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Ausgezeichnete Spurensuche am Wöhler

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Von: Brigitte Degelmann

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Wälzten alte Kladden und sprachen mit der Tochter des ehemaligen Wöhlerschülers Dagobert Salomons: Die Mitglieder der Arbeitsgruppe Spurensuche, die für ihr Engagement jetzt ausgezeichnet wurden. FOTO: enrico sauda
Wälzten alte Kladden und sprachen mit der Tochter des ehemaligen Wöhlerschülers Dagobert Salomons: Die Mitglieder der Arbeitsgruppe Spurensuche, die für ihr Engagement jetzt ausgezeichnet wurden. © sauda

Frankfurter Gymnasiasten erhalten Beni-Bloch-Preis der Jüdischen Gemeinde

Dagobert war ein ganz normaler, lebenslustiger Junge. Einer, der seinen Eltern vermutlich wenig Sorgen bereitete, weil er in der Wöhlerschule, die er seit 1931 besuchte, Klassenbester war und außerdem im Schulorchester Violine spielte. Einer, dem die Zukunft offenstand, wie es so schön heißt. Doch dann kamen im Januar 1933 die Nationalsozialisten an die Macht. Was Dagobert, der mit Nachnamen Salomons hieß und Jude war, in den folgenden Jahren passierte, wissen inzwischen etliche Wöhlerschüler. Dank des Engagements der Arbeitsgruppe Spurensuche in dem Gymnasium am Dornbusch. Seit den 1990er-Jahren werden hier die Biografien jüdischer Wöhlerschüler aufgearbeitet, die während der NS-Diktatur verfolgt wurden. Dafür wurde die AG kürzlich von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt mit dem Beni-Bloch-Preis für Jugendengagement ausgezeichnet.

Podcast erinnert an Dagobert Salomons

Preiswürdig erschien der Jury vor allem die Idee der Schüler, diese Lebensgeschichten nicht nur schriftlich festzuhalten, sondern auch in digitaler Form: als Podcasts, also als Hörbeiträge, die übers Internet abgerufen werden können. Schließlich hörten viele Jüngere lieber Podcasts als Bücher zu lesen. So wachse die Reichweite, hoffen Vincent und Caroline, die sich in der AG Spurensuche engagieren - zusammen mit Schülern der neunten und zehnten Jahrgangsstufe sowie aus der Q-Phase. Auch Interviews und historische Audiozeugnisse könne man in die Beiträge einbauen. Vom Preisgeld in Höhe von 1000 Euro wollen die Schüler nun das Equipment für die Podcasts besorgen, beispielsweise Mikrofone, Kabel und Schnitt-Software.

Mit der Hilfe von Lehrerin Dorothée Guillemarre, die die Arbeitsgruppe seit mehreren Jahren leitet, haben sie bereits etliche Informationen gesammelt. Beispielsweise über Dagobert Salomons. Mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Hanna lebte er zunächst im Westend, wo damals auch das Gymnasium stand. Später zog die Familie an den Bornheimer Hang. Als einer der letzten jüdischen Schüler musste er die Wöhlerschule 1936, mit 16 Jahren, verlassen und begann eine kaufmännische Lehre, ehe er 1938 floh. Per Fahrrad schaffte er es über die Grenze in die Niederlande, später nach Kolumbien. Obwohl er einen Großteil seiner Familie - unter anderem seine Eltern und seine Schwester - im Holocaust verlor, kehrte er nach dem 2. Weltkrieg wieder nach Deutschland zurück.

Einiges aus dem Leben des früheren Wöhlerschülers wissen die Jugendlichen auch aus einem langen Gespräch mit seiner Tochter, die sie in Darmstadt aufgespürt haben. "Für uns war dieses Treffen eine sehr beeindruckende Erfahrung", erinnern sich Anne und Darya. Die Tochter habe ihnen unter anderem erzählt, dass ihr Vater in Deutschland nach seiner Rückkehr nie mehr richtig Fuß fassen konnte und auch schlechte Erfahrungen mit Alt-Nazis machte. Denn, ergänzt Hannes, "es gab keine Stunde null, wie immer behauptet wird, sondern eine Kontinuität von Persönlichkeiten. Das fand ich schon sehr krass".

Auch vor dem Hintergrund des wieder erstarkenden Rechtsextremismus in Deutschland wollten er und die anderen Mitglieder der AG vom Schicksal verfolgter jüdischer Wöhlerschüler erzählen, sagt Hannes. Zum Beispiel von Friedrich Schafranek, der mit seinen Eltern und seinem Bruder ins Ghetto Lodz verschleppt wurde und schließlich im KZ Auschwitz landete. Seine gestreifte Häftlingsjacke ist heute im Jüdischen Museum in Frankfurt zu sehen. An Dagobert Salomons erinnert seit einem Jahr übrigens eine Vitrine in der Wöhlerschule, die die AG Spurensuche gestaltet hat. Sie zeigt unter anderem Fotos aus seiner Kindheit in Frankfurt, ein Englisch-Lehrbuch aus jener Zeit und auch ein Taschenmesser, das er einst besaß. Auf diese Weise wolle man sein Schicksal greifbar machen, erklärt Darya - zeigen, dass der Holocaust nicht eine Ansammlung abstrakter Zahlen und Daten ist, sondern für jüdische Wöhlerschüler und Millionen anderer Menschen grausige Realität war. Denn, sagt Anne, "auch wir haben die Verantwortung, dass Geschichte nicht vergessen wird".

Brigitte Degelmann

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