Anton Raab (1913 bis 2006).
+
Anton Raab (1913 bis 2006).

Einsatz für einen Fußballer im Widerstand

Anton Raab - der Niederräder, der den Nazi unerschrocken Paroli bot

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
    schließen

Er verteilte Flugblätter gegen das Hitler-Regime, er war in der Resistance aktiv. Er droht, vergessen zu werden. Hobby-Historiker fordern die Ehrung des 2006 verstorbenen Anton Raab.

Frankfurt -Seine Lebensgeschichte liest sich wie das Drehbuch eines Hollywood-Films: Der geborene Niederräder Anton Raab (1913 bis 2006) soll als hoffnungsvoller Fußballer für Eintracht Frankfurt gekickt haben, bevor er als Kommunist von den Nazis verhaftet wurde. Er entkam dem Gefängnis auf spektakuläre Weise und schaffte die Flucht nach Frankreich, wo er im Untergrund gegen die deutschen Machthaber kämpfte.

Antifaschist durch und durch

Der Dülmener NS-Forscher Ortwin Bickhove-Swiderski hat die bewegte Vita des mutigen Antifaschisten recherchiert und berichtete auf Einladung der Germania Schwanheim nun darüber im Clubhaus des Vereins. Denn hier, in Frankfurt, hat der Hobbyhistoriker Verbündete gefunden bei seiner Mission, Anton Raab dauerhaft in der Erinnerung der Frankfurter zu verankern. Eine Straße in Niederrad soll etwa nach ihm benannt werden. Knut Dörfel, Linken-Vorsitzender im zuständigen Ortsbeirat 5, will sich dafür stark machen.

Er ist ebenso ins Germania-Vereinsheim gekommen wie Fans der Eintracht, Vertreter der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN), Jörg Dück, ein Hobby-Historiker aus Saarbrücken, der Bickhove-Swiderski zuarbeitet, sowie Klaus Baumer vom Vorstand der Germania als Gastgeber. Baumer hat von den Recherchen des Geschichtsforschers aus Westfalen gehört und ihn eingeladen: "Mein Vater war wie Anton Raab in der Kommunistischen Jugend", erzählt der Niederräder. Als bekennender Antifaschist sei es ihm wichtig, mehr über Raabs packende Geschichte in Erfahrung zu bringen - auch über dessen Verbindung zur Eintracht. Ob der junge Architektur-Student von 1929 bis 1934 tatsächlich "Halbrechter", also Mittelfeldspieler in der Eintracht-Jugend und später in der ersten Mannschaft war, sei bislang nicht bestätigt, hielt Bickhove-Swiderski in seinem Vortrag den Ball flach. Genauso wenig habe sich bislang bestätigt, dass Raab 1933 als Mitglied der deutschen Jugendnationalmannschaft bei einem Spiel im Stuttgarter Stadion vor der mit Nazi-Würdenträgern besetzten Ehrentribüne den Hitler-Gruß verweigert habe.

So steht es zwar in einem Buch des Frankfurter Arbeiter-Schriftstellers Heinrich Droege über Raab. Und so habe es Raab in seiner neuen Heimat Frankreich selbst zeitlebens erzählt. "Doch vielleicht tat er das, um als Deutscher in Frankreich einen besseren Stand zu haben", gibt Bickhove-Swiderski zu bedenken. Ausschließen ließe sich das jedoch nicht. Recherchen bei der Fachzeitschrift und Branchen-Bibel "Kicker" erbrachten zwar nichts, das Eintracht-Museum wiederum sei noch dabei, seine Archive gründlich zu durchforsten.

Zwar würden, so waren sich die Experten und Zuhörer bei der Präsentation einig, diese Details dem Leben des Widerständlers zusätzlichen Glanz verleihen. Doch schon die lupenreinen Fakten alleine reichen, um in Anton Raabs Leben "ein tolles menschliches Beispiel" zu erkennen, wie es Knut Dörfel ausdrückte.

Verweigerter Hitlergruß - Legende oder Wahrheit?

Denn so viel haben die bisherigen Recherchen ergeben: Der Niederräder Bub, mit seiner schlanken Gestalt und dem blonden Haar eigentlich wie aus dem Bilderbuch arischer Rassenfanatiker stammend, hat lange unter Lebensgefahr den Nazis die Stirne geboten. Seit 1931 war er Mitglied im Kommunistischen Jugendverband Frankfurt (KJVD) und anschließend bei der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). "Seine Arbeit bestand darin, illegales Druckmaterial zu empfangen und zu verteilen", berichtete Bickhove-Swiderski.

Das wird ihm zum Verhängnis: Man verhaftet ihn unter dem Verdacht, dem Widerstand anzugehören, und steckt ihn 1937 ins Gestapo-Gefängnis in Kassel. Mehrfach geschlagen und schwer misshandelt, will er sich dort das Leben nehmen. Ein Wachmann hindert ihn daran - und verhilft ihm zur Flucht. Eine Frau, deren Ehemann von den Nazis erschossen worden ist, versteckt Anton Raab 14 Tage lang bei sich. Einer seiner Brüder schließlich bringt ihn im Motorrad mit Beiwagen, getarnt mit SS-Uniform und Nazi-Fahne, über die französische Grenze. Ohne Geld und Sprachkenntnisse schlägt er sich durch, schreibt während der deutschen Besetzung Frankreichs heimlich Flugblätter, die er an deutsche Soldaten verteilen lässt.

Der Verhaftung durch die Deutschen entgeht er, weil er von seiner späteren Frau Marinette über drei Jahre lang in der Gemeinde Treilliéres auf dem Dachboden ihres Elternhauses versteckt wird - selbst ihre Eltern bekommen nichts mit davon.

So überlebt er den Krieg - und baut sich in Frankreich eine neue Existenz auf: zunächst als Spieler, dann als Präsident des FC Nantes. Später betreibt er ein Sportgeschäft und stirbt hochbetagt im Jahre 2006.

In Frankreich als tapferer Widerständler geehrt - so gab es eine Wanderausstellung an französischen Schulen -, ist sein Schicksal in Deutschland noch weitgehend unbekannt. "Jede Reise beginnt mit einem kleinen Schritt", sagt Bickhove-Swiderski am Ende. Der könnte im Vereinsraum der Germania Schwanheim getan worden sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare