Anne Wehr vor der denkmalgeschützten Pestalozzischule.
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Anne Wehr vor der denkmalgeschützten Pestalozzischule.

Pestalozzischule

Anne Wehr öffnete den Kindern die Augen

  • Andreas Haupt
    vonAndreas Haupt
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Ein Vierteljahrhundert lang unterrichte Anne Wehr an der Pestalozzischule, 14 Jahre lang leitete sie die Grundschule. Nun geht sie in den Ruhestand.

Wenn Anne Wehr von ihren Schülern erzählt, von den Projekten der Pestalozzischule mit dem Deutschen Architekturmuseum, wie die Mädchen und Jungen ihren Stadtteil und Frankfurts Innenstadt erkunden, strahlen ihre Augen. „Die Familien leben oft noch nicht lange im Riederwald. Die Eltern können den Kindern keine Verbundenheit mit dem Stadtteil vermitteln. Aber nur was sie kennen, lernen sie zu schätzen. Und nur wenn sie ihren Stadtteil schätzen, setzen sie sich für ihn ein.“ Zu Riederwäldern, zu „echten Frankfurtern“, die die Stadt mitgestalten, sollen die Kinder werden. Seit sie vor 25 Jahren an die Pestalozzischule kam, setzt die heute 61-Jährige sich dafür ein. Mit Beginn der Sommerferien geht sie in den Ruhestand.

Dass Anne Wehr Grundschullehrerin würde, war nicht immer klar. In ihrem kleinen Heimatdorf hatte sie keine weiblichen Vorbilder. „Die Frauen hatten nicht einmal eine Berufsausbildung. Für mich aber stand immer fest, dass ich selbstständig sein und einen eigenen Beruf haben wollte.“ Sie wollte die Welt sehen. Sie träumte davon, als Nonne in ferne Länder zu reisen – „bis ich feststellte, dass das nicht immer so geht“. Hochseilartistin war der zweite Berufswunsch. Sie kletterte auf Bäume, balancierte auf den Balken unterm Scheunendach.

Stattdessen wurde Anne Wehr Lehrerin. Nicht Grundschullehrerin, sondern für „Sekundarstufe Eins“, also die Klassen Fünf bis Zehn. „Meine erste Stelle bekam ich in Baumholder. Aber ich wollte nicht wieder aufs Dorf, nicht mein geliebtes Frankfurt verlassen, wo ich studiert hatte.“ Sie ging an eine Privatschule, doch das gefiel ihr nicht. Weil an staatlichen weiterführenden Schule keine Lehrer eingestellt wurden, holte sie die Ausbildung zur Grundschullehrerin nach. Denn die wurden gesucht.

Zoff auf dem Schulhof

Der Wechsel an die Pestalozzischule sei ein „Praxisschock“ gewesen, sagt Wehr. „Denn bei den kleinen Kindern ist viel mehr pädagogische Arbeit nötig.“ Auch war die Pestalozzischule eine Grund- und Hauptschule. Eine Berufsschule hatte im Haus eine Dependance. „Weil es auf dem Schulhof oft Konflikte zwischen jungen und älteren Schülern gab, hatte die Schule bei den Eltern einen schlechten Ruf. Viele Eltern versuchten, ihre Kinder auf andere Grundschulen zu schicken.“ Und junge, engagierte Lehrer verließen die Schule frustriert.

Kaum war sie in der Schulleitung, kämpfte Wehr dafür, dass die Pestalozzischule eine reine Grundschule wurde. „Sie sollte wieder zu einem Ort werden, an dem die Kinder gerne sind.“ Gleichzeitig schaffte sie es, engagierte Lehrer an der Schule zu halten. Wie gut, zeigt sich etwa darin, dass die Pestalozzischule bei den Schulgarten-Wettbewerben der Stiftung der Frankfurter Sparkasse stets vordere Plätze belegt, etwa 2016 einen ersten und zweiten Preis in der Kategorie Klein- und Klassenprojekte. Immer wieder findet die Arbeit der Lehrer Anerkennung: Im Dezember 2015 gewann Liliana Alem für ihre Experimente den Wettbewerb „Energie für Bildung“, im August 2015 kürte die Gesellschaft Deutscher Chemiker Helga Göpper zur „Sachkundelehrerin des Jahres“.

Anne Wehr selbst brachte ihr Faible für Architektur in die Schule ein. Früh lernen die Kinder, dass ihr Schulhaus unter Denkmalschutz steht und von Martin Elsässer gebaut wurde, der auch die Frankfurter Großmarkthalle schuf. „Von hier aus erkunden die den Stadtteil. Sie lernen die Straßen kennen und wer die Menschen waren, nach denen sie benannt sind.“ Einmal im Jahr erkunden Schüler zusammen mit dem Deutschen Architekturmuseum die Innenstadt. Ein Wissen, dass sie an ihre Eltern weitergeben.

Die Architektur erkunden

Die Architektur wird Anne Wehr auch im Ruhestand nicht loslassen. Seit vielen Jahren leitet sie Touren des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC), neben sportlichen auch solche zu architektonisch interessanten Orten in Frankfurt. „Ich werde mehr Zeitung lesen, denn ich interessiere mich für Politik und die Entwicklung unserer Stadt.“ Auch um die Familie wird sie sich dann mehr als bisher kümmern. „Ich bin verheiratet. Zwar habe ich keine eigenen Kinder, aber viele Patenkinder von echten und Wahlverwandten.“

(hau)

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