Hildegard Entings Rekonstruktion besticht durch die Lebendigkeit der Darstellung. Ihr Dodo ist nicht als starres Präparat dargestellt, sondern als lebendig anmutendes Tier, das in seiner Bewegung festgehalten ist. Foto: Senckenberg
+
Hildegard Entings Rekonstruktion besticht durch die Lebendigkeit der Darstellung. Ihr Dodo ist nicht als starres Präparat dargestellt, sondern als lebendig anmutendes Tier, das in seiner Bewegung festgehalten ist.

Senckenberg-Museum Frankfurt

Auf den Spuren des Dodos

  • Sarah Bernhard
    VonSarah Bernhard
    schließen

Mehr als 20 Jahre lang beschäftigte sich die Präparatorin Hildegard Enting mit einem Vogel, dann beschloss sie, ihm ein Denkmal zu setzen.

Das erste Mal sieht Hildegard Enting ihn kurz vor der Jahrtausendwende. In einem Buch stößt sie auf mehrere Bilder, keines sieht aus wie das andere. "Irgendwie hat mich das gleich angelockt", sagt Enting, die als Präparatorin im Senckenberg-Museum arbeitet. Von nun an will sie unbedingt wissen, wie er in Wirklichkeit aussieht. Doch sie hat ein Problem: Der Dodo, der ihr da begegnet ist, eine flugunfähige Taubenart auf Mauritius, ist seit 1690 ausgestorben.

Also begibt sich Enting auf Quellensuche. "Wenn man sich darauf einlässt, tut sich ein Fass auf", sagt sie. Denn nach dem Dodo, auch Dronte genannt, darf man nicht nur in ornithologischen Fachbüchern suchen. Man muss sich auch in die historischen und kunsthistorischen Hintergründe einarbeiten, "muss wissen, welcher Maler zu welcher Zeit an welchem Ort war, wer mit wem Kontakt hatte und wer wen kopiert hat".

Nur so lässt sich herausfinden, ob der Dodo auf vielen Bildern richtiggehend fett ist, weil er ein dicker Vogel war. Oder ob er sich nicht vielmehr gerade ein Polster aus Früchten angefressen hatte, um die Trockenzeit zu überstehen, von falscher Haltung und Nahrung aufgedunsen war, aufgeplustert dargestellt wurde, damit die Zeichnung mehr hergibt, oder ihn der Maler, dessen Vorlage kopiert wurde, einfach auch schon fett gemalt hatte.

Nebenher lernt Enting viel über die Seefahrt im 17. Jahrhundert, aber auch über Könige wie Rudolf II, der sich lieber mit Natur und Kunst beschäftigte, als die Amtsgeschäfte zu führen. "Es gab immer wieder Seitenstränge, hier einen, dort einen, total spannend. Und dazwischen immer wieder den Dodo."

20 Jahre lang saugt sie alles auf, was sie über das Tier und seine Zeit finden kann, arbeitet mit Senckenberg-Ornithologe Gerald Mayr und weiteren Wissenschaftlern zusammen, studiert die ornithologische Sammlung und baut 1998 ein erstes Knetmodell. Außerdem freundet sie sich mit Claudia und Hendrik Leber an, die ebenso Dodo-begeistert sind wie sie selbst. Eines Abends im Jahr 2015 beschließen die drei: Hildegard Enting soll die Lebendrekonstruktion eines Dodos schaffen, das Ehepaar will das Projekt finanziell unterstützen. Enting arbeitet sich noch tiefer in die Dodo-Literatur und aktuelle Forschungserkenntnisse ein. Eine ihrer ergiebigsten Quellen wird das Logbuch des Segelschiffs "Gelderland" von 1601 aus dem Schifffahrtsarchiv in Den Haag. Mehrere Besatzungsmitglieder haben die Vögel skizziert, die meisten eher stümperhaft, einer recht lebensecht. "Der Steuermann war zwar als Steuermann eine Fehlbesetzung, konnte aber sehr gut zeichnen", sagt Enting. Bei ihm kann sie sich zumindest sicher sein, dass er überhaupt einmal einen Dodo gesehen hat. Genauso wie der indische Maler Mansur, der zu Beginn des 17. Jahrhunderts so originalgetreue Vogelbilder gefertigt hat, dass Enting auch seine Version des Dodos für realitätsnah hält.

