Die neuen Leiterinnen des Familienzentrums im Haus der Volksarbeit an der Eschenheimer Anlage: Henrike Mohr und Ines Weirauch (links).
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Die neuen Leiterinnen des Familienzentrums im Haus der Volksarbeit an der Eschenheimer Anlage: Henrike Mohr und Ines Weirauch (links).

Innenstadt: Hilfsangebote

"Auch Familien sind systemrelevant"

  • vonBrigitte Degelmann
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Zentrum hat ein neues Führungsduo - Andere Angebote in der Pandemie

Wenn in den vergangenen Jahrzehnten vom Zentrum Familie in Frankfurt die Rede war, dann tauchte oft auch der Name von Barbara Stillger auf. Schließlich leitete sie die Familienbildungsstätte im Haus der Volksarbeit an der Eschenheimer Anlage mehr als 30 Jahre lang und prägte sie. Das hat sich jetzt geändert. Denn seit seit kurzem stehen Henrike Mohr (50) und Ines Weirauch (51) an der Spitze des 14-köpfigen Teams.

Auf den Wechsel gut vorbereitet

Ein Wechsel, der gut vorbereitet worden sei, sagen die beiden Soziologinnen. Schließlich habe Barbara Stillger sie schon in den vergangenen drei Jahren in die Leitung des Zentrums eingebunden, um so für einen möglichst fließenden Übergang zu sorgen. "Wir sind da reingewachsen", sagt Henrike Mohr, die bisher die sozialräumliche Familienbildung in Nied, Griesheim und am Frankfurter Berg koordinierte, während Ines Weirauch vor allem in den Fachgebieten Adoption, Kindertagespflege sowie Frühe Hilfen tätig war.

Ein großer Vorteil gerade in diesen schwierigen Zeiten. Schließlich gehören Familien zu den Gruppen, die besonders unter der Corona-Pandemie leiden. Gerade für Paare und Familien seien die Belastungen oft gewaltig, sagt Ines Weirauch. Viele hätten mit einem ganzen Sack an Problemen zu kämpfen: Home Office, nebenbei die Kinder betreuen, die wochenlang nicht in Kitas und Schulen durften, finanzielle Sorgen wegen Kurzarbeitergeld oder Jobverlust, dazu die Angst vor der Krankheit. Und natürlich auch Stress in der Beziehung.

Auch die Einrichtung selbst muss große Herausforderungen bewältigen: Wie schafft man es, für die Menschen da zu sein, wenn Kurse, Workshops und offene Treffs nur noch mit Einschränkungen oder gar nicht mehr erlaubt sind? Eine Frage, vor der mit Beginn des ersten Lockdowns vor nunmehr einem Jahr auch das Zentrum Familie stand. Immerhin habe man es damals geschafft, telefonisch und per Mail erreichbar zu sein, erinnert sich Henrike Mohr.

Außerdem nutzte man die Zeit, um neue Formate zu entwickeln. Der Babysitter-Kurs findet inzwischen ebenso online statt wie Schulungen in der Erwachsenen- und Elternbildung und der Babytreff. Was bei der Zielgruppe allerdings nicht auf uneingeschränkte Begeisterung stößt, gerade bei Eltern-Kind-Seminare. "Viele Eltern wollen das nicht so gern, damit die Kinder nicht noch mehr vor dem Bildschirm sitzen", hat Henrike Mohr festgestellt. Allerdings gebe es da durchaus einfache Lösungen. Etwa den Bildschirm ausschalten und nur auf den Ton hören.

Dennoch seien solche Online-Veranstaltungen eher eine Überbrückung, ein Notbehelf, räumen die beiden neuen Leiterinnen ein. Schließlich lebe ihre Arbeit von "direkter Beziehung", wie es Ines Weirauch formuliert. Davon, dass Eltern und Kinder auch mal aus den eigenen vier Wänden kommen und eine neue Umgebung erkunden können, neue Anregungen bekommen. "Für die Familien ist das eine Wohltat", ist sie überzeugt.

Gespräche beim Spaziergang

Deshalb versuche man auch Präsenzangebote zu machen - natürlich unter Einhaltung der geltenden Hygieneregeln. Etwa mit dem Spielzimmer im Zentrum Familie, das jeweils einer Familie nach Anmeldung offen steht. Oder mit "Walk and Talk", einem Spaziergang, um mit einer Kursleiterin zu sprechen und ihr vielleicht auch mal das Herz auszuschütten. Oder durch zwanglose Gruppentreffen in Parks, wenn es die Temperaturen zulassen. Was nicht bloß Freizeitvergnügen sei, betont Ines Weirauch. Sondern auch ein wichtiger Austausch: "Da sieht man, dass man nicht allein ist mit manchen Problemen. Das nimmt viel Druck weg." Und auch die Bildungsarbeit habe man bei den Veranstaltungen immer im Blick. Zum Beispiel im Projekt "Familie und Geld", in dem es zum Beispiel um Einkaufen, Taschengeld und staatliche Hilfen geht.

Eine der größten Herausforderungen für die neuen Leiterinnen: Wie gewinnen sie in Pandemie-Zeiten neue Familien für die Angebote? Und wie erreichen sie diejenigen, die dringend Unterstützung brauchen, aber Schwierigkeiten haben, das zu zeigen?

Hemmschwelle ist groß

"Das Bedürfnis ist da, aber die Hemmschwelle ist groß", sagt Henrike Mohr. Vor Corona konnte man vor allem über die offenen Treffs in den Stadtteilen Kontakte knüpfen. Weil das momentan nicht möglich ist, setzt man auf E-Mail-Verteiler und soziale Netzwerke. Und hofft darauf, dass in absehbarer Zeit auch wieder Präsenzveranstaltungen möglich sind, um Eltern und Kinder zu unterstützen. Denn, sagt Ines Weirauch, "auch Familien sind systemrelevant". Brigitte Degelmann

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