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Haben in der Bildungsstätte Anne Frank Platz genommen: Meron Mendel im Gespräch mit FNP-Redakteurin Inga Janovic.

Montags-Interview

„An Anne Frank kommt keiner vorbei“

Mit einem vielfältigen und umfangreichen Veranstaltungsprogramm, mit Kunstaktionen im öffentlichen Raum und Jugendprojekten veranstalten das Dezernat für Integration und Bildung sowie das Dezernat Kultur- und Wissenschaft gemeinsam mit der Bildungsstätte Anne Frank den ersten Anne-Frank-Tag am heutigen Montag. FNP-Redakteurin Inga Janovic hat mit dem Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, der das Programm maßgeblich auf die Beine gestellt hat, gesprochen.

Die Stadt will am 12. Juni den Geburtstag des jüdischen Mädchens Anne Frank feiern. Die Ehre kommt spät, es wäre ihr 88. gewesen.

MERON MENDEL: Das stimmt. Lange Jahre hat man Anne Frank nur mit Amsterdam verbunden, wo sie ihr Tagebuch geschrieben hat und ihre Familie sich versteckt hatte. In ihrer Geburtsstadt Frankfurt war sie kein Thema, die Stadt hat ja sogar die Chance verstreichen lassen, ihr Geburtshaus im Marbachweg zu kaufen. Unser Anliegen war es immer, die Verbindung zu Anne Frank stärker ins Bewusstsein zu bringen.

Der Anne-Frank-Tag gilt als Projekt der schwarz-rot-grünen Koalition im Römer. Erfunden wurde er aber nicht im Rathaus, oder?

MENDEL: Die Idee des Anne-Frank-Tags hatte ich schon eine Weile im Kopf. Ich habe sie eingebracht, als der Vorschlag aufkam, Anne Frank posthum die Ehrenbürgerwürde der Stadt zu verleihen. Mir schien eine solche symbolische Ehrung nicht die geeignetste Form, an Anne Frank zu erinnern.

Was passiert nun am 12. Juni?

MENDEL: Das Programm steht unter dem Motto: „Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu ändern.“ Ein Zitat aus einer Kurzgeschichte von Anne Frank, verfasst im März 1944. Es wird am 12. Juni auch um ihre Person gehen, vor allem aber um die Frage, welche Relevanz die Themen, die sie in ihrem Tagebuch beschäftigt haben, heute in unserem Alltag, in unserer Gesellschaft haben.

Zum Programm gehört auch die Eröffnung der Ausstellung „Welt retten“. Gezeigt werden die Ergebnisse eines bundesweiten Comicwettbewerbs zum Thema „Superheld-innen“. Taugt Anne Frank zur Heldin der Jugend?

MENDEL: Sie ist zumindest eine Identifikationsfigur für junge Menschen. Nicht nur wegen der Themen Holocaust und Verfolgung, sondern auch wegen der Dinge, die Teenager heute wie damals bewegen: die Liebe, ihr Konflikt mit den Eltern. . .

Was für Helden haben die Jugendlichen in den Comics entworfen?

MENDEL: Sehr häufig haben sich die Teilnehmer selbst als Helden in ihre Comics gezeichnet oder Geschichten um junge Flüchtlinge entwickelt, die sie als Helden sehen.

Zum Programm des Tages gehört auch eine Demokratiekonferenz. Was muss ich mir darunter vorstellen?

MENDEL: Damit binden wir die Initiative „Partnerschaft für Demokratie in Frankfurt“ ins Programm ein. Sie wurde 2016 gegründet, um kleine zivilgesellschaftliche Projekte in der Stadt zu unterstützen. Die Konferenz von Mitgliedern und Interessierten beschäftigt sich mit dem Thema Kunst im öffentlichen Raum. Wir haben für den Anne-Frank-Tag ja auch Künstler gebeten, aktuelle gesellschaftliche Themen wie Rassismus oder Rechtspopulismus in Kunstwerken aufzugreifen.

Entstanden sind dabei Werke und Installationen, die am 12. Juni an verschiedenen Orten in der Stadt zu sehen sein werden.

MENDEL: Ja, es sind sehr schöne kreative, auch verrückte Konzepte zustande gekommen, die wir nun in der Innenstadt präsentieren. Und zwar nicht in geschlossenen Räumen, sondern auf der Straße. Sie sollen für jeden zugänglich sein.

Wenn Ihr Konzept aufgeht, werden ziemlich viele Menschen mitbekommen, dass Anne-Frank-Tag ist. Dank der Kunst stolpert man sozusagen beim Einkaufen darüber.

MENDEL: Genau, das ist unsere Idee. Nicht nur die, die bewusst einen Programmpunkt auswählen, sondern möglichst viele Menschen anzusprechen. Vielleicht geht der eine oder andere dann weiter zur nächsten Kunstinstallation oder kommt abends zu unserer Veranstaltung.

Was glauben Sie, wie viele Menschen können Sie erreichen?

MENDEL: Ich bin mir sicher, niemand wird über die Zeil laufen können, ohne auf den Anne-Frank-Tag zu stoßen. Wie gut das funktioniert, werde ich mir dann selbst anschauen.

Macht es denn die Welt, die Stadt oder den Einzelnen besser, wenn er sich zwischen Einkauf und Feierabend-Cocktail mal für ein paar Minuten auf Kunst und ihre politischen Hintergründe einlässt?