Die Präparatorin formt zunächst ein Miniaturmodell, um die richtige Haltung für den Vogel zu finden. "Ich wollte, dass die Leute eine Begegnung haben." So wie die, die die Seefahrer auf der damals von Menschen unbewohnten Insel hatten: Die Tiere sollen neugierig auf die Seefahrer zugetapst sein - bevor sie von den hungrigen Männern erschlagen wurden. "Vögel sind ja generell neugierige Tiere. Ich stelle mir vor, dass sie sich dann so ein bisschen angeschlichen haben, einen Fuß nach dem anderen, und einen nett mit einem Auge anpeilten. Das wollte ich gerne darstellen."

Anatomisch korrekt muss ihr Dodo aber natürlich auch sein. Also studiert sie den Körperbau, insbesondere diejenigen Knochen, die ihn als Taubenart ausweisen: die bestimmte Art, wie der Schnabel am Schädel ansetzt, drei miteinander verwachsene Rückenwirbel, den niedrigen Ansatz des Zehs, weshalb die Befiederung schon zwei Fingerbreit über der Ferse aufhört. Dass der Dodo kurze, stämmige Beine und einen spitz zulaufenden, nach vorne gebogenen Schnabel hatte, weiß sie bereits von den Zeichnungen. Auf dieser Basis formt sie ein Gerüst aus Holz, Holzwolle und Kaninchendraht, auf das sie Modelliermasse aufträgt, bis die perfekte Dodo-Form erreicht ist.

Dann geht's an die Äußerlichkeiten. Die Haut des Schnabels soll trocken, aber gleichzeitig wachsig aussehen. Die Federn sollen flauschig wie die von Gänseküken sein, weshalb Enting ihre eigenen Experimente mit Hühnerfedern von einem Biobauernhof aufgibt und sich an Marco Fischer wendet.

Der Präparator aus Erfurt hat bereits selbst einen Dodo rekonstruiert und sich nach eingehender Forschung für die Federn von Ohrfasanen entschieden. "Die haben mir wirklich gut gefallen von der Farbe und Flauschigkeit her." Auch der Frankfurter Dodo bekommt von Fischer ein Gefieder aus handgefärbten Fasanenfedern. "Sie stammen aus einer Fasanerie, in der die Vögel artgerecht gehalten werden. Damit kann man auch als Präparator angenehmer arbeiten."

Ansonsten haben die beiden Präparate recht wenig gemein. Der Erfurter Dodo hat einen gedrungenen Körper mit kurzem Hals, Flügelstummelchen, und einen kurzen, wenig gebogenen Schnabel. Entings Dodo hingegen sieht genauso aus, wie sie ihn geplant hatte: Neugierig und ohne Argwohn scheint er auf den Betrachter zuzutapsen, als ob er noch nie zuvor einen Menschen gesehen hätte.

Und, so melden ihr die Museumsführer immer wieder zurück, die Besucher lieben ihn. "Diese Popularität hatte ich nicht erwartet", sagt Enting. Lange habe sie sich Gedanken gemacht, warum ausgerechnet der Dodo so viel Interesse wecke und nicht zum Beispiel die zur gleichen Zeit verschwundene Mauritius-Ralle. Zum einen könne das natürlich daran liegen, dass Lewis Caroll ihn mit "Alice im Wunderland" berühmt gemacht habe. "Ich glaube, es liegt aber auch an seinen Proportionen. Das Verhältnis von Kopf und Körper, die tapsigen, stämmigen Füße, die Zutraulichkeit, das ist so ein bisschen Kindchenschema. Und dann ist er ja auch noch flauschig."

Vor der Ausrottung bewahrte das allerdings auch den Dodo nicht. Nicht einmal 100 Jahre nach seiner Entdeckung starb das letzte Exemplar: Seefahrer hatten Ratten, Schweine und Affen eingeschleppt, die die Eier des Dodos fraßen, und sie verspeisten die Tiere auch selbst. Und das, obwohl Dodofleisch laut Überlieferung keineswegs gut geschmeckt haben soll, sondern auch nach stundenlangem Kochen noch zäh und tranig war. Doch waren die Menschen im 17. Jahrhundert auch nicht anders als viele Menschen heute: Wenn sie die Auswahl hatten, aßen sie lieber schlechtes Fleisch als gar keines.

Hildegard Enting hat die Lebendrekonstruktion eines Dodos (Raphus cucullatus) erarbeitet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare