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Miriam Dahlke (Grüne) gewann überraschend das Direktmandat im Wahlkreis 35. Hier steht sie mitten in ihrem Heimatstadtteil, am Bahnhof von Rödelheim, wo die 29-Jährige aufgewachsen ist.

Einzug in den Landtag

Was die Aufsteiger der Frankfurter Grünen im Sinn haben

Miriam Dahlke ist die große Überraschungssiegerin der Landtagswahl. Für Taylan Burcu und Mirjam Schmidt kommt der Einzug in den neuen Landtag längst nicht so unerwartet. Mit den drei Neulingen sitzen erstmals fünf Frankfurter Grüne im Landtag.

Sie wird sich verändern müssen. Miriam Dahlke (29) arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Noch. Denn nun zieht die Volkswirtin in den Landtag ein, Berufspolitikerin wird sie. Zu verdanken hat sie das dem womöglich größten Überraschungssieg, den je ein Direktkandidat erzielt hat. Nicht einmal auf einem Listenplatz hatte Miriam Dahlke gestanden. Das habe noch Zeit, dachte sie, „ich bin ja noch jung“. Falsch gedacht.

Im Ortsbeirat 7, zuständig unter anderem für ihren Heimatstadtteil Rödelheim, hat sie seit 2016 die Grünen-Fraktion geleitet. Aber schon im nahen Heddernheim war sie unbekannt. Und doch hat sie den Wahlkreis 35 dort im Nordwesten gewonnen – auch gegen den SPD-Landtagsabgeordneten Gernot Grumbach.

Jetzt also Jobwechsel. Klar, sie werde die Kollegen mit Wehmut verlassen, aber die Kollegen seien so stolz auf sie wie die Eltern. In Rödelheim wohnt sie, in Rödelheim ist sie aufgewachsen, auf der Liebigschule in Westhausen hat sie Abitur gemacht. „Dass ich in meiner Heimat gewonnen habe, freut mich besonders.“ Sie hat beim Wahlkampf auf der Straße bald gemerkt, dass die Leute ihr zuhörten. Verkehrswende, Agrarwende, Klimawandel, das alles möglichst sozialverträglich: Die grünen Themen kamen an, Miriam Dahlke kam an. Als Volkswirtin will sie dazu beitragen, das alles mit schwarzen Zahlen zu bewerkstelligen. Noch, sagt sie, habe sie kein Spezialthema. „Aber ich kann mich schnell in Neues einarbeiten.“

Politikarbeit, Sacharbeit, Überzeugungsarbeit: Das ist es, was sich auch Taylan Burcu (33) – Jurastudent, (noch) Geschäftsführer eines gemeinnützigen Dienstleistungsvereins, Eintracht-Fan – für seine erste Legislatur in Wiesbaden vorgenommen hat. Innenpolitik, Sicherheit, Bildung, das sind seine Themen. Die neuen Grünen kommen gar nicht als junge Wilde rüber. „Die Leute sagen, dass ich authentisch bin“, antwortet Taylan Burcu auf die Frage nach Stärken.

Mit einer leidenschaftlichen Rede im Kreisverband hatte der Mann aus dem Ortsbeirat 10, zuständig auch für seinen Heimatstadtteil Preungesheim, den aussichtsreichen Listenplatz 20 erobert, einer Rede gegen Populismus, gegen die Spalter der Gesellschaft. Er ist keiner, der die Probleme kleinredet, die Vielfalt auch birgt. Sozialarbeit, Streetwork – am besten mit muslimischen Vorbildern: Das brauche es, damit die Jungen in den migrantischen und prekären Milieus nicht abrutschen, am Ende gar ins Extrem. Und es brauche eine Politik, die Chancengleichheit nicht nur will, sondern organisiert.

„Ich bin kurdischer Abstammung und Alevit, ich habe früh gelernt, dass nur freiheitliche Werte Minderheiten schützen.“ Als Frankfurter mit „Migrationsvordergrund“ bezeichnet er sich. „Migrationshintergrund“, sagt er, „das Wort stammt doch eher aus einer anderen Zeit.“ Neue Zeiten also: Dass sich die Frankfurter Grünen wie die Partei insgesamt neu erfinden, wird am Tag nach dem Wahltriumph deutlich. Von „zielorientiertem Politikstil“, spricht Kreisverbandssprecher Bastian Bergerhoff, von „Klarheit in den Themen und konstruktiven Lösungen“. Auf die Leute zuzugehen, Politik nah an den Bürgern zu machen, „in der Fläche präsent sein“, auch das geben Kreisverband und Römer-Fraktion als Maxime aus. Miriam Dahlke sagt, sie wolle für ihren Wahlkreis da sein. Taylan Burcu sagt, er wolle für seinen Wahlkreis da sein.

Manuel Stock, Frakionschef der Römer-Grünen, sieht auch im Anspruch auf Bürgernähe den Wandel zur Volkspartei – von der neuen Größe nicht zu reden. Auf Augenhöhe werde man sich künftig begegnen mit CDU und SPD, sagt Stock. Und aus Wiesbaden den Rückenwind der fünf Frankfurter aufnehmen – für Themen wie Wohnungspolitik oder die Sanierung der Städtischen Bühnen.

Das sind gleich zwei Themen, für die sich auch Mirjam Schmidt (41) erwärmen kann. Kunsthistorikerin ist sie, sie liebt die Oper, sie war Assistentin des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler. Sie hat bei ihm, dem Streiter für guten Städtebau, Gefallen am Politischen gefunden. Seit zweieinhalb Jahren ist die gebürtige Fränkin und überzeugte Wahl-Frankfurterin erst bei den Grünen; sie stand auf Listenplatz 27, über ihn hat sie nach einem knapp verlorenen Wahlkreis-Rennen den Sprung in den Landtag doch noch geschafft. Im August erst war sie beruflich ins grüne Dezernat für Personal und Gesundheit gewechselt, Fachgebiet Drogenpolitik. Im Dezernat müssen sie sich nun neu umschauen. Die Wahl hat eben einiges und einige bewegt.

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