Seelsorger klagt

Arbeitsvertrag nicht verlängert: Imam will zurück ins Gefängnis

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Rund 600 Untersuchungsgefangene zählt das Gefängnis 1 in Preungesheim. Davon ist fast ein Drittel muslimischen Glaubens. Mustafa Cimsit hat sich um sie gekümmert, als einziger Vollzeit-Gefängnis-Imam Deutschlands. Doch sein Vertrag wurde nicht verlängert.

Mustafa Cimsit sitzt auf seinen Schienbeinen im Gebetsraum, auf seinem Kopf ein „Sarik“, wie er seine religiöse Kopfbedeckung nennt. Er hat den Koran vor sich aufgeklappt, die Augen geschlossen. Gleich wird er das Freitagsgebet zur Mittagszeit anleiten. Hinter ihm stehen etwa 15 Gefängnisinsassen, in zwei Reihen aufgeteilt, und beten mit.“ So beschrieb die Tageszeitung „taz“ die Tätigkeit des einzigen Vollzeit-Gefängnis-Imams Deutschlands.

Inzwischen ist es nicht mehr möglich, den Imam bei der Arbeit zu beobachten. Der Vertrag von Cimsit ist nicht verlängert worden. „Er wurde gekündigt!“, empört sich sein Anwalt, Dr. Dr. Seyed Iranbomy. Am 7. September kommt es beim Arbeitsgericht zur ersten Güteverhandlung über die Rücknahme der Kündigung und die Anerkennung des Beschäftigungsverhältnisses.

Denn, so der Anwalt: „Es handelte sich um Scheinselbstständigkeit!“ Scheinselbstständigkeit gegen alle geltenden Gesetze, in Auftrag gegeben durch das Land Hessen, sogar durch das Justizministerium. Harte Vorwürfe, die Iranbomy macht und die er belegen will.

Cimsit (46) ist verheiratet. Er hat drei schulpflichtige Kinder. Die Familie ist auf das Einkommen des Vaters angewiesen, angewiesen auf seine Tätigkeit für das Land Hessen. „Meine Krankenversicherung und die meiner Frau und meiner Kinder ist noch bis Ende September gewährleistet“, sagt der Religionswissenschaftler. Was danach wird, ist völlig offen.

Seit sechseinhalb Jahren ist Cimsit Gefängnisseelsorger in Preungesheim. Er tat all die Jahre die gleiche Arbeit wie seine beiden Kollegen, die von ihren Kirchen abgeordneten katholischen und evangelischen Seelsorger. Der einzige Unterschied: Diese sind Angestellte ihrer Kirchen. Im Gegensatz dazu ist der freie muslimische Theologe als Geistlicher selbstständig in den Dienst des Landes Hessen getreten.

„Man hat mir immer gesagt, dass man eine Lösung finden würde für eine Festanstellung“, sagt Cimsit. Seit Jahren müht er selbst sich, einen Dachverband aller muslimischen Gruppen zu gründen – mit Sunniten und Schiiten, Gemäßigten und Strengen, Türken und Arabern. Dieser Dachverband – analog den Kirchen – hätte ihn und die anderen muslimischen Gefängnisseelsorger anstellen und in die Gefängnisse abstellen können. Drei Tage vor der geplanten Unterzeichnung des Kontraktes erfolgte die Kündigung.

Das Land wirft Cimsit vor, falsch abgerechnet zu haben, indem er mehr Zeit aufgelistet hat, als er tatsächlich in der Anstalt war. „Aber zu meinen Aufgaben als Seelsorger gehört auch manches außerhalb der Anstalt, beispielsweise, Angehörigen Trost zuzusprechen“, sagt Cimsit. Er hat bundesweit für den hessischen Weg in der Gefängnisseelsorge geworben, wurde vom Land als Vorbild zu Kongressen in den USA geschickt. Dass er jetzt wie einen Hund vom Hof gejagt werde, „wird nur den Radikalen in die Hände spielen“, glaubt Cimsit.

Das Land Hessen äußert sich zu dem Fall nur in wenigen Worten: „Im Verfahren vor dem Arbeitsgericht Frankfurt geht es um Unstimmigkeiten bei der Abrechnung. Aus Respekt vor dem gerichtlichen Verfahren wird dazu nicht öffentlich Stellung genommen“, sagte ein Sprecher des Justizministeriums.

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