Dagmar Stiefel, die Leiterin der Vogelschutzwarte in der Steinauer Straße in Fechenheim, plädiert für mehr Toleranz.
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Dagmar Stiefel, die Leiterin der Vogelschutzwarte in der Steinauer Straße in Fechenheim, plädiert für mehr Toleranz.

Vogelschutzwarte Frankfurt

"Anstrengend sind Saatkrähen nur in der Brutzeit"

  • vonFriedrich Reinhardt
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Vogelexpertin zu Roter Liste, der Jagd, schlauen Tieren, Artenschutz und Rabenmüttern

Am Oberen Kalbacher Weg und an der U-Bahnstation Kalbach koten Saatkrähen alles voll. Warum dort? Und was kann man dagegen tun? Darüber sprach Redakteur Friedrich Reinhardt mit der Leiterin der Vogelschutzwarte Dagmar Stiefel.

Frau Stiefel, Saatkrähen stehen in Hessen auf der Roten Liste der bedrohten Vogelarten. Gibt es so wenige von ihnen? In Bonames vermehren sie sich ziemlich schnell.

Für die Naturschützer sind es nicht so viele Tiere wie vor 100 Jahren waren. Für manche Bürger sind es zu viele.

Was folgt daraus, dass Saatkrähen auf der Roten Liste stehen?

Nichts. Die Liste gibt lediglich an, welche Vogelarten bedroht sind im Vergleich zur vorherigen Liste.

Aber die Saatkrähen sind doch besonders geschützt?

Der Schutzstatus bemisst sich über das Bundesnaturschutzgesetz, dort wird festgelegt, welche Vogelart besonders und welche streng geschützt ist. Saatkrähen gehören zu den besonders geschützten Tierarten.

Was folgt aus dem Schutzstatus? Welche Möglichkeiten gibt es, um zu verhindern, dass sich die Tiere in Bonames ausbreiten?

Den speziellen Fall in Bonames kenne ich nicht. Aber generell gibt es zwei Ansatzpunkte, wie man auf Vögel Einfluss nehmen kann. Die Verfügbarkeit von Nahrung und von Nistplätzen. Allerdings schreibt das Gesetz vor, dass Brut- und Zufluchtsstätten nicht beeinträchtigt werden dürfen.

Aber es könnte eine Ausnahmegenehmigung geben. Was wären dafür die Voraussetzungen?

Die wäre bei Saatkrähen nur im Interesse an der Gesundheit des Menschen möglich. Aber nur in einem Krankenhaus oder an einem Kinderspielplatz, nicht an einer U-Bahnstation.

Warum sind Saatkrähen geschützt, aber Nilgänse dürfen vergrämt werden?

Die Nilgans ist auf der Liste der invasiven Arten. Die werden vom Gesetz anders behandelt. Aber auch den Nilgänsen musste man etwa im Ostpark eine Ersatzfläche anbieten.

Warum lassen sich überhaupt Saatkrähen zwischen einer vielbefahrenen Straße, einer Autobahntrasse nieder? Da muss es doch schönere Orte geben.

Saatkrähen waren früher Vögel offener Ackerlandflächen. Sie nisteten da entlang der Baumreihen und entlang der Flüsse. Durch die Jagd hat man sie in den städtischen Bereich vertrieben. Die Tiere sind pfiffig. Sie haben gemerkt: Da wird nicht geschossen.

Aber sie sind ja nicht überall in der Stadt gleich verteilt.

Saatkrähen sind Koloniebrüter. Sie brauchen größere Baumgruppen für Kolonien. Da stören LKW weniger als ein Habicht. Aber im Prinzip geht es darum, wo Nistmöglichkeiten und Ackerflächen sind oder nicht abgedeckte Mülldeponien. In Städten wird ja überall Müll liegen gelassen.

Wäre es sinnvoll, Mülleimer krähensicher zu machen?

Das wäre ein Mittel, aber das ist zu wenig, um eine Veränderung des Verhaltens zu bewirken.

Lassen wir einmal die juristischen Grenzen beiseite. Was wäre notwendig, um eine Kolonie an der Ausbreitung zu hindern?

