Lebhafte Begegnung: FNP-Mitarbeiterin Katja Sturm geht mit Michael Weber vom Theater Willy Praml spazieren. Foto: Holger Menzel
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Lebhafte Begegnung: FNP-Mitarbeiterin Katja Sturm geht mit Michael Weber vom Theater Willy Praml spazieren.

Kultur

Auf ein Stündchen

  • vonKatja Sturm
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Akteure des Theaters Willy Praml landen zu Spaziergängen ein

Frankfurt -Endlich mal wieder Kultur vor Ort! Allerdings nicht in der Naxoshalle, sondern mit Treffpunkt davor. Ein Dutzend schwarzer Regenschirme hängt zur Ausleihe an einem steinernen Fenstervorsprung. Das Wetter ist feucht, weitere Nässe droht.

Die Tür zum Spielort ist noch geschlossen. Ein paar Flugblätter informieren über die Regeln. Ein Spaziergang ist geplant, Corona-konform jeweils nur zu zweit, mit Abstand und Mund-Nasen-Schutz. Ein mögliches Gerangel um die beliebtesten Begleiter verhindert ein einfaches Losverfahren. Der Zufall entschiedet, wer mit welchem Ensemblemitglied des Theater Willy Praml losgehen darf.

Jeder wählt seine eigene Route

"Life is live. Auf ein Stündchen!", so haben die Initiatoren diese Improvisation genannt. Ideengeber Michael Weber, vom Glück der Autorin an die Seite gespült, erzählt während der ersten Schritte, dass jeder seiner sechs Kolleginnen und Kollegen, die sich mit je einem Gast auf den etwa einstündigen Weg machen, die Route selbst gewählt hat. Bei ihm, dem Schauspieler und Regisseur, soll die Natur in der Umgebung eine Rolle spielen. Zwischen Waldschmidtstraße und Friedberger Anlage wird aber noch kurz bei "Pol-Kost" Station gemacht.

Ulla alias Urszula Chalupinski, die Betreiberin des osteuropäischen Lebensmittelladens auf der Pfingstweidstraße, hat Weber im vergangenen Jahr dazu bewogen, für eine Installation über Zwangsarbeit im Dritten Reich ihre Stimme aufzeichnen zu lassen. Man grüßt sich freundlich, plaudert kurz. Kultur verbindet die Menschen in der Stadt. Entsprechend fehlen seit Monaten, seit der Lockdown die Bühnen lahmlegt, bereichernde Beziehungen. Die Tour mit Zuschauern dient nicht nur der Pflege derselbigen, sondern auch dazu, mal nachzuhören, wie es dem Publikum so ganz ohne das gewohnte Ungewohnte geht.

Theater, betont Weber, sei nicht nur Darbietung und Unterhaltung, wie sie an der einen oder anderen Stelle in der Stadt zwischenzeitlich mal aufgeflackert sind. Es gehe darum zu provozieren, neue Perspektiven zu eröffnen und Dialoge mit den Rezipienten zu führen.

Den Mitgründer des Freien Frankfurter Theaters, das in diesem Jahr seinen 30. Geburtstag begeht, erwischte der plötzliche Stillstand an einem besonderen Punkt seiner Karriere. Alles war für die erste Inszenierung präpariert, für die er allein als Regisseur Verantwortung tragen sollte: "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" sollte ursprünglich im März 2020 aufgeführt werden und ist jetzt auf unbestimmte Zeit verschoben. Die Art der Vorstellung von Edward Albees populärem Drama passe nicht in diese Zeiten, sagt Weber. Deshalb ist er während der Zwangspause ein weiteres Stück angegangen.

Jederzeit bereit für die nächste Premiere

Dieses steht nun in den Startlöchern, allzeit bereit, auch kurzfristig seine Premiere zu feiern. Kleists "Schwarz/Weiss. Die Verlobung in St. Domingo" wurde für März auf dem Spielplan eingetragen. Webers Augen leuchten beim Gedanken an sein Debüt. Obwohl es ihn wie alle seine Mitstreiter danach dürstet, dass es endlich weitergeht, glaubt er, es dank seines Seitenwechsels etwas besser zu haben, als wenn er als reiner Darsteller in das Loch gefallen wäre, dass das monatelange Aus der Kulturbetriebe für viele bedeutet. "Als Regisseur muss ich mich darum kümmern, dass es allen gut geht", erklärt Weber. So ist er in der Hoffnung darauf, dass sich der Vorhang bald wieder öffnet, mit vielem beschäftigt, aber weniger mit bloßem Nachdenken, zermürbendem Grübeln.

Die Runde mit einem Schlenker um den Zoo herum vergeht wie im Flug. Man hat sich kennengelernt, ist einander nähergekommen. Auch die anderen Pärchen trudeln nach und nach am Ausgangspunkt ein. Die direkte Begegnung, Kunst oder nicht, war herrlich wohltuend. Katja Sturm

Auf ein Stündchen!

Bis Anfang März wird noch spaziert. Anmeldung unter Telefon (069) 4 30 54 73.

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