+
Stefan Mathias Rösgen erklärt Redakteurin Julia Lorenz, worauf man besonders achten muss, damit es keinen Unfall gibt.

Flughafen

Das anrüchige Gewerbe des Herrn R.

  • schließen

Am Frankfurter Flughafen gibt es ein Fahrzeug, das den Namen „Honey-Truck“ trägt. Dahinter verbirgt sich aber keineswegs eine wohlriechende Tätigkeit für den Fahrer. Denn mit diesem Wagen werden die Fäkalien der Passagiere entsorgt. Wir waren einen Tag lang dabei.

Ohrenschützer auf dem Kopf, Sonnenbrille auf der Nase, die roten Handschuhe übergestülpt – so steht Stefan Mathias Rösgen, 50 Jahre alt, auf einer Hebebühne direkt unter dem Bauch eines riesigen Airbus A 380 am Frankfurter Flughafen. „Vor allem die Brille und die Handschuhe sind ganz wichtig und dürfen niemals vergessen werden“, sagt Rösgen. „Hier kann nämlich auch mal etwas daneben gehen.“

Stefan Mathias Rösgen ist Entsorgungsfahrer bei den Bodenverkehrsdiensten von Fraport. Sprich: Er entsorgt die Fäkalien der Passagiere. Es ist nämlich keinesfalls so, dass Kot und Urin einfach ins Freie abgelassen werden. Müssen die Passagiere an Bord auf Toilette, werden ihre Hinterlassenschaften in einem großen Tank im Bauch des Fliegers gesammelt. Diesen entleeren dann nach der Landung Männer wie Rösgen.

Mit der Hebebühne, die an seinem weißen Fahrzeug angebracht ist, geht es für Rösgen direkt an den Flugzeugbauch heran. Dort öffnet er eine eher unscheinbare Klappe und schraubt einen dicken, gelben Schlauch dran. Daneben wird ein kleinerer, dünnerer Schlauch angebracht. Jetzt muss der Entsorger nur noch schnell einen Schalter an seinem Monitor an der Hebebühne drücken und schon werden die Fäkalien mittels Unterdruck aus dem Tank abgesaugt. Sie fließen in den Tank des Honey-Trucks. So wird das Gefährt der Entsorger umgangssprachlich genannt. Woher diese Bezeichnung kommt, mag keiner so wirklich wissen. Ob es an der Farbe des Inhalts liegt? Man weiß es nicht. Möglicherweise hat man auch einfach nach einem wohlklingenderen Begriff als Fäkalien-Wagen – oder abgekürzt: Fäk-Auto – gesucht. Aber das nur am Rande.

Während Stefan Mathias Rösgen die Exkremente abpumpt, wird der Behälter gleichzeitig mit Wasser durchgespült. Wie er wohl erkennt, dass der Tank leer ist? „An dem Schlauch ist ein kleines Guckloch, da kann ich sehen, wenn nur noch Wasser abgepumpt wird“, erklärt der Entsorger. Zum Schluss wird noch Desinfektionsmittel in den Tank gefüllt.

Während Stefan Mathias Rösgen seine Arbeit erledigt, liegt ein unangenehmer Geruch in der Luft. Der Entsorger aber ist abgehärtet. „Ich rieche das hier oben kaum noch“, sagt er – und grinst verschwörerisch. „Warten Sie nur auf die Fäkalienhalle. Da fahren wir später noch hin. Immerhin ist uns dieses Mal eine Sauerei erspart geblieben.“ Sauerei? Man mag es sich gar nicht vorstellen. „Bei Unachtsamkeit oder wenn ein Anschluss schon stark abgenutzt ist, kann der Schlauch auch mal abfallen.“ Weiter muss Rösgen gar nicht mehr erzählen.

Nur so viel noch: Die Entsorger haben in der Umkleidekabine in der Einsatzzentrale vier Spinde stehen – damit sie möglichst viel Wechselkleidung darin verstauen können. Ein Mal pro Woche kann es zu solch einem unangenehmen Ereignis kommen. Ganz ungefährlich ist der Job übrigens nicht: Fäkalien können Krankheiten übertragen. Deshalb müssen die Entsorger regelmäßig eine Gesundheitsüberprüfung über sich ergehen lassen und sind gegen Hepatitis geimpft.

