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Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer

Arthur Schopenhauer: Der Weltentlarver

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Er war ein Pessimist und oft genug schroff und rüde im Ton. Und doch lehrte er das Mitleid mit der Kreatur. Ein Rundgang auf den Spuren des Philosophen, der vor 150 Jahren starb.

Letztlich war es die Angst vor dem Tod, die Schopenhauer nach Frankfurt trieb. In der Neujahrsnacht 1831 träumte der 43 Jahre alte Philosoph von einem in seiner Kindheit verstorbenen Freund. Und dieser Freund, wie er notierte, „bewillkommnete mich“. Das nächtliche Traumerlebnis reichte aus, in dem lebensängstlichen Philosophen den Wunsch zur Abreise aus Berlin zu festigen. Wohlgefühlt hatte er sich dort ohnehin nicht. In Berlin lehrte er neben der Universal-Koryphäe Hegel, den er verachtete. Trotzig bis zur Sturheit legte er seine Vorlesungen parallel zu denen des hofierten Denkers und verbaute sich so jede Chance auf Zuhörer – die zahlenden Studenten strömten natürlich dem ungleich berühmteren Hegel zu.

Ein weiterer Grund für seine Flucht aus Berlin allerdings war sehr handfest: Dort wütete die Cholera. Im November 1831 raffte sie Hegel dahin. Frankfurt, hieß es, sei cholerafest. Also zog Schopenhauer um. War einen traurigen Winter und Frühling lang schwer krank. Zog weiter nach Mannheim – und kehrte zurück.

Der Buddha von Frankfurt

Schon zwölf Jahre war damals die erste Fassung seines Hauptwerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ alt – geschäftlich ein Misserfolg. Kaum einer wollte die Größe seiner dort dargelegten Gedanken erkennen: Den Erscheinungen in der Welt, wie wir sie in Raum und Zeit wahrnehmen, liege etwas zugrunde, das noch Kant als dem Menschen nicht zugängliches „Ding an sich“ beschrieben hatte. Schopenhauer ging einen Schritt weiter: Der Urgrund der Welt hinter allen Erscheinungen ist ein unbändiger Wille, der mit aller Macht zum Leben drängt. Damit steht Schopenhauer gleichermaßen in der Pflicht der abendländischen Philosophie von Platon bis Kant wie auch in der Tradition indischer Denker, die die ewige Wiederkehr lehren. In den späteren Jahren seiner Berühmtheit wurde er „Der Buddha von Frankfurt“ genannt.

Als Frankfurts Vorzüge galten ihm das gesunde Klima und die schöne Gegend, die Annehmlichkeiten und die Abwechslung einer großen Stadt, das Naturhistorische Museum, die Senckenbergische Bibliothek, das Physikalische Kabinett, Schauspiel, Oper und Konzerte, ein guter Zahnarzt und „weniger schlechte Ärzte“ als anderswo. Schließlich notierte er für sich: „Du hast die Freiheit, dir missliebigen Umgang abzuschneiden und zu meiden.“ Am 6. Juli 1833 reiste Schopenhauer von Mannheim ab – und blieb in Frankfurt, bis er 1860 starb.

Die 50 000-Einwohner-Stadt war, wie Schopenhauers Biograf Rüdiger Safranski schildert, ein Ort im Aufbruch: Hier residierte der Deutsche Bundestag, ein Zusammenschluss jener Fürsten, deren Ländereien zu Deutschland gehörten. Der preußische Gesandte Bismarck verkehrte im „Englischen Hof“, in dem auch Schopenhauer bald sein Mittagsmahl zu sich nahm – riesige Portionen und die Soße mit dem Löffel schaufelnd, von vielen Gästen ob seines enormen Appetits bestaunt. Frankfurt war Messestadt, geprägt von vielen Ausländern, die für Schopenhauer die Zumutung des hiesigen Menschenschlags minderten, „eine kleine, steife, innerlich rohe, Municipal-aufgeblasene, bauernstolze Abderiten-Nation, der ich mich nicht gern nähere“. Punktum.

Schopenhauer in jungen Jahren


Misanthrop war er, Misanthrop blieb er. In Frankfurt suchte er geistige Freiheit, und die fand er in Einsamkeit besser als in Gesellschaft. Freiheit ermöglichte ihm auch sein väterliches Erbe, das ihm lebenslang eine leidlich auskömmliche Existenz als Privatier sicherte. So wurde er ein akribisch rechnender Verwahrer seines kleinen Vermögens. Jahrelang lebte er in möblierten Zimmern. Nach dem morgendlichen Schreiben spielte er Flöte. Nachmittags badete er im Main. Außer seinen Büchern und seinem Pudel Atma hatte er kaum persönlichen Besitz.

So konsequent er für den Rest seines Lebens Frankfurt nicht mehr verließ, so unruhig war er jedoch innerhalb der Stadt. Ein halbes Dutzend mal zog er in den ersten Jahren um: von der Alten Schlesinger Gasse zum Schneidwall, in die Neue Mainzerstraße und in die Saalgasse. 1843 zog er schließlich in das Haus Nr. 17 an der Schönen Aussicht und 1859, ein Jahr vor seinem Tod, nach Streitigkeiten mit dem Hausbesitzer wegen seines Pudels in das Nachbarhaus Nr. 16.

Die erste Auflage seines kapitalen Werks hatte kaum jemand zur Kenntnis genommen. Dennoch schrieb er von 1834 an in Frankfurt an einem zweiten Band. 1836 erschien sein erstes hier entstandenes Buch: „Über den Willen in der Natur“, 1841 „Die beiden Grundprobleme der Ethik“. Das Dasein ist elend. Die moralische Konsequenz aus dieser Erkenntnis lautet: Mitleid. 1841 beteiligte er sich an dem neugegründeten „Verein zum Schutze der Thiere“.

Als „systematisch ungesellig“, wie der Schopenhauer-Kenner Arthur Hübscher schreibt, hatte er sich selbst schon in Berlin bezeichnet. In Frankfurt perfektionierte er diesen Daseinszustand. Ließ Geselligkeit allenfalls beim ausgiebigen Mittagsmahl im „Englischen Hof“ am Roßmarkt zu. War auch da jederzeit bereit, selbst gute Kontakte bei leichten Meinungsverschiedenheiten abzubrechen. Und fiel ansonsten vor allem durch ausgedehnte Spaziergänge mit seinem Pudel auf, bei denen er nicht selten gestikulierte und laut mit sich selbst redete.

Mitleidiger Menschenfeind

Wihelm Busch zeichnete Schopenhauer in einem berühmten Bild von hinten, so wie man ihn in der Stadt kannte: als kauzigen, in altertümlichem Rock spazierenden Herrn. Ein mürrischer Griesgram, ein Einzelgänger, der sich dem Fortschrittsglauben der Zeit mit einer pessimistischen Weltsicht entgegenstemmte. Denn wenn hinter allen Vorstellungen und Seinsweisen der Welt ohnehin stets ein und derselbe Wille steckt, dann ist jedes Fortschrittsbemühen, ist jede Politik vergebens. Kein Wunder, dass er während der 1848er-Revolution nicht auf seiten der Revolutionäre stand. Damit es „die Canaille“ bekämpfe, öffnete er dem Militär sogar seine Wohnung.

Dierk Wolters, 2010

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