Stadtteilhistoriker Robert Gilcher steht vor der Büste von Carl von Weinberg im Park, der nach dem jüdischen Kaufmann, Stifter und Mäzen benannt ist. FOTO: rainer rüffer
+
Stadtteilhistoriker Robert Gilcher steht vor der Büste von Carl von Weinberg im Park, der nach dem jüdischen Kaufmann, Stifter und Mäzen benannt ist.

Niederrad: Frankfurter Stadtgeschichte

Auf den Spuren von Carl von Weinberg

  • VonAlexandra Flieth
    schließen

Der einstige Kaufmann, Stifter und Mäzen hat den Stadtteil geprägt

Die Büste Carl von Weinbergs (1861 - 1943), die unweit des Eingangs zum gleichnamigen Park in Niederrad steht, fängt die Physiognomie des Frankfurter Kaufmanns, Stifters und Mäzens perfekt ein. Auch die Position der Büste scheint passend gewählt: Der Mäzen blickt mitten in den Park hinein, genau dorthin, wo einst sein Wohnhaus stand, die "Villa Waldfried", die im englischen Landhausstil erbaut worden war und beim Bombenangriff im Oktober 1943 schwer beschädigt wurde.

Carl von Weinberg, der einer jüdischen Kaufmannsfamilie entstammte, erlebte dies nicht mehr. Er verstarb schon ein paar Monate zuvor, am 14. März 1943 im Exil in Rom. "Er war aufgrund einer Verordnung von Dezember 1938 gezwungen worden, seine Villa an die Stadt zu verkaufen, und flüchtete 1939 nach Italien", sagt Robert Gilcher. Der Niederräder weiß viel über Carl von Weinberg und dessen älteren Bruder Arthur. Auch dieser verlor sein Leben nur sechs Tage nach dem Tod seines jüngeren Bruders, am 20. März 1943 im KZ Theresienstadt. Die Brüder waren nicht nur Miteigentümer der Cassella-Werke in Fechenheim, sondern auch im Aufsichtsrat des 1925 gegründeten weltweit größten Chemiekonzerns - der I.G. Farben AG.

Als Stadtteilhistoriker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, hat Gilcher sein Interesse an Niederrad und der Geschichte des Stadtteils vor ein paar Jahren vertieft und über "Niederrad in der Zeit des Nationalsozialismus - Verfolgung und Widerstand" geforscht. Statt ein Buch herauszubringen, habe er sich entschieden, sein Wissen in Stadtteilführungen weiterzugeben. "Das liegt mir mehr", erzählt er den rund 15 Teilnehmern eines Rundgangs.

Zwei Stunden sind für die Stadtteilführung rund um den ehemaligen Poloplatz eingeplant, dem Gelände, das Carl von Weinberg einst "den Schwanheimern" abgekauft habe, wie Gilcher sagt. Es habe sich zu der damaligen Zeit um den südlichen Schwanheimer Wald gehandelt. Die Fläche befindet sich heute auf Niederräder Gemarkung.

Passionierter Polo-Spieler

Spuren, die auf die Familie von Weinberg verweisen, sind noch viele vorhanden - das macht der Rundgang sichtbar, der an der Adolf-Miersch-Siedlung startete. Gilcher erzählt, dass sich die Pferdekoppeln des Gestüts "Waldfried", das die Brüder gegründet hatten, um Rennpferde zu züchten, auf diesem Gelände befunden hätten. Noch heute gebe es mit dem ehemaligen Verwaltungsgebäude einen Hinweis darauf. Dieses Gebäude befindet sich am Paul-Gerhardt-Ring, einer Straße, die früher als Kastanienallee bezeichnet worden sei. Noch immer wird dieser Teil der Straße von Kastanienbäumen flankiert.

Der von den Brüdern Weinberg geschaffene Poloplatz existiert indes nicht mehr. Gilcher vermittelt dennoch eine Vorstellung davon, wie es einmal ausgesehen haben könnte. Das einst als Clubhaus genutzte Gebäude steht noch und gehört heute der Baumschule Lüdemann. "Carl von Weinberg war ein passionierter Polo-Spieler", sagt der Stadtteilführer. 1902 habe er den Frankfurter Polo-Club mitgegründet und ließ einen Poloplatz anlegen. Gilcher hat Abbildungen alter Fotografien mitgebracht, die unter anderem Carl von Weinberg als Polo-Spieler zeigen. "Bereits 1904 gab es auf dem Gelände das erste offizielle Polo-Turnier", erzählt der Stadtteilführer.

Kurz nach der Machtergreifung der Nazis sei das Polospiel auf dem Gelände verboten und der Polo-Club 1934 aus dem Vereinsregister gelöscht worden. Unweit von dem einstigen Gelände befindet sich der Frankfurter Golf-Club, der im März 1913 gegründet wurde und dessen erster Vorsitzender Carl von Weinberg war. Dessen Frau May, die aus England stammte, habe ihre Kontakte dorthin genutzt und die damals besten Golfplatzarchitekten engagiert, hat Gilcher recherchiert.

Vieles gebe es über Carl und Arthur von Weinberg noch zu erzählen, auch über dessen Frau May. Drei Stolpersteine auf dem Bürgersteig, die dort auf Initiative von Robert Gilcher verlegt wurden, erinnern an Carl von Weinberg, seine Tochter Wera Reiss (1897 - 1943), die sich kurz nach dem Tod ihres Vaters am 9. April 1943 in London das Leben nahm und ihren Sohn Alexander von Szilvinyi, der im Februar 1945 an der Westfront den Tod fand.

Alexandra Flieth

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare