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Der Zeltmeister Calin Ionut leitet den Aufbau. Angst vor Tigern darf er dabei nicht haben. Hat er nach 13 Jahren beim Zirkus auch nicht mehr.

Ab heute in Frankfurt

Aufbau der Manege des Zirkus Charles Knie ist ein logistischer Hochseilakt

Es ist als würde ein kleines Dorf mit Haus und Hund umziehen. Mit 200 Fahrzeugen, 96 Mitarbeitern und 150 Tieren tourt der Zirkus „Charles Knie“ jährlich durch 42 Städte. Eine logistische Meisterleistung, die für manche Freizeit bedeutet.

Der Zeltmeister trägt Warnweste und Arbeitsschuhe mit Stahlkappe. Der Prinz der Clowns aber ist barfuß. Es ist Aufbautag beim Zirkus „Charles Knie“. Überall auf dem Festplatz, dort vor der Eissporthalle, tackern Presslufthämmer und schlagen Anker in den Asphalt. Es kreuzen Gabelstapler, klirren Metalstreben und brüllen Tiger, die im Käfig warten, bis ihr Gehege aufgebaut ist. Nur der Wind verhält sich ruhig unter dem Wolken verhangenem Himmel.

Aufbautag heißt für die einen Freizeit. Die anderen müssen eine logistische Meisterleistung vollbringen. Ein ganzes Dorf mit 96 Einwohnern und 150 Tieren zieht um. In weniger als 48 Stunden. Montagabend endete in Limburg die letzte Vorstellung, heute um 16Uhr beginnt die erste in Frankfurt. Allein das Chapiteau, das 14 Meter hohe Hauptzelt samt seiner Tribune und der ganzen Licht- und Tontechnik füllt zwölf Lastwagen. Hinzu kommen Gabelstapler, die Campingwagen für jeden Mitarbeiter oder etwa Futter für die Tiere. Schließlich verschlingen die knapp eine Tonne Stroh, Fleisch, Gemüse. Jeden Tag.

„Heute läuft es gut“, sagt der Zeltmeister. Calin Ionut heißt er, ist 30 Jahre alt und leitet den Aufbau. „Keines der 200 Fahrzeuge hatte eine Panne und vor allem...“ Ionut zeigt mit dem Finger hoch zur Decke des Chapiteaus. „Kaum Wind. Strömender Regen wäre nicht das Problem, aber Sturm ist das schlimmste.“ Dann flattere das schwere Dach. Das sei nicht nur anstrengend, sondern auch gefährlich. Heute aber nicht. In nur vier Stunden haben seine Männer das Dach in die Höhe gehoben und ziehen es mit Gurtspannern gerade fest. Wo sie die Ankerpunkte setzen mussten, hat der Voraustrupp auf dem Asphalt markiert. Striche und Punkte die zeigen, wo die fünf Zelte stehen und all die Wohnwagen.

Während die Bauarbeiter unter dem Zeltdach die Tribune aus hunderten Metallstreben zusammensetzen und sich den Schweiß von der Stirn wischen, trinkt der Prinz der Clowns Kaffee und überlegt sich, was er mit dem schönen Tag anfangen soll. Henry Ayala ist der Name des Venezolaners. Er ist 39 Jahre alt und Clown in fünfter Generation. Sein Idol ist Charlie Chaplin. „Weil der ohne Worte Menschen aus allen Gesellschaftsschichten überall auf der Welt zum Lachen brachte.“ Das ist auch Ayalas Ziel. Und das lasse sich am besten beim Zirkus verwirklichen, sagt er. „Auf der Tribune sitzen ja jung und alt, aus allen Ecken der Welt zusammen. Wenn da alle lachen, ist das immer eine magischer Moment.“

Wie Chaplin in seinen frühen Filmen spricht auch Ayala nicht während der Show. Nur mit Mimik und Gestik. Auf der Bühne trägt er keine übergroßen Schuhe, sondern Uniformen, die an Napoleon erinnern. Mit 17 Jahren stand er das erste Mal in der Arena. Noch heute sucht er für klassische Clownsnummern moderne Versionen. „Als Künstler ist man nie perfekt“, sagt er. „Ein Comedian kann aber nur mit dem Publikum an seinem Stil arbeiten.“ Darum hat der Prinz der Clowns heute frei. Am Nachmittag soll er für die Presse noch eine Nummer vorführen, erinnert ihn Patrick Adolph, der „Außenminister“ alias Pressesprecher des Zirkus. Ayala nickt, scheint im Kopf aber bei seiner Tagesplanung zu sein. „Kann man in Frankfurt nicht Fallschirmspringen“, überlegt er laut.

Ob Aufbautag oder nicht, spielt für Alexander Lacey dagegen kaum eine Rolle. Er ist mit seinen Großkatzen zwar das Werbegesicht des Zirkus. Die meiste Arbeit hat der 42-jährige Brite aber hinter der Bühne. Für sechs Tiger, sieben Löwen und einen Leoparden ist er verantwortlich. Das heißt: Jeden Tag trainiert er mit ihnen. Lacey säubert Ställe, kümmert sich um Futter oder schaut, ob sie bei Hitze eine Abkühlung bekommen. Sein Vater führte einen Zoo in England, erzählt der Dompteur. Der Vater habe dort bemerkt, dass den Großkatzen etwas fehlt, dass sie sich langweilten. Darum begann er mit ihnen zu trainieren. Damit wuchs Lacey auf, wollte auch mit Tieren arbeiten. Jetzt sitzt er auf einem Podest, auf dem die Katzen vor Publikum sich etwa auf die Hinterbeine stellen. Er schlägt auf die Metallfläche und sagt: „Das ist mein Arbeitsplatz.“

Die Tiere machen „Charles Knie“ zu einem traditionellen Zirkus, sagt Außenminister Adolph, mit den drei klassischen Säulen: Artistik, Clownerie und eben Tieren. Dafür gebe es auch Kritik. In Gießen hätten Tierschützer jede Menge Werbeplakate zerstört. „Dabei sind wir die am meisten kontrollierten Tierhalter“, sagt Adolph. In jeder Stadt – in 42 macht der Zirkus im Jahr Halt – kontrolliere das Veterinäramt, ob die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden. Um dem schlechten Ruf etwas entgegen zusetzen, erklärt Lacey bei einem öffentlichen Training am Samstag, wie die Tiere gehalten werden, dass man die Tiere nicht zwingen könne, weil sie nicht zwei Shows am Tag mitmachen würden, wenn sie nicht wollten. Da könne sich jeder selbst ein Urteil bilden. Oder bei den Shows bis Ende Juli. Dann zieht das kleine Dorf wieder weiter.

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