Interview

Attacken auf Sanitäter: "Da ist man sprachlos"

Patrick Funk, 35, ist Notfallsanitäter. Seit 18 Jahren kommt er Menschen zu Hilfe, fährt Rettungswagen, leistet Erste Hilfe. Als kürzlich in Frankfurt bei einem Einsatz ein Betrunkener einen Kollegen schlug, beleidigte und würgte, ging das auch an Funk nicht spurlos vorbei. Zumal er in seinem Job schon Ähnliches erlebt hat. Volontär Alexander Gottschalk hat ihn gefragt, wie es sich anfühlt, helfen zu wollen und dann in brenzlige Situationen zu geraten.

Herr Funk, was denken sie über die Attacke auf ihren Kollegen?

PATRICK FUNK: Mein erster Gedanke war: Oh nein, schon wieder. Wieso sind schon wieder Leute betroffen, die eigentlich für eine gute Sache einstehen? Die Kollegen sind offenbar nicht mal dazu gekommen, auszusteigen und sich das Problem anzusehen – da wurden sie schon attackiert. Da ist man sprachlos. Wir Rettungskräfte wollen ja eigentlich nur helfen. Trotzdem liest und hört man von solchen und ähnlichen Vorfällen fast wöchentlich. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen: Dass man verbal angegriffen wird oder auch mal gekratzt oder bespuckt wird, ist natürlich nicht toll, kommt aber schon mal vor. Ein direkter Gewalteinfluss ist dagegen eher selten. Ich glaube, es besteht manchmal eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber Uniformträgern egal welcher Couleur.

Wie fühlt sich das an, so behandelt zu werden?

FUNK: Auf gut Deutsch: Das fühlt sich einfach beschissen an.

Sind solche Fälle unter den Frankfurter Kollegen ein Gesprächsthema?

FUNK: Unter Freunden und Kollegen, auf der Wache oder am Krankenhaus bekommt man natürlich vieles mit. Also, ja. Einige Geschichten sprechen sich so oder so schnell herum: Bei vielen Patienten sind wir regelmäßig und wissen, ob sie handgreiflich werden könnten. Wenn wir von Einsätzen zurückkommen, besprechen wir, was passiert ist und ob alle sich soweit gut fühlen. Es soll jeder nach Hause gehen, ohne Angst davor zu haben, am nächsten Tag wieder den Dienst anzutreten.

Haben Sie solche Übergriffe schon selbst erlebt?

FUNK: Direkte Gewalt gegen mich habe ich nicht erlebt. Aber vor bald fünf Jahren wurde mein Kollege mal attackiert – in einer eigentlich banalen Situation. Zwei Brüder waren in Streit geraten, einer hatte eine gebrochene Nase. Die Polizei hatte die Lage eigentlich als recht entspannt und sicher eingestuft. Wir haben dem Verletzten dann angeboten, ihn in eine Klinik zu bringen. Auf dem Weg ins Krankenhaus musste der Kollege dem Patienten zweimal sagen, er möge bitte angeschnallt bleiben. Der Mann hat sich schließlich trotzdem abgeschnallt und meinem Kollegen ins Gesicht geschlagen. Wir haben sofort angehalten und einen Notruf abgesetzt. Der Kollege ist ausgestiegen und vom Auto weggegangen. Schließlich wollte der Patient sogar noch in die Fahrerkabine klettern. Ich bin dann weggefahren und habe einige Meter weiter auf die Polizei gewartet. Die Kollegen sind meistens schnell vor Ort und helfen. Aber die Zeit, die man wartet, kommt einem oft viel länger vor, als sie wirklich ist.

Hatte dieser Vorfall irgendwelche Folgen?

FUNK: Ein Verfahren. Das war insgesamt sehr unbefriedigend für uns. Trotz des Schutzparagrafen. Das Rechtswesen braucht für solche Verfahren manchmal ein halbes Jahr. Herausgekommen ist auch nichts Großes. Der Mann war mehrmals vorbestraft, er hat im Endeffekt die niedrigste mögliche Geldstrafe bekommen und konnte die Tagessätze so oder so nicht zahlen.

Passieren Anfeindungen häufig?

