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Aus hauchdünnen Kupferblättern entstehen die Kunstwerke von Marina Sinjeokoc-Andriewsky. foto: hamerski

Ostend: Kunstaktion

Ateliers hinter der Scheibe

  • vonAlexandra Flieth
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Wer hier zuschaut, hält auf jeden Fall genügend Abstand

Auf dem Tisch, an dem Marina Sinjeokoc-Andriewsky sitzt, liegt ein aufgeschlagener Ordner mit Klarsichthüllen, in die sie ihre Zeichnungen hineingelegt hat. Gleich daneben hat sie auf einem Papier hauchdünne Kupferblätter platziert. Die in Buenos Aires in Argentinien geborene Künstlerin, die vor etwas mehr als 30 Jahren nach Deutschland kam, zeichnet unter anderem Figuren auf schwarzem Papier mit weißem Buntstift. Inspiriert wird sie von alten Fotografien - Aufnahmen, wie sie Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht wurden. Ihr Blick ist dabei auf die Kleidung gerichtet, die die einst fotografisch portraitierten Personen getragen haben. Die Textilien bildet Sinjeokoc-Andriewsky in einer speziellen Technik auf ihren Zeichnungen nach. Auf dem schwarzen Untergrund tritt die Kleidung dadurch leuchtend und haptisch spürbar hervor.

Der Trubel der Straße

Sie ist eine von vier Künstlerinnen und einem Künstler, die derzeit ihr Atelier in der Galerie des Berufsverbandes Bildender Künstler (BBK) in der Hanauer Landstraße 89 eingerichtet haben. Mit Wänden voneinander getrennt befinden sich die Arbeitsplätze direkt an den großzügig gestalteten Fensterfronten mit Blick auf den Trubel der Straßen. Vor den Schaufenstern sind orangefarbene Stühle aufgestellt, auf die sich Passanten setzen und den Künstlern bei der Arbeit zusehen können. Neben Marina Sinjeokoc-Andriewsky, die als Gastkünstlerin beim Projekt mit dabei ist, sind dies der Fotograf Markus Elsner, die Bildhauerinnen Marlies Pufahl und Chris Kircher sowie die Malerin Renate Kuby, die Mitglieder im BBK Frankfurt sind. Die Aktion steht unter dem Titel "stop-think-breathe" (anhalten, denken, atmen).

Von der Idee bis zum Bild

Kunst benötigt Austausch, doch in Zeiten der Corona-Pandemie ist gerade dies sehr schwierig. Die Idee der Aktion ist, die Entstehung von Kunst mitzuerleben unter Einhaltung der notwendigen Hygiene- und Abstandsregeln. Dabei sehen die Besucher von außen nicht nur die Arbeitsprozesse der Künstler, sondern auch eine Ausstellung mit den Werken im Hintergrund. So wird ein Bezug zwischen der Entstehung und dem Endergebnis hergestellt.

Wer möchte, der kann auch eintreten und sich die ausgestellten Bilder und Objekte genauer anschauen. Der Publikumsverkehr ist jedoch beschränkt, Besucher müssen ihre Kontaktdaten hinterlassen, Mund-Nasen-Schutz tragen, Abstand halten und die Hände desinfizieren. Auch die Fenster und die Eingangstür sind geöffnet und sorgen für den nötigen Durchzug.

Der Fotograf Markus Elsner hat sich für jeden Tag eine neue Aufgabe gestellt. Das Thema Nachhaltigkeit ist dabei der leitende Gedanke. "Ich plane, Objekte zu bauen aus Schraubverschlüssen, Aluminiumverpackungen und gefärbten Eierschalen, die ich in Szene setzen und ästhetisch fotografieren werde. Dazu verfasse ich jeweils einen eigenen kritischen Text, etwa zum Thema Mikroplastik", erklärt er weiter.

Sein Atelier hat sich jeder der fünf Künstler individuell eingerichtet. Marlies Pufahl arbeitet mit ihren Händen. Der Ton liegt in ihrem Schaufensteratelier griffbereit. Sie schneidet und bricht das Material, aus dem sie menschliche Körper formt, aber auch abstrakt anmutende Gefäße und Objekte, die in traditionellen Techniken gebrannt werden.

Chris Kircher, die ihren Schwerpunkt ebenfalls auf bildhauerische Objekte gelegt hat, beschäftigt sich in ihrem Schaufensteratelier mit der Herstellung pflanzlicher Farben. Bei ihr steht die Auseinandersetzung mit dem Thema klimafreundliche Umgestaltung der Bildenden Kunst im Mittelpunkt. Ganz klassisch arbeitet Renate Kuby. Sie steht an der Staffelei mit Pinsel und Farben. Passanten können ihr bei der Entstehung eines Landschaftsbildes zuschauen.

Mit dem "Lockdown-Light" ab kommenden Montag wird es natürlich keinen Publikumsverkehr in den Räumen mehr geben. In den Schaufenstern möchten die Kunstschaffenden jedoch weiterhin arbeiten. Nach eingehender Recherche spreche nichts dagegen. Schließlich sei der Ort ihr Arbeitsplatz, argumentiert Elsner.

Das BBK-Projekt läuft bis kommenden Dienstag, 3. November, täglich von 16 bis 21 Uhr in der BBK-Galerie, Hanauer Landstraße 89. Bis kommenden Sonntag, 1. November, können Besucher eingeschränkt auch in die Räume kommen. Alexandra Flieth

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