Mehrere Hundert Traktoren waren am Samstag auf Lichterfahrt durchs krisengeschüttelte Ahrtal.
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Mehrere Hundert Traktoren waren am Samstag auf Lichterfahrt durchs krisengeschüttelte Ahrtal.

Flutkatastrophe

Auch Frankfurter Lichter am Ende des Tunnels

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Sechs Monate nach dem Hochwasser im Ahrtal: Helfer auch aus Frankfurt und Opfer kommen bei einer Lichterkette feierlich zusammen

Frankfurt/Sinzig -Mit Lichterketten geschmückt, eingereiht zwischen einem bunt blinkenden Traktor und einem ebenso bunt leuchtenden Feuerwehrfahrzeug, hat eine Delegation aus Frankfurt an der Lichterfahrt durch das in der Flut gebeutelte Ahrtal teilgenommen: Frank Franke, Präsident der Hilfsorganisation "Luftfahrt ohne Grenzen" (LoG), war mit einem Kleinbus bei der Mischung aus Fastnachtszug und Weihnachtsfeier dabei.

Rund 300 Traktoren, Unimogs, Lastwagen und Quads aus ganz Deutschland trafen sich in Bad Bodendorf/Sinzig am Tor des Ahrtals. Am Straßenrand jubelten die Bewohner der Orte, deren Häuser in der Flutnacht vom 14. auf 15. Juli zerstört worden waren. Jetzt, da die schlimmsten Schäden beseitigt, die frisch renovierten Häuser weihnachtlich geschmückt sind, standen manche Bewohner mit Lichterketten an ihren Regenschirmen auf der Straße und winkten den Traktoren zu. Denn viele der Fahrer waren selbst als Helfer bei der Jahrhundertflut im Einsatz gewesen.

"Die Flut ist noch lange nicht vorbei", sagt Ortsvorsteher Alexander Albrecht. Er war einer derjenigen, die in den Tagen des Hochwassers getan haben, was getan werden musste. Jetzt, sagt er lächelnd, werde er kritisiert, "weil ich meine Kompetenzen überschritten haben soll. Aber es ist so: Deutschland kann nicht mehr Krise. Wir haben das verlernt." Und wenn Not herrscht, muss geholfen werden, auch wenn man sich nicht auf Paragrafen berufen kann.

In seinem Ortsteil, Bad Bodendorf, sei die Lage wieder fast normal: Es gibt Strom, Gas, Wasser, alles da. "Das Telekom-Netz war schnell repariert, Vodafone kränkelt noch etwas." Aber Bad Bodendorf ist nicht das Ahrtal: "In Dernau", sagt Dirk Schwarz, stellvertretender Feuerwehrchef, "habe ich gestern noch die Baulücken gesehen. Wie nach dem Krieg." Häuser mussten abgerissen werden, andere werden folgen. Fäkalien, Schlamm und Diesel sind ins Mauerwerk eingedrungen. Die Dämpfe, die ausgedünstet werden, sind gesundheitsgefährdend. Die Straße nach Dernau sei erst seit einigen Wochen wieder einspurig befahrbar.

"In Deutschland müssen die Architekten einen Plan machen", beschreibt Alexander Albrecht, "dann geht es in die Behörden, dann braucht man Gutachter, danach wird der Auftrag europaweit ausgeschrieben." Er vermutet, dass frühestens in zehn Jahren alle zerstörten Straßen, Brücken, Gleise ersetzt sein werden, Und so lange bleibt im Ahrtal der Ausnahmezustand die Norm.

Beispiel: Gerade am Freitag sind in Bad Bodendorf die ersten beiden Kleinsthäuser, sogenannte Tiny Häuser, angekommen. Insgesamt erhält der Ortsteil 42. Der Zweck ist, dass viele Anwohner, die zurzeit bei Verwandten wohnen, wenigstens wieder in den Ort ziehen können. Denn dann ist der Weg zur Baustelle kürzer, die Arbeit geht schneller.

"Die Häuser, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, gehen an die Gemeinde zurück, und wir müssen sie zweckgebunden weiter für Nothilfe einsetzen", sagt Albrecht. Eine Bedingung, die für viele Hilfssendungen gelte.

"Ein Helfer, der tagelang Schlamm geschaufelt hat, ist daran erkrankt"

Auch für diejenigen, die Luftfahrt ohne Grenzen ins Ahrtal geschickt hat. Hier ist die Feuerwehr, ist Dirk Schwarz der Chefkoordinator. "Wir haben ein Verteilsystem entwickelt", sagt er. Denn LoG hat über die Monate zehn Sattelzüge und mehreren Vans mit rund 400 Tonnen Hilfsmaterial ins Ahrtal gebracht, darunter in Zusammenarbeit mit dem International Medical Corps mehrere Hundert Elektro-Geräte wie Bohrhämmer, Hochdruckreiniger, Raumtrockner und Meisel, die alle batteriebetrieben sind. "Die verteilen wir von hier aus", sagt Schwarz. Jede der vier Ortsfeuerwehren Sinzigs bekommt eine bestimmte Anzahl von beispielsweise Stromgeneratoren und entscheidet vor Ort, welcher Anwohner den Generator ausleihen kann. "Er kann ihn behalten, solange er ihn braucht", sagt Schwarz. "Aber er geht an die Feuerwehr zurück." Und diese gibt ihn an den nächsten.

Schwarz und Albrecht sind dankbar für die viele Hilfe, die die Orte erfahren haben. Mehr als 100 Organisationen haben Spenden und Einsatzkräfte zur Verfügung gestellt, manche, sagt Schwarz, unter Einsatz ihrer Gesundheit: "Ein junger Mann, der tagelang Schlamm geschaufelt hat, darunter Fäkalschlamm, ist jetzt schwer erkrankt", so Schwarz.

Ihm selbst, einem gestandenen Familienvater, steht noch jetzt bisweilen das Wasser in den Augen, wenn er sich erinnert, was er und alle anderen erlebt haben in diesen Sommertagen: Die Katastrophe und die viele Hilfe. "Immer, wenn ich einen Baum sehe, blicke ich nach oben", sagte er damals. Die Leichen der Ertrunkenen verfingen sich in den Ästen. Als das Wasser sank, hingen sie in den Baumkronen.

Das Leben geht weiter, auch im Ahrtal. Die Helfer ließen sich die Bratwürste schmecken, die LoG mit ins Ahrtal gebracht hatte und die im Feuerwehrhaus gegrillt wurden. Dann begann der Fest-umzug mit den Hunderten Traktoren. Es war, trotz des traurigen Hintergrunds, eine feierliche Mischung aus Adventssingen und rheinischem Karnevalsumzug.

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