FUNK: Dass man verbal angegangen wird, passiert regelmäßig – bei gutem Wetter oder am Anfang des Monats, wenn es Geld gab, häufiger. Auch wenn wir im Frankfurter Nachtleben im Einsatz sind, ist die Wahrscheinlichkeit höher. Das muss man professionell hinnehmen und ausblenden. Natürlich finde ich es nicht toll, dass ich mir teilweise die wüstesten Beleidigungen anhören muss, die Sie sich vorstellen können.

Wie kommt das?

FUNK: Die meisten Patienten und ihre Angehörigen haben eine riesige Erwartungshaltung an uns: „Gehen Sie hierhin, gehen Sie dahin, machen Sie schneller, Sie werden doch dafür bezahlt.“ Ein Bitte und Danke hören wir selten – vielleicht mal bei Oma Paschulke, bei der es höchste Eisenbahn war, dass jemand kommt. Andere, die noch nicht mal beim Hausarzt waren, setzen quasi voraus, dass wir sie direkt auf die Intensivstation bringen. Meiner Erfahrung nach kommt es darauf an, wie man auftritt: Agiert man von oben herab oder zeigt man dem Patienten den Respekt, den jeder verdient hat – auch wenn man genervt ist, weil es schon der fünfte Alkoholmissbrauch hintereinander ist.

Haben Sie manchmal Verständnis für Menschen, die sich so übergriffig verhalten?

FUNK: Verständnis für die Ausnahmesituation habe ich erst mal. Jeder, der 112 ruft, hat ein Hilfeersuchen. Unsere Aufgabe ist, herauszufinden, ob dieses Ersuchen begründet ist. Also, ja, wir müssen kommen. Aber wir entscheiden dann auch, was passieren wird. Und wenn ich bei meiner Arbeit behindert werde, habe ich kein Verständnis mehr. Ständig jemandem klar- machen zu müssen, was unsere Aufgabe ist, kostet nämlich Mühe und Zeit, die wir nicht haben.

Inwiefern fehlt Ihnen da die Zeit?

FUNK: Unsere Einsätze sind oft straff getaktet. Wir können uns nicht mit solch unnötigen Dingen aufhalten. Selbst in einer Stadt wie Frankfurt, mit ihren kurzen Wegen, können Einsätze mit widerständigen, möglicherweise alkoholisierten Patienten schnell eineinhalb Stunden dauern. Zum Vergleich: Bei einem Schwerverletzten auf der Autobahn schafft man die Versorgung in knapp einer Stunde, wenn alles gut läuft.

Wie werden die Rettungskräfte für kritische Situationen geschult?

FUNK: Die verschiedenen Organisationen in Frankfurt haben unterschiedliche Kurse. Aber das Ziel ist immer gleich: Deeskalation. In der Rettungsdienstschule des Frankfurter DRK arbeiten ein Psychologe und mehrere Dozenten zu diesem Thema. Mit denen gehen wir durch: Wie gehe ich am besten auf einen Patienten zu? Welche Kleidung ist die richtige? Wir üben non-verbale Kommunikation, zum Beispiel, die „talking hands“: Wir strecken die offenen, leeren Hände vor, um zu zeigen, dass wir unbewaffnet sind. Aber wir lernen auch, wie man sich einer Tür nähert, hinter der häusliche Gewalt stattgefunden hat.

Wie steht es um die Verteidigung gegen physische Angriffe?

FUNK: Es gibt auch einen „sportlichen“ Teil. Wir lernen, wie man sich aus einem Griff befreit oder wie man sich wehren kann, wenn man von hinten angegriffen wird, ohne dem Gegenüber gleich weh- zutun. Aber diese Situationen haben wir dann nur auf einer Judomatte in der Turnhalle geübt – wie man im echten Fall reagiert, ist eine andere Frage.

Was muss sich ändern, damit so etwas nicht mehr passiert?

FUNK: Ich weiß es nicht. Einerseits erhoffe ich mir drastischere Maßnahmen gegen die Angreifer – beziehungsweise, dass wir nicht ein halbes Jahr warten müssen bis zur Gerichtsverhandlung. Wenn die Polizei mehr Möglichkeiten hätte, einzugreifen, könnte das auch einen positiven Effekt auf unsere Arbeit haben. Allgemein brauchen wir mehr Aufklärung: Die Leute müssen wissen, für was der Rettungsdienst eigentlich da ist. Wenn die wüssten, was so ein Einsatz kostet, wenn man den selbst zahlen müsste, würden sie sich auch zweimal überlegen, wie sie sich verhalten.

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