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Kunstexpertin Helena Newman vor Meidners Gemälde ?Apokalyptische Landschaft?/1912

Teure Gemälde

Auktion Sotheby’s versteigert wertvolle Bilder, die zurzeit in Frankfurt zu sehen sind

Zwei der derzeit wertvollsten Gemälde sind bis zum 20. September in Frankfurt zu sehen. Nicht etwa im Städelmuseum, sondern im Auktionshaus Sotheby’s.

Wenn am 12. November der Hammer fällt beim Auktionshaus Sotheby’s in New York, könnte ein Gemälde des deutschen Expressionisten Ludwig Meidner für mehr als 18 Millionen Dollar einen neuen Besitzer finden, denn so hoch ist der Schätzpreis des Meisterwerks. Einen noch höheren Zuschlag, „vielleicht 30 Millionen“, erwartet die Londoner Sotheby’s-Kunstexpertin Helena Newman für ein Werk des 1943 verstorbenen US-amerikanischen Malers Marsden Hartley, welcher weltweit als ein furioser Interpret der Moderne gefeiert wird. Beide Gemälde machen derzeit Station in der Frankfurter Dependance des Auktionshauses in der Mendelssohnstraße 66 im Westend.

Streng bewacht bleiben sie noch bis Donnerstag, 20. September, in der Stadt, am letzten Tag haben Interessierte die Möglichkeit, sich die Werke in der Zeit von 10 bis 18 Uhr anzuschauen. Nach dem Auftakt in Frankfurt reisen die wertvollen Gemälde weiter nach London.

Vorbesichtigungen bei Kunstauktionen sind üblich, doch bei millionenschweren „Leckerbissen“ wie diesen darf es ein bisschen mehr Rampenlicht vorab sein, das heißt, es geht auf große Tour, um potenziellen Käufern noch mehr Appetit zu machen. Viele Jahre waren die Gemälde nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen und nach der geplanten New Yorker Abendauktion „Impressionist & Modern Art“ verschwinden sie vielleicht wieder für längere Zeit in Privatbesitz. „Diese Gemälde haben eine starke Verbindung nach Deutschland, sie daher in Frankfurt zuerst zu zeigen, passt sehr gut“, erläutert Helena Newman, Expertin für die Werke von Meidner. Für dessen tumultartige „Apokalyptische Landschaft“ von 1912 hofft sie nun auf einen neuen Auktionsrekord, denn lange sei kein wichtiges Werk dieses Künstlers am Markt erschienen.

Düster zeigt der Maler eine Stadt in Chaos, Grauen und Zerstörung, ganz so als habe er den nahen Ersten Weltkrieg vorausgeahnt. Auf der ebenfalls bemalten Rückseite ist das stimmungsvolle Porträt eines jungen Mannes mit Strohhut zu sehen, der Kontrast zur depressiven Vorderseite könnte nicht größer sein: hier brechen Häuser infolge eines Erdbebens zusammen, da ist ein stiller Herr in ein Buch vertieft. „Wie andere zu dieser Zeit in Deutschland arbeitende Künstler, etwa Wassily Kandinsky oder Franz Marc, wurde auch Meidner von den zeitgenössischen künstlerischen Strömungen in Europa beeinflusst. Seine Verbindung zu den Futuristen zeigt seine Begeisterung für das moderne Großstadtleben der Zeit“, so die Expertin. Meidner starb 1966 in Darmstadt.

Freundlicher, da in seinen Farben heller, wirkt Marsden Hartleys Werk. Doch auch hier äußert sich Kriegsstimmung, weiß Helena Newman: „Seit Anfang 1913 lebte der Maler in Berlin und erlebt dort die Euphorie der Menschen bei Kriegseintritt, seine Bilder aus diesen deutschen Jahren sind eine beeindruckende Reflexion jener Stimmung.“ Geradezu hypnotisch wirkt hier die abstrakte Darstellung, je näher man ihr kommt, desto stärker der Sog, typisch für Hartleys Werk. Die Wucht erinnert an einen Bonmot der berühmten US-amerikanischen Malerin Georgia O’Keeffe, die Hartleys Farben und Kompositionen so laut fand, „wie eine Blaskapelle in einem kleinen Wandschrank“.

Erfahrungsgemäß bieten bei derart hochpreisigen Kunstauktionen die echten Interessenten am Telefon oder über Laptops mit, denn im Saal möchte keiner gesehen werden, der bereit ist die astronomischen Summen zu investieren. Auch im Rhein-Main-Gebiet sind Kunstsammler dieser Kategorie eher scheue Rehe und drängen wenig in die Öffentlichkeit. Bei Sotheby’s denkt man größer: „Natürlich gibt es Sammler in Deutschland, für die diese beiden Gemälde passend wären, um ihre Kollektion des 20. Jahrhunderts abzurunden, doch der Kunstmarkt ist inzwischen total global. Die Bieter werden vermutlich vor allem aus Asien und den USA kommen.“

Helena Newman wird bei der anstehenden Versteigerung in New York dabei sein, wie sie schon im Jahr 2001 Zeugin wurde, als jenes Meidner-Bild in London unter den Hammer kam und in europäischen Privatbesitz gelangte – seinerzeit mit einem Verkaufspreis von 1,1 Millionen Dollar vergleichsweise ein Schnäppchen. Für die Londonerin, die deutsche Literatur studierte und auch dank ihres Vaters und der Großmutter, beide gebürtige Wiener, perfektes Deutsch spricht, ist Ludwig Meidners Werk nach wie vor inhaltlich aktuell, vor allem wenn sie auf das Weltgeschehen blicke: „Diese Dramatik im Bild, das rührt mich sehr.“

Bei der öffentlichen Schau im Frankfurter Büro von Sotheby’s steht die Kunstkennerin für Fragen zur Verfügung und ist natürlich im Fall der Fälle behilflich, wenn man noch ein unbekanntes Meidner-Bild zu Hause hat und dieses gern versteigern lassen möchte. Bekanntlich wurden schon so manche Kunstschätze auf Dachböden entdeckt.

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