Es war ein Glücksfall für ZDF-Reporter Heinrich Schiemann. Neil Armstrong saß am 8. August 1970 startbereit in einer ASW 15, einer Maschine des Segelflugzeugherstellers Schleicher aus Poppenhausen am Fuße der Wasserkuppe. Wegen des Nebels auf dem Fliegerberg musste der Gleiter aber am Boden bleiben, viel Zeit also für ein ausführliches Interview. Gut ein Jahr zuvor, am 20./21. Juli 1969, hatte Schiemann die spektakuläre Mondlandung live fürs ZDF kommentiert
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Es war ein Glücksfall für ZDF-Reporter Heinrich Schiemann. Neil Armstrong saß am 8. August 1970 startbereit in einer ASW 15, einer Maschine des Segelflugzeugherstellers Schleicher aus Poppenhausen am Fuße der Wasserkuppe. Wegen des Nebels auf dem Fliegerberg musste der Gleiter aber am Boden bleiben, viel Zeit also für ein ausführliches Interview. Gut ein Jahr zuvor, am 20./21. Juli 1969, hatte Schiemann die spektakuläre Mondlandung live fürs ZDF kommentiert

Geschichte

Als Armstrong die Wasserkuppe besuchte

Vor 50 Jahren, am 8. August 1970, wurde der US-Astronaut Neil A. Armstrong auf der Wasserkuppe in der Rhön von etwa 20 000 Menschen euphorisch empfangen. Bereits gut ein Jahr zuvor, am 21. Juli 1969, war er als Kommandant der spektakulären Apollo-11-Mission der erste Mensch auf dem Mond. Dem leidenschaftlichen Segelflieger Helmut Dette aus Mörfelden bei Frankfurt war es mit Unterstützung der berühmten Testpilotin Hanna Reitsch gelungen, Armstrong vom 7. bis 9. August 1970 für drei Tage nach Deutschland zu holen.

Nach einem turbulenten Tag ist Ruhe eingekehrt auf der Wasserkuppe. Der einzige Gast im "Hotel Peterchens Mondfahrt" hat sich in sein Zimmer zurückgezogen. Vor der Tür hat ein Polizist Posten bezogen, ein zweiter hält am Hoteleingang Wache. Der Gast ist drei Tage zuvor 40 Jahre alt geworden und der wohl berühmteste Mensch auf Erden: Neil Armstrong. Es ist Samstag, der 8. August 1970. Im kleinen Hotel mit dem so wunderbar passenden Namen schläft jener Raumfahrt-Pionier, der mit seinem Spaziergang auf dem Erdtrabanten Geschichte geschrieben hat - mehr VIP geht nicht auf dem Berg der Flieger. Aus Sicherheitsgründen dürfen keine weiteren Gäste im Hotel sein und die Polizisten passen auf, dass der Prominente eine ruhige Nacht hat.

Am Morgen waren aus allen Himmelsrichtungen Menschenmassen hinauf zur Wasserkuppe gepilgert, um Neil Armstrong zu erleben. Doch der Tag zeigte sich so gar nicht sommerlich, dichter Nebel hüllte Hessens höchsten Berg (950 Meter) in einen weiß-grauen Schleier ein. Daher verzögerte sich auch die Ankunft jenes Mannes, der in der Raumfahrt neue Maßstäbe gesetzt hat. Er war am ersten Tag seines Deutschlandbesuchs Gast des Bremer Luftfahrtunternehmens VFW Fokker, das die Armstrong-Reise finanzierte. Wegen des Nebels konnte die zweimotorige Maschine auf ihrem Flug von Bremen zur Wasserkuppe nicht auf dem Berg landen, sondern musste schon auf dem Militärflugplatz in Fulda runter.

Ständchen für den Nasa-Star

Mit dem Auto ging's ins Rhönstädtchen Gersfeld zum Mittagessen mit Bürgermeister und Landrat im feinsten Hotel am Platze. Armstrong freute sich besonders über das Ständchen der Gersfelder Stadtkapelle, denn er spielte als Jugendlicher selbst in einer Band. Die sensationelle Ankunft des Nasa-Stars hatte sich schnell herumgesprochen, begeisterte Einwohner umlagerten den Hoteleingang dicht gedrängt, da war kein Durchkommen möglich. Also wurde der Gast heimlich zum Hintereingang dirigiert und von dort auf die Wasserkuppe gefahren. Dort waren die vielen wartenden Menschen im Nebel kaum auszumachen. Ein offiziell anstehender "Innentermin" kam da sehr gelegen: Die Eröffnung einer neuen Flugzeughalle samt provisorischem Rhöner Segelflugmuseum. Hier wie überall auf der Deutschlandtour des Astronauten gab es jubelnde, begeisterte Menschen. Armstrong war ebenfalls begeistert - von den beiden Oldtimern und den Gleiter-Modellen im neuen Mini-Museum.