Wenn wir schon bei Theorie sind, warum muss man überhaupt Tiere an der Ausbreitung hindern? Wir hatten früher das Zehn- oder Zwanzigfache an Saatkrähen und kein Mensch hat sich daran gestört. Nur unsere Ansprüche haben sich so stark verändert.

Saatkrähen kacken alles voll.

Wirklich anstrengend ist es nur in der Brutzeit. Es sind nur sechs Wochen im Jahr, in denen man aufpassen muss, was da von oben kommt. Tiere sind ein wichtiger Bestandteil unserer Natur. Und übrigens: Umso mehr man die Tiere aufscheucht, desto mehr müssen sie fressen und umso mehr müssen sie koten. Durch ständiges Stören erhöht man nur die Kotmenge.

Okay, nehmen wir zusätzlich an, wir wollten die Vögel an der Ausbreitung hindern. Wäre das möglich? Andere Gemeinden waren damit nicht sonderlich erfolgreich.

Saatkrähen sind standorttreu. Haben sie einmal an einer Stelle erfolgreich gebrütet, versuchen sie es wieder. Würde man die Astgabeln absägen, dann sucht sich nur ein Teil etwas Neues. Das führt zur Aufsplitterung der Kolonie. Dann hat man das Problem an vielen Standorten. Solche Maßnahmen machen nur Sinn, wenn sie gut geplant sind. Das ist im städtischen Umfeld schwierig.

Warum?

Man bräuchte einen Alternativstandort. Aber der Flächendruck ist zu hoch. Man möchte Neubaugebiete ausweisen, landwirtschaftliche erhalten. Da ist kein Platz für Flächen für Saatkrähen.

Mit was für einer Haltung sollten Anwohner an die Tiere herangehen?

Als ich in meine erste Wohnung gezogen bin, habe ich die Wohnung genommen mit einer Saatkrähenkolonie mit 3000 Tieren in der Nachbarschaft.

Was? Warum?

Weil es schön ist. Morgens wachen die Tiere auf und rufen sich gegenseitig zu, dann fliegen sie zu ihren Futterplätzen und kommen abends wieder zurück. Das ist doch schön.

Was haben Sie morgens am Fenster beobachtet?

Es sind extrem intelligente Tiere. Saatkrähen holen sich eine Walnuss, werfen sie an einer Ampel auf die Straße, Autos fahren darüber und wenn die Ampel auf Rot schaltet holen sich die Vögel den Inhalt der Nuss. Das zu beobachten macht sehr viel Freude. Und es sind sehr soziale Tiere. Dieses Miteinander fehlt mir bei Menschen, die nur sagen, die Tiere müssen weg. Wir reden immer von Klima- und Artenschutz, aber wir leben ihn nicht.

Was würde es bedeuten, ihn zu leben?

Dass wir von unsere Ich-Bezogenheit abrücken. Wir können nicht ohne Tiere leben, aber die Tiere können ohne Menschen. Saatkrähen fressen kranke Insekten, die räumen eigentlich ganz gut auf. Aber wir Menschen sind da auch kulturell komisch geprägt.

Was meinen Sie damit?

In anderen Kulturen sind Rabenvögel Symbole der Weisheit. In Europa sind sie verpönt. Ein Wadenbiss von einem Schwan schmerzt monatelang, trotzdem nie würde jemand sagen, dass ein Schwan ein Unglücksvogel ist, aber wir sprechen vom Unglücksraben und diebischen Elstern. Warum? Weil die Tiere schwarz sind!?

Haben Sie zum Abschluss für uns noch eine Beobachtung von ihrem Fenster zu den Saatkrähen?

Sie teilen ihr Futter mit Verwandten. Wenn ein Elterntier ausgefallen ist, dann versorgt das Elternpaar aus dem Nachbarnest das Junge mit. Insofern passt auch das Wort "Rabenmutter" überhaupt nicht.

Aber plündern sie Nester andere Vogelarten?

Definitiv nicht. Saatkrähen sind Vegetarier. Sie räubern keine Nester aus.

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