eine bestimmte Figur auf dem Boden steht, ob auf dem Ballen, ob sie stöckelt und mit dem Hintern wackelt oder fest in den Boden hineintritt und sich mit jedem Schritt behauptet. „Da fängt die Körperlichkeit einer Rolle an.“ Während sie das sagt, ballt sie ihre Hände zu Fäusten und haut sie plötzlich quer über den Tisch wie ein Boxer kurz vorm Uppercut, man könnte Angst um ihren bunten Kaffeebecher bekommen...

Anke Sevenich spielte einmal ein Frau in einem „Tatort“, die in einer Sekte lebt und viel arbeitet, „und dass die barfuß in den Gummistiefeln war, das hat man ja gar nicht gesehen, das war nur für mich. Das hatte was Frivoles, Abgründiges.“ Manchmal braucht sie so ein kleines Geheimnis für ihre Rolle, es vergrößert ihre Lust am Spiel nach dem Motto „Ich weiß etwas, was du nicht weißt“. Damit gibt sie der Figur etwas mit, verrät aber nicht alles von ihr. Manierismen lehnt sie ebenso ab wie „holzschnittartige Darstellungsweisen, die immer etwas Grobes haben, weil sie erwartbar sind.“ Das sei zu einfach zu lesen. Sie ist eher an der größtmöglichen Wahrhaftigkeit und einer gewissen Schlichtheit in der Wahl der Mittel interessiert – „mit wenig Eitelkeit“.

Sie lebt ein gutes Leben in Frankfurt, in ihrer Heimatstadt, in die sie 1992 zurückgekehrt ist. „Ich kenne die Mentalität hier. Ich mag das Quirlige und dass die Frankfurter unkomplizierte Plauderer sind, man leicht Zugang zu den Menschen hier findet. Auch mir liegt das Herz ja oft auf der Zunge.“ Sie hat viele Freunde, etliche komme aus ihrer Branche wie Regisseure, Theaterleute, Schauspieler und Künstler. „Ich fische, was das Private angeht, in meinem Metier, in meinem kulturellen Umfeld. Da fühle ich mich einfach zu Hause und verstanden, da herrschen ähnliche Ansichten und Werte.“ Empfängt sie gerne Besuch? „Ich bin keine tolle Köchin und eine nervöse Gastgeberin“, sagt sie und muss lachen, „vor allem wenn ich für mehr als sechs Personen koche.“

Anke Sevenich engagiert sich auch ehrenamtlich, und zwar für die Deutsche Nierenstiftung. Derzeit läuft eine Kampagne unter dem Motto „Tatort Niere“, die für mehr Prophylaxe wirbt. Die Aktrice hat einen persönlichen Bezug zum Thema, erkrankte sie doch einmal während eines Drehs so schwer, dass sie ins Darmstädter Klinikum musste. „Damals gab es einen Verdacht, aber ich bin nicht nierenkrank“. Sie erfuhr, was die Krankheit für Betroffene bedeutet, beschloss, zu helfen, und unterstützt auch die „Aktion Kinderwünsche“. Dabei geht es um jene Kinder, die in Familien leben, wo ein Angehöriger nierenkrank ist: „Das ist eine immense Belastung für alle“.Anke Sevenich hat noch immer eine Traumrolle: Den Schurken „Jago“ aus Shakespeares Tragödie „Othello“ will sie spielen, aber nicht böse oder intrigant, sondern „nachvollziehbar“. Und: „Ich würde gerne so lange klar im Kopf und körperlich fit bleiben, dass ich als richtig alte Schauspielerin noch auf der Bühne stehen und die klassischen Tschechow-Rollen spielen kann und dass die Zuschauer fürchten ,Gleich fällt sie wirklich tot von der Bühne’“.

Doch bis dahin ist noch Zeit. Dieses Jahr hat sie bereits drei Filme gedreht, eine Folge der TV-Reihe „Wilsberg“, einen Psychothriller mit Christoph-Maria Herbst und einen neuen „Marthaler“. Alles Krimis. Das Abgründige und sie gehören einfach zusammen.

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