Workshops der ?Bildungsarena? führen teilnehmende Kinder bis in  die Umkleidekabinen der Eintracht.
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Workshops der ?Bildungsarena? führen teilnehmende Kinder bis in die Umkleidekabinen der Eintracht.

Eintracht-Stadion als "Bildungsarena"

Auch politisch am Ball bleiben

  • VonJanina Raschdorf
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Die Commerzbank-Arena ist nicht nur eine Sportstätte, ein Ort von Sieg und Niederlage. Hier werden auch Jugendliche politisch unterrichtet – und das seit nunmehr fünf Jahren.

Einfältige Kinder vernachlässigen die Schule für den Bolzplatz – pfiffige Teenager bringen Arbeit und Spiel in Einklang: Das deutschlandweite Netzwerk „Lernort Stadion – Politische Bildung an Lernzentren in Fußballstadien“ macht es möglich. An 13 Standorten hat sich das Projekt bereits etabliert, in Hessen konnte es sich bislang erst an einem durchsetzen: Seit über fünf Jahren ist die „Bildungsarena“ Eintracht in das Konzept eingebunden. Ende Oktober 2016 feierte sie Jubiläum.

Ziel ist es, Jugendliche politisch zu schulen – nicht im Klassenzimmer, sondern im Eintracht-Stadion. Mehr als 2000 Kinder zwischen 14 und 26 Jahren haben das Angebot bereits genutzt. Davon profitiert auch die Eintracht: Auf die Frage, für welche Mannschaft sie fiebern, würden die Kinder meist Topteams nennen – etwa den FC Barcelona oder Manchester United. „Neulich aber hat ein Junge nach einem Workshop klargestellt, dass er die Eintracht ,eigentlich doch auch ganz cool fände’“, sagt Projektleiter Stefan Hebenstreit. „Wir müssen die Jugend ins Frankfurter Stadion holen, sonst werden sie auf der Couch zu Bayern- und Dortmund-Fans“ – schlussfolgert Eintracht-Vorstandsmitglied Axel Hellmann.

Bildungsferne mildern

Vor allem sagt das Projekt aber der Bildungsungleichheit den Kampf an. Unterstützer sind die Robert-Bosch- und die Bundesliga-Stiftung, „Aktion Mensch“ und die Eintracht Frankfurt Fußball AG. „Die jährlichen Gesamtkosten belaufen sich auf einen hohen fünfstelligen Wert“, sagt Hebenstreit.

Diskurs in der Umkleidekabine, Erörterung am Spielplatzrand: „Wir ermöglichen Kindern, Bereiche des Stadions zu besichtigen, die den regulären Spiel-Besuchern verschlossen bleiben“, so der Kinderfreund und Fußballfan. „Wenn es sich ergibt, machen wir auch mal eine Lernpause, um den Bundesligisten beim Training zuzusehen.“

Oft finden die Veranstaltungen im Eintracht-Museum statt – „für viele Jugendliche ist das der erste Kontakt mit Schautafeln.“ Die „Bildungsarena“ nutze die Begeisterung der Kinder für den Fußball, um sie auf Politik- und Gesellschaftsthemen zu projizieren. Über die Herzen der Fans sollen auch deren Köpfe erreicht werden. Der Sport ist dabei Stichwortgeber.

„Jedes Jahr besuchen uns an die 40 Gruppen“, so Hebenstreit. Sie kämen aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, teilweise sogar von weiter her. Vier Workshops werden unter anderem den Schulklassen, aber auch Vereinen und Jugendzentren angeboten.

Kicken statt Kick – echte Sportler brauchen keine Drogen: Im Kurs „Fit for Life“ werden Heranwachsende in Sachen Suchtprävention aufgeklärt. Neben Drogen- und Alkoholabhängigkeit sind auch Fitnesswahn, Sportwettsucht und Doping Thema. Im Workshop „Fit for Football“ wiederum stehen Gewaltprävention und „Fair Play“ im Fokus. Thematisiert wird auch die Gleichschaltung des Vereinsfußballs während der NS-Diktatur.

Im Kurs „Fit for Job“ werden Vorstellungsgespräche geübt. Hier sollen die Kinder die Angst vor Einstellungsprüfungen abbauen. „Die jungen Erwachsenen, die daran teilnehmen, befinden sich meist kurz vor dem Schulabschluss und mitten in der Selbstfindungsphase,“ sagt Hebenstreit. „Es ist schön, dass wir ihnen in dieser schwierigen Zeit helfen können.“

Ein anderer Workshop – er heißt „Fit for Diversity“ – liegt Axel Hellmann besonders am Herzen. Mahnend erklärt er: „Der Wind wird rauer.“ Diskriminierung und Populismus nähmen zu. „Um dem Einhalt zu gebieten dürfen wir uns nicht allein auf Wirtschaft, Politik und Kirche verlassen. Auch die Vertreter des Sports müssen etwas gegen die Intoleranz tun.“ Möglich sei das. Hellmann erklärt: „Im Torjubel liegen sich alle Fans in den Armen, da trennt sie nichts mehr.“

Dass die Eintracht in die Jugendbildung investiert, ist für ihn selbstverständlich: „Das Stadion wurde mit Steuergeld errichtet“, erklärt Hellmann. „Wir haben am wirtschaftlichen Nektar gesogen.“ Da sei es „keine Heldentat“, wenn der Verein nun etwas zurückgebe.

Kinder mit Behinderungen

Spätestens seit der Verpartnerung mit der „Aktion Mensch“ will die „Bildungsarena“ auch Menschen mit Behinderungen fördern. Erst neulich habe er erlebt, wie zahlreiche Jungen bewundernd einen Kameraden im Rollstuhl ansahen – und damit quasi zu ihm aufblickten. „Der Schüler war beeindruckend gut über die Eintracht informiert“, lobt Hebenstreit.

Derzeit feilen die fünf involvierten freischaffenden Pädagogen an einer einfacheren Sprache. „Wir wollen, dass auch Flüchtlinge von dem Angebot profitieren,“ erklärt der Projektleiter. Weil sie oft aus Ländern kämen, in denen kein Fußball gespielt werde, überarbeite man das Konzept. Auf den Hinweis, dass auch viele Mädchen erst an den Ballsport herangeführt werden müssten, entgegnet Hebenstreit: „Das war vielleicht früher mal so. Heute sind gut ein Drittel der Eintracht-Fans weiblich. Immer öfter stehen bei den Spielen auch Frauen jubelnd hinterm Tor“.

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