Antiquierter Wahlkampf

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Unter der Vulkanasche der versunkenen Stadt Pompeji blieb auch Wahlwerbung erhalten. Wie bei den heutigen Kommunalwahlen versprachen die Stadtväter auch damals schon Wohltaten und eine gute Amtsführung – bis der Vesuv ausbrach.

Pompeji, im Jahr 79 nach Christus: Zwei Hauptstraßen mit Fahrrillen für Pferdegespanne durchziehen die eng bebaute und verstopfte Stadt mit 20 000 Einwohnern. Bei Bedarf werden einfach Straßensperren errichtet. „C. Iulius Polybius bringt gutes Brot“, wirbt der höhere Verwaltungsbeamte für Verkehr im Wahlkampf zum Konsul Pompejis, genannt „duumvir“ (Zweimann). Der Werbespruch ist an eine Hauswand gepinselt; an anderer Stelle heißt es kurz und knapp „OVF“(oro vos faciatis), zu deutsch „Bitte wählt ihn“. So mancher der rund 80 Zuhörer von Thomas Schaumbergs Vortrag „Wahlkampf im antiken Pompeji. Politischer Alltag vor dem Untergang“ fragt sich, was sich in fast 2000 Jahren verändert hat und wie ein Frankfurter Verkehrsdezernent mit einer solchen Kampagne dastünde.

Doch die antiken römischen „pogrammata“ waren keine Wahl- oder gar Parteiprogramme im heutigen Sinn. „Polybius versprach Wohltaten bei guter Amtsführung, womöglich Zirkusspiele“, erklärt der Doktorand. Doch dann kam der Vulkanausbruch, der den Alltag unter der Asche begrub, ohne die Außenmauern der Gebäude zu zerstören. Eine Katastrophe für die Menschen – doch ein Glücksfall bei den Ausgrabungen im 19. Jahrhundert.

Thomas Schaumberg hat sich der antiken römischen Politik verschrieben, promoviert über „Wahlen in der frühen Kaiserzeit“ beim Althistoriker Hartmut Leppin an der Frankfurter Goethe-Universität.

„Wir suchen immer nach spannenden Vortragsthemen und haben hier ein Forschungsgebiet, das auch anlässlich der Hessischen Kommunalwahl aktuell ist“, sagt Irmgard Burggraf, Vorsitzende der Historischen Archäologischen Gesellschaft. Schaumberg kennt die antike und heutige Perspektive, da sich der Darmstädter seit 15 Jahren als Bezirksvorsitzender der Jungen Union und Kreisvorsitzender seines Evangelischen Arbeitskreises in der CDU engagiert.

„Vielleicht könnten wir von den Römern lernen, die Wähler im Wahlkampf noch besser mitzunehmen“, findet Schaumberg. In Pompeji freilich spannten die Wahlkandidaten so ziemlich jeden ein, der ihnen nützlich war: Nachbarn, Freunde und Zechkumpane ebenso wie „collegia“, die antiken Vereine und Berufsverbände. Schaumberg bringt Beispiele von Bäckern, Wirten, Würfelspielern, Animierdamen und Lehrern, die als Bittsteller „mit ihren Schülern“ warben.

Bemalte Hauswände als Propagandafläche sind für moderne Politiker kaum vorstellbar. Doch die alten Römer kannten noch keine Plakate. Während die eingeritzten „graffiti“ schwer zu entfernen waren, konnten die „dipinti“ mit ihren Werbesprüchen leicht überstrichen werden. Auch die Wahlprozedur für die rund 5000 bis 10 000 wahlberechtigten pompejanischen Männer ist dank Münzreliefs und zeitgenössischer Quellen nachvollziehbar. „Man trat auf dem Forum zusammen und stimmte für das jeweilige Gebiet in abgezäunten Arealen mit Wachstäfelchen ab“, erklärt Schaumberg. In vielen kritischen Betrachtungen von antiken Wahlkämpfen ist von Klientelpolitik, Vetternwirtschaft und sogar offener Korruption die Rede. Schaumberg geht mit diesen Begriffen vorsichtiger um, räumt aber die Unterstützung durch wohlgesonnene Berufsgruppen in der Erwartung von Gegenleistungen ein. „Und Cäsar musste für seine Wahlausgaben die Privatinsolvenz befürchten.“

Dafür warb Bruttius Balbius, „die Stadtkasse zu schonen“ – offenbar brauchte er kein Geld für Investitionen. „In der Antike warb man nicht mit innovativer Politik, sondern reagierte auf Alltagsprobleme und setzte auf beständige Traditionen“, sagt Schaumberg. Und auch das gab es: Einen Marcus Cerrinius, für den sogar „die Meuchelmörder stimmen würden“. Eine makabre Antiwerbung, wie Schaumberg annimmt – doch weitere Spuren hat der Vesuv verwischt.

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