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Ansgar Wucherpfennig, Direktor der Hochschule Sankt Georgen, ist auf dem Weg zum Gottesdienst zur Semestereröffnung in der Kapelle auf dem Campus. Der Theologe war beim Vatikan wegen liberaler Äußerungen über Homosexuelle und Frauen in der Kirche in einem zwei Jahre zurückliegenden Interview in die Kritik geraten.

Interview

Ansgar Wucherpfennig: "Die Solidarität ist überwältigend"

Vor eineinhalb Wochen wurde bekannt, dass die Kurie in Rom dem Rektor der katholischen theologischen Hochschule St. Georgen, Prof. Ansgar Wucherpfennig, eine dritte Amtszeit verweigert. Grund war ein Interview mit FNP-Redakteur Thomas Remlein vor zwei Jahren. Darin plädierte der Jesuitenpater für einen anderen Umgang der Kirche mit Homosexuellen und für ein Diakonat für Frauen. Gestern fanden die beiden wieder zu einem Gespräch zusammen.

Vor eineinhalb Wochen wurde bekannt, dass die Kurie in Rom dem Rektor der katholischen theologischen Hochschule St. Georgen, Prof. Ansgar Wucherpfennig, eine dritte Amtszeit verweigert. Grund war ein Interview mit FNP-Redakteur Thomas Remlein vor zwei Jahren. Darin plädierte der Jesuitenpater für einen anderen Umgang der Kirche mit Homosexuellen und für ein Diakonat für Frauen. Gestern fanden die beiden wieder zu einem Gespräch zusammen.

Nach dem Wirbel um ihre Nichternennung als Rektor der theologischen Hochschule St. Georgen sprachen Sie von einer Sternstunde der Kirche. Warum?

ANSGAR WUCHERPFENNIG: Weil die Solidarität einfach überwältigend ist. Ich bekomme nur ganz wenig kritische Rückmeldungen, und das zeigt mir einfach, dass viele inhaltlich auf meiner Seite stehen. Dabei geht es mir nicht nur um meine Person, sondern um die Fragen, die inhaltlich angesprochen sind: den Diakonat der Frau und die katholische Einschätzung von Homosexualität und Formen, in Beziehung zu leben, die nicht durch das Sakrament der Ehe abgesegnet sind.

Jetzt gelten ja die Jesuiten als intellektuelle Elite der katholischen Kirche. Sie verstehen sich gleichzeitig als Reformatoren. Sind Sie ein Reformator?

WUCHERPFENNIG: Hat die Kirche in Deutschland nicht in 500 Jahren mit einem Reformator genug gehabt? Sagen wir mal so: Ich glaube schon, dass mein Verständnis von Paulus Aussagen für einige fremd und neu ist. Paulus scharfe Aussagen gegen gleichgeschlechtliche Begierde treffen eben nur sehr bedingt die Situation Homosexueller heute und sind auch in einem größeren Zusammenhang zu lesen. Das Verständnis von Homosexualität hat sich gegenüber Paulus komplett geändert. Darüber lässt sich verständigen, da stehen viele hinter mir. Aber Reformator? Der Weg, den wir eingeschlagen haben mit der Seelsorgeinitiative in Frankfurt, den der Stadtdekan initiiert und mit dem der Bischof in Limburg einverstanden ist, und mit dieser Seelsorge tun wir ja auch nur etwas, das gut katholisch ist. Dieser Weg kam für homosexuelle Männer und Frauen und ihre Angehörigen eher zu spät. Innerhalb der katholischen Kirche ist es aber tatsächlich ein Schritt, der für viele neu ist.

Wenn man zwei Jahre nach einem Interview so eine Abfuhr wie Sie erfährt, offenbar aufgrund von in Rom angelegten Dossiers wie Pfarrer Rolf Glaser im FNP-Interview sagte, fühlt man sich da nicht bespitzelt?

