Julia Auer und ihre Hundin Ida in ihrem Hortus-Garten am Ebereschenweg. Über 100 Besuchern im Jahr zeigt sie hier wie nachhaltiges Gärtnern geht, das vielen Tieren und Insekten Lebensraum und Nahrung bietet. FOTO: Hamerski
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Julia Auer und ihre Hundin Ida in ihrem Hortus-Garten am Ebereschenweg. Über 100 Besuchern im Jahr zeigt sie hier wie nachhaltiges Gärtnern geht, das vielen Tieren und Insekten Lebensraum und Nahrung bietet.

Bahn braucht Gelände für Rettungsweg

Arche Noah ist Gleisausbau in Frankfurt im Weg

  • Friedrich Reinhardt
    VonFriedrich Reinhardt
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Umwelt-Aktivistin verliert Teil ihres Öko-Gartens am Frankfurter Berg

Zum Zwecke der Demonstration hat Julia Auer ein Kletterseil quer durch ihren Garten zwischen dem Ebereschenweg und der Bahntrasse gespannt. Vom Eingangstor aus führt es durch die Wildwiese des Gartens, vorbei an der kleinen Hütte, an dem runden Hochbeet und dem Komposthaufen in der Mitte. Da wo das Seil liegt, soll die neue Gartengrenze verlaufen, wenn der Serviceweg an den Bahngleisen der S6 so gebaut wird, wie es das Amt für Straßenbau und Erschließung (ASE) derzeit plant. "Es wäre das Ende meines Hortus-Gartens", sagt Auer. Und das Ende ihres neuen Lebensplans. Die Anhänger der Hortus-Bewegung verstehen die von ihnen angelegten Areale als eine Art Arche Noah für heimische Tiere und Pflanzen.

Im Ernstfall muss es schnell gehen

Doch mit dem Ausbau der S-Bahnlinie 6 soll entlang der Bahngleise ein Serviceweg gebaut werden. "Dieser Weg dient nach Vorgaben der Branddirektion der Stadt Frankfurt am Main als Rettungsweg im Rahmen des Rettungswegekonzeptes für die Strecke", erklärt Michaela Kraft, Leiterin des ASE. Im Ernstfall - wenn also etwa ein Zug entgleist - könnten so Feuerwehr und Rettungswagen schnell zur Unfallstelle gelangen.

Auch in den Augen der Gärtnerin Auer ist ein Rettungsweg eine sinnvolle Sache. Sie versteht nur nicht, warum er mitten durch ihren Garten, den sie von der Stadt gepachtet hat, verlaufen muss. Rund zehn Meter ist der zugewucherte Grünstreifen zwischen ihrer jetzigen Gartengrenze und der Bahntrasse breit. "Das reicht doch für einen Rettungsweg." Aus dem ASE heißt es dazu nur: "Teilstücke des Gartens werden laut Planfeststellungsbeschluss als Flächen für die Gleise und den Rettungs- und Serviceweg gebraucht. Damit Einsatzfahrzeuge der Feuerwehr diesen nutzen können, ist eine entsprechende Breite erforderlich." Punkt.

Mehr Bäume, weniger Autos

Auers Problem ist nicht, dass ihr mit dem Garten eine Freizeitbeschäftigung verloren geht. Der Garten ist mehr für sie: Erhaltenswerte Natur, ein Aufklärungsprojekt, Teil ihres politischem Aktivismus. Irgendwas dazwischen und alles zugleich. Auer gehört zu dem Team hinter der Initiative Klimaentscheid Frankfurt, die sich für eine schnellere Transformation zur klimaneutralen Stadt mit mehr Bäumen und weniger Autos einsetzt. Ihren Garten sieht als Teil dieser Transformation.

"Über 100 Besucher führe ich im Jahr durch diesen Garten", sagt Auer. Sie gibt dann Tipps, wie die Besucher ihren eigenen Garten oder Balkon umweltfreundlicher gestalten können. "Das Problem ist, dass wir in unseren Gärten gern exotische Pflanzen wachsen lassen, weil die interessant aussehen. Damit können die heimischen Tiere aber nichts anfangen." Es ist eine der Ursachen für das gewaltige Artensterben derzeit. Auers Garten soll zeigen, wie es anders geht.

Die Vielfalt der Fauna

Um Räume für ganz unterschiedliche heimische Tiere, vor allem Insekten zu schaffen, folgt ihr Garten dem Konzept des Hortus-Gartens. Er ist in drei Zonen eingeteilt, erklärt Auer. Da ist die Pufferzone an den Rändern des Gartens. Möglichst viele verschiedene, heimische Stäucher hat Auer gepflanzt. "Sie sollen den Garten beispielsweise vor Katzen schützen." Dann die Hotspot-Zone mit nährstoffarmen Boden und viel Sonnenlicht. Der schafft Konkurrenz und Vielfalt", erklärt Auer. Während sich in nährstoffreichen Böden die Pflanzen durchsetzten, die viele Nährstoffe brauchen, und jede Menge Gras wächst, hätten in nährstoffarmen Böden auch Wildblumen eine Chance. Die dritte Zone ist die Ertragszone, wo Auer für sich selbst Gemüse anbaut. Hinzu kommen sogenannte "Module" mit speziellen Lebensräumen. Eine kleine Sandgrube, in der Wildbienen nisten können, ein Steinhaufen in dem sich Eidechsen wohlfühlen, ein Holzstapel in dem Schmetterlinge überwintern oder ein kleiner, flacher Teich, der mehr einer Pfütze ähnelt.

Auer möchte aus ihrer Gartenberatung ein Geschäftsmodell machen. Ohne Garten wäre das nicht möglich. Und mit einem Serviceweg statt Hotspot-Zone, Sandgrübchen und Pfützenteich ist ihr Garten kein Hortus-Garten - das ganze Konzept wäre futsch.

Diese Aussicht macht Auer Angst. Enttäuscht ist sie aber von der Stadt, weil es keinerlei Kooperation gebe. Ihre Wünsche und Absichten spielten für die Stadt keine Rolle. Umweltdezernentin Heilig, habe ihren Garten als "Kleinod" und "ökologisch wertvoll" gelobt. Dennoch soll er nun plattgemacht werden, "ohne das mit mir nach Alternativen gesucht wird". Friedrich Reinhardt

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