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Auch der hessische Knicker ist ein Kind Molières

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Oberbürgermeister Mike Josef hat gestern die von Petra Roth begründete Tradition fortgesetzt, dass Theaterleiter Michael Quast (Mitte) und Stückeschreiber Rainer Dachselt die aktuelle Spielzeit von „Barock am Main“ im Römer vorstellen dürfen.
Oberbürgermeister Mike Josef hat gestern die von Petra Roth begründete Tradition fortgesetzt, dass Theaterleiter Michael Quast (Mitte) und Stückeschreiber Rainer Dachselt die aktuelle Spielzeit von „Barock am Main“ im Römer vorstellen dürfen. © Maik Reuß

„Der Geizige“ wird beim Festival „Barock am Main“ im Sommer neu inszeniert

Frankfurt -„Wenn die Welt dich verrät, die Kinner dich hasse, uff dei Dukade kannste dich verlasse!“ - die Titelfigur in Rainer Dachselts hessischer Fassung von Molières „Der Geizige“ hat klare Prioritäten. Die im 17. Jahrhundert im höfischen Frankreich entstandene Charakterstudie zeigt einen hartherzigen Knicker und grausamen Familienvater, der sein Geld mehr liebt als alles andere - ökonomisch gesehen durchaus vernünftig, weswegen man auch 400 Jahre später diesen Typus Mensch des Öfteren trifft - gerade der ins Manische gehende Verzicht, den der Geizige seiner Familie immer wieder predigt, hat durchaus Aktualität.

„Der Geizige“ in der hessischen Fassung von Rainer Dachselt steht dieses Jahr auf dem Spielplan von „Barock am Main“ im Hof der Höchster Porzellan-Manufaktur. 2012 hat die Truppe um Michael Quast das Stück schon einmal gegeben; es war Dachselts erster „hessischer Molière“ nach dem Tod von Wolfgang Deichsel (1939-2011), der mit seinen Übersetzungen von Molière ins Neu-Hessische bekannt wurde und dafür den Binding-Kulturpreis erhielt. Dachselt hat seine 2012-Fassung etwas überarbeitet, „aber nicht daheraktualisiert“, sagt er: „Molière ist zeitlos und die Themen, über die er schreibt, sind immer aktuell.“

Zu zwei Dritteln über Karten finanziert

Natürlich spielt Michael Quast wieder den Geizigen: „Aber mit mehr Lebenserfahrung!“, sagt er grinsend. Geizig ist er nicht, aber aufs Geld schauen muss der Theaterleiter, dessen Festival zwar nicht ohne Sponsoren auskommt, aber dank guter Auslastung zu mehr als zwei Drittel über den Kartenverkauf finanziert wird: Rund 385 000 Euro hat „Barock am Main“ beim fulminanten Re-Start nach zweijähriger Corona-Unterbrechung im vorigen Jahr eingespielt. Den größten Batzen an Unterstützung gibt das Frankfurter Kulturamt mit 25 000 Euro; der Rest kommt von lokalen und regionalen Unternehmen - auch von dieser Zeitung.

„Was Sie mit den Mitteln, die Sie zur Verfügung haben, an Ergebnissen liefern, ist bravourös“, lobte gestern zur Vorstellung des diesjährigen „Barock-am-Main“-Programms im Römer Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), der Quast in den erst wenigen Wochen seiner Amtszeit zwei Mal live erleben konnte: Erst bei der Eröffnung der Feierlichkeiten zu „200 Jahre Königsteiner Straße“ als Stoltze-Rezitator, dann mit dem Revolutionsstück zum Paulskirchenjubiläum.

Garten-Rückkehr zum 20-Jährigen?

Für Mike Josef ist das Festival in Höchst „aus dem Frankfurter Kulturkalender nicht mehr wegzudenken“, bringe es doch auch immer wieder Menschen in das Unterzentrum im Westen, die sonst nicht unbedingt nach Höchst fahren würden. Quast hofft indes, zum 20-jährigen Bestehen von „Barock am Main“ wieder im Bolongarogarten spielen zu können, aber: „Wenn ich bei der Begrüßung des Publikums auf die Rückkehr in den Bolongarogarten zu sprechen komme, ist das immer ein sicherer Lacher.“ Bekannterweise zieht sich die Sanierung des Palastes, die 2017 begonnen hat und längst abgeschlossen sein sollte, noch mindestens bis 2024 hin; dann soll der Garten für rund 3,8 Millionen Euro umgestaltet werden, wozu die Erneuerung des Triton-Brunnens und die Restaurierung der Musikanten-Balustrade gehört.

„Gerade bei diesem Stück hätten wir eigentlich den Bolongaropalast gebraucht“, sagt Rainer Dachselt, „als Gott-Balkon, von dem die Auflösung kommt.“ Mit dem Ausweich-Spielort hat sich die Quast-Truppe allerdings arrangiert - dieses Jahr will die Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach, die neuer Hausherr in der Porzellan-Manufaktur ist, das Festival auch dazu nutzen, sich beim Publikum vorzustellen. Zuletzt hatte es beim alten Betreiber der Porzellan-Manufaktur ab und an in der Zusammenarbeit mit den Theaterleuten geknirscht.

Es sind viele neue Gesichter in der Quast-Truppe, etwa Andreas Wellano, der früher in Frankfurt im „Theater am Turm“ (TaT) und beim „Schlicksupp Theatertrupp“ spielte, sowie Stefani Kunkel, bekannt von ihrer Paraderolle „Hilde aus Bornheim“. Weiter mit dabei sind Publikumslieblinge wie Pirkko Cremer, Alexander J. Beck und Ulrike Kinbach. Die Regie führt wie in den vergangenen Jahren Sarah Groß. Holger Vonhof

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