MENDEL: Aus meiner Sicht ist es schon ein Gewinn, wenn sich jemand ein paar Minuten Gedanken über bestimmte Themen macht. Unser Programm ist nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen, wir provozieren auch. Es ist sicher gut für unsere Stadt, wenn darüber eine Diskussion zustande kommt.

Birgt die Erfindung des Anne-Frank-Tages die Gefahr der Ikonisierung, der Verherrlichung?

MENDEL: Mit dieser Frage setzen wir uns am Abend kritisch auseinander, die Podiumsdiskussion im Stadthaus kreist um die Frage: „Anne Frank: Ikone, Inspiration – Mittel zum Zweck?“ Ist sie also ein Mädchen für alles?

Ist sie es?

MENDEL: Natürlich nicht. Das wollen wir an dem Tag auch klar zeigen. Genauso wichtig war es uns, nicht in ein ritualisiertes Gedenken mit gewichtigen Politikerreden zu verfallen. Wir wollen die Leute zum Nachdenken bringen.

Wie viele Institutionen sind am Anne-Frank-Tag beteiligt?

MENDEL: Einige. Ich bin froh, dass alle in der Stadt, die die Dezernentin für Integration und Bildung angesprochen hat, auch dabei sind. So etwa das Kulturamt, die Jüdische Gemeinde, das Jüdische Museum, das Pädagogische Zentrum, der Jugendring, die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, das Atelierfrankfurt und das Kindermuseum. Einige steuern eigene Programmpunkte bei, alle sitzen mit im Fachbeirat.

Wie groß ist der Etat für die Ausrichtung des Tages?

MENDEL: Anfänglich gab es keinen Etat. Durch die große Bereitschaft des Amt für multikulturelle Angelegenheiten und des Kulturamts haben wir knapp 30 000 Euro für die Veranstaltungen und für die Werbung bekommen. Die Kosten von 40 000 Euro für die Kunstprojekte sind aus Bundesmitteln.

Das macht rund 70 000 Euro insgesamt. Haben Sie diesen Betrag in den Folgejahren als Etat zur Verfügung?

MENDEL: Eher nicht. Den größten Teil zahlt ja diesmal gar nicht die Stadt. Für 2018 sind meines Wissens 15 000 Euro im Haushalt vorgesehen, den Rest müssen wir dann abstimmen.

Sie planen über den Tag hinaus. Für den Anne-Frank-Tag 2018 steht bereits fest, dass dann in der Paulskirche der Frankfurter Schulpreis verliehen wird.

MENDEL: Ja, so wird es sein. Außerdem werden wir nächstes Jahr am 12. Juni unsere neue Anne-Frank-Dauerausstellung eröffnen. Das wird ein Highlight, wir präsentieren ein komplett neues Konzept der Erinnerung an Anne Frank.

Mögen Sie schon etwas verraten?

MENDEL: Die Ausstellung wird den Titel tragen „Morgen mehr.“ So beendet Anne Frank ihren ersten Tagebucheintrag aus dem Versteck. Wir greifen das Zitat als Versprechen auf: morgen mehr Courage, mehr Pluralismus etc.

Menschenrechte und Demokratie nehmen viel Raum in Ihren Angeboten ein, um Anne Frank an sich geht es eher selten?

MENDEL: Die Konrad-Adenauer-Stiftung beschäftigt sich auch nicht nur mit dem Altkanzler. Anne Frank ist unsere Namensgeberin, aber unser Themenspektrum ist weitaus größer. Wir unterhalten hier auch die landesweiten Beratungsstellen für Betroffene von Diskriminierung, Rechtsextremismus, Antisemitismus und Rassismus, damit sind wir für ganz Hessen zuständig. Auch mit dem Projekt „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, in dem wir Lehrkräften und Sozialarbeitern professionelle Unterstützung in ihrem Engagement gegen Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung bieten. Das hat alles nichts mit Anne Frank direkt zu tun.

Ursprünglich war Ihr Haus eine Begegnungsstätte im Dornbusch. Inzwischen ist sie zu einer landesweit agierenden Bildungseinrichtung geworden.

MENDEL: Wir sind tatsächlich zu einer hessischen Einrichtung geworden. Vor sechseinhalb Jahren hatten wir vier Mitarbeiter, Ende 2017 werden es etwa 30 sein. Über 70 Prozent unserer Angebote finden gar nicht in Frankfurt statt, auch wenn das unser Hauptstandort ist und bleibt. Am 1. Juli eröffnen wir in Kassel eine Zweigstelle, also eine zweite Bildungsstätte.

Finanziell werden Sie von Stadt und Land getragen?

MENDEL: Nur etwa zehn Prozent unseres Etats von jährlich 2 Millionen Euro kommen von der Stadt. Der Rest sind Landes- und Bundesmittel sowie Stiftungsgelder und Spenden.

Sind Sie die treibende Kraft hinter diesem Wachstum?

MENDEL: Seit ich hier bin, verfolgen wir eine komplett neue Strategie. Wir sind aus einer Stadtteilinitiative gewachsen, inzwischen sind wir ein Kompetenzzentrum. Mein Ziel ist es, das Know-how, das hier existiert und auch die Begeisterung in die Breite zu verteilen. Das ist heute ganz wichtig für die Gesellschaft.

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