Für Notfallsanitäterin Selene Chernenilov, (24) war die Sache klar: Natürlich habe sie sich mit dem Astrazeneca-Impfstoff schützen lassen. Schließlich komme sie beinahe täglich mit Covid-19-Infizierten in Kontakt. "Wir sollten alles verimpfen, was wir haben, möglichst schnell", sagt sie.
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Für Notfallsanitäterin Selene Chernenilov, (24) war die Sache klar: Natürlich habe sie sich mit dem Astrazeneca-Impfstoff schützen lassen. Schließlich komme sie beinahe täglich mit Covid-19-Infizierten in Kontakt. "Wir sollten alles verimpfen, was wir haben, möglichst schnell", sagt sie.

Corona-Pandemie

Flehender Appell von Notfallsanitäterin: „Es gibt keinen Impfstoff zweiter Klasse“

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
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In Frankfurt warten 10.000 zusätzliche Impfdosen des Herstellers Astrazeneca darauf, verimpft zu werden. Eine junge Notfallsanitäterin meldet sich dazu mit einem flehenden Appell.

Frankfurt - "Jeder Impfschutz ist gut. Ich habe keine Bedenken gehabt, mich mit Astrazeneca gegen Covid-19 schützen zu lassen", sagt Selene Chernenilov. Die 24 Jahre alte Notfallsanitäterin vom DRK ist eine von bislang rund 500 Mitarbeitern der Rettungsdienste, die eine Schutzimpfung erhalten haben.

"Wir haben in der Vorwoche mit dem Impfen begonnen", erläutert Udo Götsch, Leiter der Infektiologie beim Stadtgesundheitsamt. "Es waren die ersten Impfungen mit Astrazeneca." Täglich haben etwa 60 Rettungssanitäter die Impfung erhalten. Jetzt sollen es deutlich mehr werden: Ein Erlass des Landes Hessen ermöglicht es bis zu 10 000 Ärzten und Mitarbeitern der Frankfurter Arztpraxen, sich an den kommenden beiden Wochenenden vorzeitig mit Astrazeneca impfen zu lassen. So weit die Theorie.

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Die Praxis sieht anders aus: "Selbstverständlich können wir an den angekündigten zwei Wochenenden nicht zusätzlich 10 000 Impfungen neben den bereits verbindlich vergebenen täglichen Erst- und Zweitimpfungen im Impfzentrum durchführen", sagt Dr. Antoni Walczok, der stellvertretende Leiter des Gesundheitsamtes. Es werde länger dauern.

Die Kapazität des Impfzentrums in der Festhalle ist auf 4000 Personen pro Tag beschränkt. 1400 Senioren werden dort aktuell täglich geimpft - mit den Präparaten von Biontec und Moderna. Der Astrazeneca-Wirkstoff ist wegen fehlender Studiendaten für ältere Menschen in Deutschland nur für die Altersgruppe unter 65 zugelassen.

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Die Debatte darüber, welcher Impfstoff der beste ist, macht indes auch vor Ärzten und Rettungssanitätern nicht Halt: Dabei geht es um die Wirksamkeit, Impfreaktionen und mögliche Nebenwirkungen. Die Skepsis gegenüber dem Astrazeneca-Präparat ist groß, einige zögern, sich damit impfen zu lassen. Wie viele, sei schwer zu sagen: "Wir sehen hier nur diejenigen, die bereit sind, sich impfen zu lassen", sagt Götsch.

Grundsätzlich verstehe sie die Diskussionen und Sorgen bezüglich der Impfungen, sagt Prof. Sabine Wicker vom Uniklinikum, Mitglied der Ständigen Impfkommission des Robert-Koch-Instituts. Aber, so Wicker: "De facto verhindern wir mit allen bisher zugelassenen Covid-19-Impfstoffen schwere Verläufe, Hospitalisierung und Tod." Sie betont: "Hinsichtlich des Schutzes vor schweren Infektionen ist bei allen drei zugelassenen Covid-19-Impfstoffen von einer sehr hohen Schutzwirkung auszugehen. Das ist sehr wichtig, um die Diskussionen ,schlechterer/besserer/wirksamerer Impfstoff' zu relativieren."

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Selene Chernenilov kann die Vorbehalte gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff nicht nachvollziehen. "Es gibt keinen Impfstoff zweiter Klasse. Für mich war es keine Frage, das Angebot anzunehmen", sagt sie. Schließlich komme sie bei Einsätzen zu Kranken fast täglich mit Corona-Infizierten in Kontakt. "Ich finde es richtig, wenn wir alles verimpfen, was wir haben, möglichst schnell." Nur so könne die Pandemie bekämpft werden.

Dass nach der Impfung bei einigen Geimpften eine Impfreaktion auftritt: Das zeige vor allem, dass der Impfstoff wirkt und eine Immunantwort provoziert. Auch Selene Cherenilov blieb davon nicht verschont, hatte grippeähnliche Symptome. "Die Gliederschmerzen waren am schlimmsten", sagt sie, zwei Tage war sie angeschlagen. Als Frau vom Fach weiß sie: "Es ist eine Reaktion des Immunsystems auf den Impfstoff und zeigt, dass die Immunwirkung da ist." Mit einer Tablette und etwas Bettruhe sei auch das zwei Tage später erledigt gewesen.

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Von ihren Kollegen seien die meisten, mit denen sie gesprochen habe, mit einer Impfung einverstanden, erzählt die 24-Jährige. "Natürlich gibt es sicher auch solche, die es ablehnen, und es gibt auch solche, die auf den anderen Wirkstoff warten, aber ich glaube, es ist eine Minderheit", schätzt die Notfallsanitäterin.

Dass auf einmal 10 000 zusätzliche Impfdosen für medizinisches Fachpersonal in Frankfurt zur Verfügung stehen, löst bei Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) nicht nur Begeisterung aus. "Wir verstehen nicht, warum weder die zentrale hessische Hotline noch das landesweite Anmeldeportal für die vielen Tausenden Impfberechtigten in Frankfurt genutzt werden kann. Das geht an den Realitäten einer Großstadt wie Frankfurt vorbei", schimpft er.

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Die Stadt arbeite jetzt fieberhaft am Aufbau eines parallelen Anmeldesystems. Arztpraxen in Frankfurt sollen in den nächsten Tagen Post, erhalten sowie, falls E-Mail-Adressen bekannt sind, eine E-Mail mit den Informationen zur Anmeldung. Die Anmeldung kann nur elektronisch über einen Link vorgenommen werden. Nach der Terminvereinbarung erfolgt eine Bestätigung per E-Mail, die unter anderem einen Anamnesebogen, den Aufklärungs- und Einwilligungsbogen für die Impfung sowie eine Arbeitgeberbescheinigung enthält. Vom nächsten Wochenende an werden dann die Impfungen vorgenommen. Weitere Termine werden für die nächsten Wochen vergeben. (Thomas J. Schmidt)

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