WUCHERPFENNIG: Nein. Bei Ihrer Frage geht es ja auch um etwas Anderes, nämlich, ob ich Angst habe, bespitzelt zu werden. Hab’ ich nicht.

Aber Sie müssen doch überrascht gewesen sein.

WUCHERPFENNIG: War ich. Es ist tatsächlich, wie Sie vorhin richtig gesagt haben, eine Bombe mit Zeitzünder. Man geht ganz friedlich durch die Gegend und auf einmal macht es Bumm (lacht). Ich habe den Eindruck, dass ich in der Zuwendung zu Schwulen und Lesben ganz auf dem Weg bin, den Papst Franziskus auch eingeschlagen hatte, mit seinem berühmten Satz: Ein Homosexueller? Wer bin ich, ihn zu verurteilen? Das hat mir Auftrieb gegeben. Ich hatte den Eindruck, dass wir den Weg gehen, den Papst Franziskus mit der Kirche gehen will. Deswegen hatte ich nie Angst, dass ich bespitzelt würde.

Aus katholischen Kreisen in Frankfurt habe ich gehört, dass hinter der Aktion gegen Sie möglicherweise der in Limburg abgesetzte, sehr, sehr konservative Bischof Tebartz-van Elst stecken könnte.

WUCHERPFENNIG: Da habe ich überhaupt keine Indizien.

Also eher eine Verschwörungstheorie. Aber Tebartz-van Elst lebt ja in Rom.

WUCHERPFENNIG: Weder weiß ich, wie der Altbischof mit der Glaubenkongregation vernetzt ist, noch habe ich je darüber nachgedacht.

Im Kirchenrecht gilt der Spruch: Roma locuta causa finita. Bedeutet: Rom hat gesprochen, die Sache ist entschieden. Wie groß ist ihre Hoffnung, das Rom seine Meinung ändert?

WUCHERPFENNIG: Rom hat ja noch nicht gesprochen.

Aber es ist so eine Art Schwebezustand entstanden, die Zweifel erkennen lässt.

WUCHERPFENNIG: Ich bin zum Rektor gewählt worden, vom Limburger Bischof bestätigt, der Provinzial hat das Verfahren weiter nach Rom geleitet. Und auf die Bitte um Ernennung gibt es bislang keine definitive Antwort. Die Konsequenz ist, dass ich das Amt nicht antreten kann. Insofern finde ich Begriffe wie „aus dem Amt entfernt“ schon passend. Jetzt müssen wir halt Schritt für Schritt sehen, wie es weiter geht.

Theoretisch, so hat Dekan Glaser gesagt, könnten der Bischof und der Provinzial Sie gegen den Willen der Kurie einsetzen.

WUCHERPFENNIG: Das können sie nicht. Wir sind eine Hochschule kirchlichen Rechts. Wer die Ernennung vornimmt, ist der Ordensgeneral der Jesuiten. Darunter liegende Instanzen können keine Ernennung vornehmen. Sie können sich hinter meine Wahl stellen. Das haben beide getan, und ich bin ihnen dafür außerordentlich dankbar. Aber sie können rechtlich keine Schritte setzen.

Wenn Rom bei seiner Meinung bleibt, also die Ernennung verweigert, was machen Sie dann?

WUCHERPFENNIG: Dann bin ich fröhlich und munter weiter Professor. Und Jesuit, Priester und Seelsorger.

Hier in Frankfurt?

WUCHERPFENNIG: Hier in Frankfurt. Das „nihil obstat“ betrifft nur den Rektorenposten.