Dann wurde das Wetter doch noch besser und der große Wunsch des Gastes, einmal selbst auf der Wasserkuppe zu fliegen, ging in Erfüllung. Mit Karl-Ernst Kess, Leiter der Segelflugschule und damit ein erfahrener Pilot und Passagier, flog Armstrong einen Doppelsitzer ASK 13 ins 37 Kilometer entfernte Bad Kissingen. Dort ging's mit der Postkutsche gemächlich durch die Straßen der Kurstadt an winkenden Einheimi-schen und Kurgästen vorbei - wie einst Reichskanzler Bismarck, der Stammgast im vornehmen bayerischen Staatsbad war. Am Tag darauf wurde der erste Mensch auf dem Mond als prominentestes Mitglied in die Pilotenvereinigung Wasserkuppe aufgenommen (Mitgliedsnummer 81).

Helmut Dette hatte die Idee

Der Deutschlandbesuch des Astronauten war im Januar 1970 eine spontane Idee von Helmut Dette, damals Mitarbeiter der Flugsicherung auf dem Frankfurter Flughafen. Mit Ehefrau Rosemarie und Tochter Cornelia wohnte er in Mörfelden südlich von Frankfurt. Segelflieger Dette genoss das lautlose Gleiten über die sanft abfallenden Hänge der Wasserkuppe. Einige Monate zuvor hatte er gelesen, dass auch Armstrong das Segelfliegen liebte und selbst ein deutsches Segelflugzeug besaß. Der berühmte Astronaut als Gast der Feiern zum 50. Jubiläum der Segelflugwettbewerbe auf der Wasserkuppe - das wäre was! Vom kleinen Mörfelden aus machte Dette sich an die Realisierung dieser "riesigen Aufgabe" und hatte mit Hanna Reitsch eine ebenso einflussreiche wie er-folgreiche Mitstreiterin an seiner Seite. Die Weltrekordfliegerin kannte den Meteorologen Joachim Küttner, der Mitarbeiter Armstrongs bei der Nasa in den USA war. Und so gelang der sensationelle Coup, Armstrong und Küttner kamen gemeinsam nach Deutschland.

Am 7. August 1970 warteten unzählige Journalisten am Frankfurter Flughafen, als die Boeing 707 der TWA um 10.35 Uhr landete. Stewardessen überreichten dem strahlenden, winkenden Weltraum-Helden auf der Gangway Blumen, Armstrong bedankte sich artig mit Küsschen. Eine Pressekonferenz und ein Empfang folgten. So ging's drei Tage lang weiter. Der Superstar aus den Staaten nahm's lächelnd, gab ausdauernd Autogramme und war ein geduldiges Fotomodell.

Hanna Reitsch hat in ihren Memoiren ihre erste Begegnung mit Armstrong so geschildert: "Es war 1961, als ich für drei Tage als Gast der großen amerikanischen Erprobungsstelle ,Edwards' nach Kalifornien eingeladen war. Ich ahnte damals nicht, daß einer der ganz jungen Testpiloten, der meinen Erzählungen bescheiden im Hintergrund lauschte, Neil Armstrong war." Als sie Armstrong neun Jahre später in Deutschland traf, schrieb sie: "Nun hatte sich das Blatt gewendet, und ich war es, die voll Erstaunen und tiefer Hochachtung Neils großartigen Berichten lauschte."

An jenem 8. August 1970 fand im "Hotel Peterchens Mondfahrt" ein wegweisendes Gespräch zwischen Neil Armstrong, Helmut Dette, Joachim Küttner und Hanna Reitsch über ein national wie international bedeutsames Segelflugmuseum statt. Armstrong sagte: "Wenn einmal irgendwo auf der Welt ein großes Museum des Segelfluges eingerichtet wird, dann gehört es aufgrund der historischen Entwicklung auf die Wasserkuppe." Der populäre Amerikaner sah wie Hanna Reitsch in Helmut Dette den richtigen Mann, um dieses wichtige Projekt zu realisieren. Für Dette wiederum war dieses Vertrauen Motivation genug, um sich von nun an 17 Jahre lang zu engagieren, bis es geschafft war: Am 24. Oktober 1987 wurde das Deutsche Segelflugmuseum auf der Wasserkuppe eröffnet.

An diesem Wochenende wird in der Rhön wieder gefeiert, denn auf der Wasserkuppe steht ein Doppeljubiläum an: Vor 100 Jahren gab's den ersten Rhön-Segelflugwettbewerb (siehe Beistück) und vor 50 Jahren mobilisierte Armstrong die Massen. Helmut Dette wird nicht mehr dabei sein: Er ist am 1. Februar dieses Jahres im Alter von 82 Jahren gestorben. Seine Tochter Cornelia Wietha-ler, Politologin in Heidelberg, hat ihren kranken Vater vor ein paar Jahren von seinem damaligen Wohnort Fulda zu sich geholt. Vater und Tochter waren oft gemeinsam unterwegs, um vom Zauber des Segelfliegens zu erzählen, vom wunderbaren Menschen Neil Armstrong und von einem Museum, das an einem ganz besonderen Tag seinen entscheidenden Impuls bekam. 2006 hat Dette in seinem Buch "Apollo 11" auch über seine Erlebnisse auf Deutschlandtour mit dem berühmten "Mann im Mond" geschrieben. Es waren drei Tage, die beide zu Freunden werden ließen. Armstrong ist am 25. August 2012 gestorben. Auch er ist - wie Dette - 82 Jahre alt geworden. Von Jürgen Walburg

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