Andreas von Schoeler (Mitte) überreicht Michal Freiländer (rechts) den Preis für ihren Vater Saul Freiländer. Er ist erster Preisträger des Ludwig-Landmann-Preises, der künftig alle zwei Jahre vergeben wird. Die Laudatio hielt Joschka Fischer (links). Mirjam Wenzel und Peter Feldmann beobachten die Preisübergabe.
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Andreas von Schoeler (Mitte) überreicht Michal Freiländer (rechts) den Preis für ihren Vater Saul Freiländer. Er ist erster Preisträger des Ludwig-Landmann-Preises, der künftig alle zwei Jahre vergeben wird. Die Laudatio hielt Joschka Fischer (links). Mirjam Wenzel und Peter Feldmann beobachten die Preisübergabe.

Stadtgeflüster

Antisemitismus ist "Angriff auf uns alle"

Saul Friedländer erhält im Schauspiel Frankfurt "Ludwig-Landmann-Preis für Mut und Haltung".

Es ist eine eindringliche Mahnung des Ex-Außenministers Joschka Fischer (Grüne): "Nie wieder" dürfe man bedrohte jüdische Mitbürger in Deutschland allein lassen. Anlass war die Ehrung des Historikers und Schoah-Überlebenden Saul Friedländer .

Fischer sieht eine Zunahme des Judenhasses in Deutschland und mahnt zur unbedingten Solidarität mit jüdischen Mitbürgern. Der wachsende Antisemitismus sei "nicht nur ein Angriff auf jüdische Menschen, ihre Gemeinden und Synagogen, sondern ein Angriff auf uns alle, auf die deutsche Demokratie und ihre Grundsätze", sagte Fischer am Sonntag. Er fügte hinzu: "Nie wieder dürfen wir unsere jüdischen Nachbarn und Mitbürger angesichts der zunehmenden antisemitischen Bedrohung allein lassen. Nie wieder!"

Der ehemalige Außenminister hielt gestern im Schauspiel Frankfurt die Laudatio auf den Historiker und Schoah-Überlebenden Saul Friedländer (88), der mit dem erstmals verliehenen "Ludwig-Landmann-Preis für Mut und Haltung" ausgezeichnet wurde. Friedländer wurde für sein Lebenswerk geehrt.

Saul Friedländer, so Fischer, sei "einer der weltweit bedeutendsten Historiker jenes mir bis heute unfassbaren, monströsen Menschheitsverbrechens - des industriell ins Werk gesetzten Völkermords am europäischen Judentum durch Deutsche".

Der mit 10 000 Euro dotierte Preis wurde anlässlich der Wiedereröffnung des Jüdischen Museums von der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums Frankfurt verliehen. Er wird künftig alle zwei Jahre an herausragende Persönlichkeiten vergeben, die sich für eine offene und moderne Gesellschaft, für die Vermittlung von jüdischer Geschichte und Kultur, gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit, für transkulturelle Verständigung und interreligiösen Dialog, für respekt- und wirkungsvolle Formen der Erinnerung an den Holocaust und die Verteidigung des Existenzrechts des Staates Israel einsetzen.

"Antisemitismus in Deutschland wiegt angesichts unserer historischen Verantwortung für das Menschheitsverbrechen der Schoah schwerer als anderswo", fuhr Fischer fort. Die deutsche Demokratie habe sich nach dem Krieg verpflichtet, Antisemitismus mit allen rechtsstaatlichen Mitteln und "niemals ermüdender Härte" zu bekämpfen. "Wer daran rüttelt, wird unserer Demokratie, wird Deutschland schwersten Schaden zufügen. Und das darf nicht sein", betonte der Ex-Außenminister.

Friedländer wurde 1932 als Sohn einer jüdischen Familie in Prag geboren. Infolge der deutschen Besetzung emigrierte die Familie nach Frankreich. Während er als Kind im Versteck überlebte, wurden seine Eltern verhaftet und in Auschwitz ermordet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wanderte Friedländer nach Israel aus. Er lehrte in Jerusalem, Tel Aviv und Los Angeles und wurde unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. 1987 begann seine briefliche Auseinandersetzung mit dem Historiker Martin Broszat, in der er entschieden für eine Geschichtsschreibung eintrat, die auch persönliche Zeugnisse integriert.

Friedländer war zwar nicht im Saal anwesend, wurde aber von seinem US-Wohnort in Los Angeles zugeschaltet. Seine Tochter, die Pianistin Michal Friedländer , nahm an seiner Stelle in Frankfurt den Preis entgegen. Friedländer sagte in einem eingespielten Interview mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey : "Ich bin keine sehr mutige Person, aber ich fühle mich sehr geehrt."

Friedländer hatte 2019 eine viel beachtete Rede zum Holocaust-Gedenktag im Bundestag gehalten und dabei Deutschland als "Bollwerk gegen den Fremdenhass" bezeichnet. Nun sagte er: "Deutschland ist noch immer ein Bollwerk, mehr als andere westliche Nationen, aber es ändert sich überall und man sieht - unerwartet für mich - ein Hochkommen von Antisemitismus sowohl in Deutschland als auch in Amerika, dem großen Bollwerk der Demokratie".

Man müsse einerseits aufklären, aber sich andererseits auch abgrenzen. "Und Abgrenzung ist nicht genug: Man muss sich auch verteidigen", sagte Friedländer und fügte hinzu: "Demokratie muss auch verteidigt und nicht nur erklärt sein." Der Historiker mahnte, die Erinnerungskultur an den Holocaust zu bewahren. Wenn eine stärker von rechten Kräften dominierte politische Lage in Deutschland komme, werde die einst starke Erinnerungskultur, die den Holocaust als Schande einstufe, "weg sein".

Der Namensgeber des Preises, Ludwig Landmann (1868-1945), war von 1924 bis 1933 Oberbürgermeister von Frankfurt am Main. Aufgrund seiner jüdischen Herkunft wurde Landmann 1933 seines Amtes enthoben, seiner Pension beraubt und in die Flucht getrieben. Er starb 1945 verarmt im niederländischen Exil. Der amtierende Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) sagte bei der Preisverleihung, die Stadt habe vergangenen Freitag ihren Magistrats-Sitzungssaal im Römer umbenannt: "Er heißt seit 48 Stunden 'Ludwig-Landmann-Saal'."

Zu Beginn der Matinee hatte der Vorsitzende der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums, Andreas von Schoeler , hervor, dass der Namensgeber des Preises, Oberbürgermeister Ludwig Landmann als Visionär das moderne Frankfurt entscheidend geprägt habe und betonte, dass in Zeiten, in denen "Jude" als Schimpfwort verwendet werde, nicht nur der Staat gefragt sei, sondern auch die Zivilgesellschaft. Man müsse Haltung zeigen, weshalb diejenigen, die diese klare Kante gegen Judenhass und Rassismus zeigten, mit diesem Preis ausgezeichnet werden. Gemeinsam mit Mirjam Wenzel , die Direktorin des Jüdischen Museums ist, übergab von Schoeler den Preis. kna/ffm

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