Die Jesuiten sind zu besonderem Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichtet. Ihr Ordensgründer Ignatius von Loyola sagte: „Ich werde glauben, dass Weiß Schwarz ist, wenn es die Kirche so definiert.“

WUCHERPFENNIG: : Der Satz ist natürlich hammerhart, weil man meinen könnte, dass Wirklichkeiten durch eine Aussage in Rom oder des Papstes auf einmal völlig anders betrachtet werden können. Letztlich geht es dabei um den christlichen Glauben. Wenn ich glaube, dass nach dem Tod Leben kommt, dann glaube ich etwas, was empirisch nicht möglich ist. Aber trotzdem glauben wir Christen, dass danach Leben kommt. Insofern stimmt es. Wenn der Papst Glaubensaussagen macht, dann sind wir zum Gehorsam gefordert. Die wird er in der Regel nicht über schwarz-weiß machen. Ich hatte den Eindruck, dass der Papst den Raum für das Gespräch über Schwulen und Lesben eröffnet hat. Deswegen dachte ich, dass ich mich ganz im Sinne des Papstes bewege.

Sie sind also der Meinung, dass sie durch Ihre Äußerungen nicht die Gehorsamspflicht gegenüber dem Papst verletzt haben?

WUCHERPFENNIG: Den Eindruck hatte ich nie. Auch nicht den Raum zu verlassen, den katholisches Denken in seiner Freiheit zulässt.

Sind Sie wütend auf diejenigen, die sie durch Ihre Nichternennung gewissermaßen ins Unrecht setzen?

WUCHERPFENNIG (lacht): Du sollst Deine Feinde lieben. . . sagt Jesus. Ehrlich gesagt, von ernsthafter Wut kann keine Rede sein. Ich war schon sehr verletzt, habe auch wochenlang gedacht: Das kann doch nicht wahr sein! Das hat auch Aspekte von Wut, nicht nur meine Person betreffend. Es gibt doch einige in Frankfurt, die aufgrund der Seelsorgeinitiative den Weg in die Kirche zurückgefunden haben. Ich denke, dass der Weg des Vertrauens durch römische Bedenken jetzt zunichte gemacht würde oder zumindest stark behindert.

Frankfurts Hochschulpräsidentinnen und -präsidenten haben Sie in einer gemeinsamen Erklärung unterstützt, die an Deutlichkeit und Solidarität nichts zu wünschen übrig lässt. Nutzt Ihnen das etwas?

WUCHERPFENNIG: Sehr. Ich finde es auch für die Hochschule hilfreich. Wir haben ein Leitbild geschrieben, dass eine offene Katholizität festlegt. Katholisch sein bedeutet für uns, weit und frei zu sein. Auf einmal stehen Menschen und Institutionen in Frankfurt zu uns, von denen ich gar nicht sicher war, ob die überhaupt von uns wissen. Ich bin sehr froh über diese Solidarität. Deswegen halte ich dieses Ereignis für eine Sternstunde.

Haben Sie auch unangenehme Reaktionen erfahren müssen?

WUCHERPFENNIG: : Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich meinen Weg gehen musste, bis zu dem Punkt, wo ich heute stehe. Das betrifft den Diakonat der Frau aber auch Fragen der kirchlichen Lehre zur Homosexualität. Ich weiß selber, dass es Zeiten gegeben hätte, in denen ich mich mit meinen Positionen jetzt sehr schwer getan hätte. Insofern kann ich mitfühlen mit denen, die sich mit der ganzen Geschichte schwertun. Es tut mit leid, dass diese Menschen mit anderen Meinungen jetzt auch verletzt oder irritiert sind. Ich erwarte auch nicht, dass sie in den Punkten mit mir einer Meinung sind. Was ich allerdings erwarte ist, dass ein Gespräch darüber nicht sanktioniert ist. Rom hat eben die Möglichkeit, solch einen Gesprächsprozess zu sanktionieren, der im Bistum Limburg und in Frankfurt begonnen hat. Das fände ich für den Prozess sehr, sehr verstörend.

Angesichts der Konsequenzen, die das Interview 2016 für Sie hatte, würde Sie es noch einmal so führen?

WUCHERPFENNIG: Ja. Nur zum Verhältnis von Katholiken und Protestanten würde ich etwas anderes sagen. Das war etwas zu holzschnittartig.

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