Ortswechsel: Wir sind in der Einsatzzentrale des Transportservice der Bodenverkehrsdienste. Hier sitzen drei Männer und schauen auf ihre Computermonitore. „Von hier aus werden die Fahrer disponiert“, erklärt Aufgabenleiter Stefan Jennerich (54). Morgens werden die Mitarbeiter einem Fahrzeug und einem bestimmten Areal auf dem Flughafengelände zugeteilt. „Dann arbeiten sie die Aufträge selbstständig ab. Hier in der Zentrale wird nur überwacht, dass alles reibungslos funktioniert und Aufträge von den Airlines angenommen.“ Idealerweise arbeiten in einer Schicht zehn Entsorger. Insgesamt pumpen sie pro Tag etwa 140 000 Liter Exkremente ab. Ein Entsorger verdient als Einstiegsgehalt rund 2240 Euro brutto. Voraussetzungen für den Job: Schulabschluss, Führerschein und Schichttauglichkeit.

Doch zurück aufs Vorfeld zu Stefan Mathias Rösgen: Nach gut zehn Minuten ist die Arbeit des Entsorgers an dem Flugzeug erledigt – mal dauert es länger, mal kürzer. „Das kommt immer darauf an, wie lange das Flugzeug unterwegs war und wie viele Passagiere an Bord waren“, sagt der 50-Jährige. So passen in einen Fäkalientank in einem A 380 etwa 1200 Liter Flüssigkeit, in einen A 321 rund 600 Liter.

Jetzt geht es weiter zum nächsten Flugzeug. Auch dort das gleiche Spiel. Rösgen fährt mit der Hebebühne an die Maschine heran, bringt die Schläuche an, saugt die Fäkalien ab, spült mit Wasser hinterher, desinfiziert. 50 Flugzeuge fertigt ein Entsorger in seiner Schicht ab. Rösgen tut dies bereits seit 14 Jahren. „Ich mag diesen Job sehr gerne“, sagt er. „Es ist abwechslungsreich, auch wenn das von außen betrachtet vielleicht nicht danach aussieht.“ Aber er lerne viele verschiedene Menschen kennen, viele verschiedene Kulturen. Zuvor hat der gelernte Bäcker 14 Jahre lang am Flughafen als Frachtfahrer gearbeitet. „Aber dann war es mal Zeit etwas anderes zu machen.“ Dieses Gefühl verspürt er jetzt wieder. Er würde gerne die großen Flugzeugschlepper fahren.

Noch sitzt er aber im Honey-Truck – und plaudert, denn wir stehen eingeparkt vor einem Flieger fest. „Wir haben hier meist gar nicht mit unserer Arbeit an sich zu kämpfen, vielmehr stellt der Verkehr eine Herausforderung dar“, sagt er. „Es gibt sehr viele Fahrzeuge auf engem Raum.“ Dann können wir endlich weiterfahren.

Dieses Mal geht es aber nicht zu einem parkenden Flugzeug, sondern in die Fäkalienhalle. Der 3000 Liter fassende Tank im Honey-Truck ist gut gefüllt. Rösgen fährt mit seinem Wagen in die Halle hinein, parkt über einem großen Loch und öffnet eine Klappe unten in seinem Auto. Die Fäkalien schießen heraus und verschwinden in einer Sickergrube. „Das landet alles direkt in der Kanalisation“, sagt er. Es stinkt. Barbarisch. Nach Dixiklos, die seit Tagen auf einem Musikfestival in Benutzung waren. Da muss selbst Rösgen schlucken. „Die Menschen reagieren ganz unterschiedlich auf den Geruch: Der eine muss brechen und der andere isst nebenbei noch eine Wurst. Wenn es mir zu viel wird, verlasse ich einfach die Halle“, sagt er und greift zu einem Hochdruckreiniger, um den Fußboden und sein Fahrzeug mit Wasser abzuspritzen. Ganz wichtig: Händewaschen nicht vergessen. Und schon kann es weiter gehen zum nächsten Flugzeug.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare