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Gesichter der Abhängigkeit: Jennifer Blaine steht vor einer Fotocollage, die den Weg ihrer Sucht bebildert.

Bahnhofsviertel

Ausstellung im Yok-Yok zeigt Porträts von Drogensüchtigen

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Im Bahnhofsviertel tummeln sich Hipster, Kreative und Gastronomen. Für Schlagzeilen sorgen aber vor allem die Suchtkranken. Als anonyme Gruppe führen sie ein Leben in einer Parallelwelt. Eine Fotoausstellung versucht jetzt, diesen Menschen ein Gesicht zu geben.

Die Drogenszene im Frankfurter Bahnhofsviertel sorgt allerorts für Diskussionen. Nachbarn und Gewerbetreibende, Politik und Polizei streiten über richtig und falsch im Umgang mit der offenen Szene in der Elbe- und Niddastraße, suchen angestrengt Wege in eine sorgenfreiere Zukunft. Schutz der Bürger, Maßnahmen gegen Kriminalität, Hilfe für Drogenkranke – das sind die Eckpfeiler der Debatte, bei der die Abhängigen selbst, wenn überhaupt, eher selten zu Wort kommen.

Rund 5000 Menschen haben in diesem Jahr die Drogen- und Suchthilfe in Frankfurt in Anspruch genommen – eine anonyme Masse, ohne Namen, ohne Gesicht und in den Augen mancher schlichtweg: Kriminelle, die bestenfalls bemitleidenswert, sicher aber beängstigende Störfaktoren sind. Die öffentliche Wahrnehmung geht dabei den Weg des geringsten Widerstands. Mit der Ausstellung „Lost Christmas – Weihnachtswünsche aus der Elbestraße“, zu sehen noch bis zum 1. Januar im Kult-Kiosk „Yok-Yok“ auf der Münchner Straße, will der Fotograf und Szenekenner Ulrich Mattner gegen die Stigmatisierung Suchtkranker angehen. „Uns ist es wichtig, die ganze Drogendiskussion mal aus Sicht der Schwerstabhängigen darzustellen. Denn die kommen immer zu kurz“, so Mattner, der neun Suchtkranke für die Schau fotografiert hat.

Eine von ihnen ist Jennifer Blaine. Die gebürtige Oberurselerin war selber über viele Jahre „auf der Szene“. Mit Drogen kam sie schon früh in Kontakt: Im Alter von zwölf Jahren trank sie zum ersten Mal Alkohol. Für ihre Lehrer war sie schon zu Schulzeiten hochgradig suchtgefährdet.

In ihrer Biografie liegen tiefste Trauer und großes Glück dicht an dicht. Während ihrer Ausbildung zur Arzthelferin lernte sie, damals sechzehnjährig, ihre große Liebe kennen. Er war fünfzehn Jahre älter als sie und im Methadonprogramm jener Praxis, in der Jennifer arbeitete. Die beiden verliebten sich, wurden ein Paar. Drei Jahre lang haben sie zusammen gelebt, zusammen konsumiert. Erst Kokain, dann Heroin. Er trank täglich eine Palette Dosenbier und starb schließlich an Leberzirrhose in Jennifers Armen. Durch den Tod ihres Partners wurde sein Platz im Methadonprogramm frei – Jennifers Rettung.

Heute lebt die 37-Jährige von ihrer Grundsicherungsrente. Sie hat für Mattner den Kontakt zu den Drogenabhängigen hergestellt, sie interviewt und gefragt, was sie sich für ihr Leben im Bahnhofsviertel wünschen. „Den Menschen muss mehr geholfen werden. Für sie ist es vor allem wichtig, dass sie eine Anlaufstelle haben, einen Ort, an dem sie sich auch nachts aufhalten können“, so Blaine, „denn die Druck- oder Konsumräume schließen vor Mitternacht.“ Im Zuge dieses Kunstprojekts erhalten im Viertel seit Jahren bekannte Abhängige erstmals öffentlich ein Gesicht.

„Diese Menschen leben hier. Und sie sind es, denen es im Viertel am schlechtesten geht“, sagt Fabian Parusel von der Agentur „next“ mit Sitz in der Kaiserstraße. Er hat bei der Umsetzung der Ausstellung geholfen und wünscht sich, mit dem Projekt die „aktive Wahrnehmung“ jener Menschen zu fördern, um die sonst gemeinhin ein weiter Bogen gemacht wird. Denn Wegschauen bringt gar nichts.

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